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Erntefrische Äpfel in Dresden: "Wenn mich so ein rotes Exemplar anlacht..."

Obstbauer Ulrich Rüdiger und seine Frau Ute haben sich nach der Wende selbstständig gemacht und ernten nun 500 Tonnen Äpfel - ein Leben in der Plantage.

Von Nadja Laske
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In Ute und Ulrich Rüdigers Hofladen haben die Kunden die Wahl zwischen Gala, Elstar, Wellant, Delbarestivale und vielen weiteren Produkten aus eigenem Anbau.
In Ute und Ulrich Rüdigers Hofladen haben die Kunden die Wahl zwischen Gala, Elstar, Wellant, Delbarestivale und vielen weiteren Produkten aus eigenem Anbau. © René Meinig

Dresden. Wie war das nochmal: ein Apfel am Tag? Man sagt, er halte den Arzt auf Abstand. "Fünf Äpfel!", korrigiert Ute Rüdiger und lächelt verschmitzt. Fünf brauche der Mensch täglich, um fit und gesund zu bleiben. Ihr Mann Ulrich nickt bedächtig. Der Obstbauer muss es wissen - noch dazu jetzt, wo der Verkauf seiner Ernte im besten Gange ist. Gala, Elstar, Wellant und der mit dem schwierigen Namen - Delbarestivale, auch bekannt als Delcorf.

Im Obsthof Rüdiger in Dresden-Weißig stehen riesige Schütten voller Äpfel, frisch gepflückt in den Plantagen bei Stolpen. Es duftet süß, frisch, ein bisschen nach Honig, ein wenig nach Citrus.

Wenn Ulrich Rüdiger auf seine Apfelberge und all die anderen Produkte schaut, die im Laufe der Jahre zum Angebot des Hofladens dazugekommen sind, wirkt er zufrieden. Keiner konnte wissen, ob sein mutiges Unterfangen gut laufen würde, als er sich kurz nach der Wende zur Selbstständigkeit entschloss.

Von acht auf 50 Hektar

Während der DDR-Zeit war seiner Familie nichts anderes übrig geblieben, als Land und Arbeitsleben der LPG zu verschreiben. Doch Anfang der 1990er Jahre standen acht Hektar Apfelplantage bei Elbersdorf zum Verkauf, und Rüdiger nutzte die Chance. Heute bewirtschaftet der gelernte Obstbauer insgesamt rund 50 Hektar. Äpfel sind sein Hauptgeschäft, dazu kommen verschiedenste Beeren, Gurken, Tomaten, Paprika, Zucchini, Auberginen und vieles mehr.

"Wir sind schon recht bald mit dem Hänger voller Äpfel am Traktor nach Weißig gefahren und haben sie dort an unserem Verkaufsstand verkauft", erzählt Ute Rüdiger. Die gelernte Technische Zeichnerin hat vor der Wende als Teilkonstrukteurin gearbeitet und ist dann als "gute Seele" für Büro und allgemeine Organisation in den Betrieb ihres Mannes eingestiegen. Die beiden haben zwei Söhne, die ebenfalls im Obstbau arbeiten - der ältere im Betrieb der Eltern, der jüngere selbstständig in Hosterwitz. "Gott sei Dank!", stößt Ulrich Rüdiger aus. Wer wie er ein Geschäft über Jahrzehnte aufgebaut hat, ist glücklich, wenn es die Jungen fortführen.

Als Ulrich Rüdiger die acht Hektar übernahm, reiften dort ganz andere Sorten, als heute: Alter Idared, Gloster und James Grieve, später Rubinette, Shampion, Gelber Köstlicher, auch Golden Delicious genannt. "Den mag ich nicht", sagt Ulrich Rüdiger unverblümt. Aber um seinen eigenen Geschmack geht es eher weniger, wenn er sich beim Pflanzen neuer Bäume für Sorten entscheiden muss. "Die Geschmäcker und die klimatischen Bedingungen haben sich geändert", sagt der 63-Jährige. Darauf muss er reagieren.

Feierabend selten vor 21 Uhr

Wie das Bauern so machen, steht auch Ulrich Rüdiger mit den Hühnern auf. Dabei hat er nur einen Hund. Fünf Uhr morgens beginnt er den Tag. "Egal wie viel zu tun war, wir haben es in der Familie immer so gehalten, dass wir zu den Mahlzeiten gemeinsam am Tisch sitzen", erzählt er. Nach dem Frühstück weist er seine sieben Mitarbeiter ein. Obstbau ist immer, ganz egal zu welcher Jahreszeit.

Von Anfang September bis Ende Oktober wird geerntet, im Herbst gepflanzt und durch den Winter hindurch das Gehölz verschnitten. Im Frühjahr beschäftigt der Pflanzenschutz das Team, und verkauft wird rund ums Jahr. "Feierabend haben wir kaum vor 21 Uhr, und erst seit einigen Jahren gönne ich es mir, sonntags nicht zu arbeiten", so Rüdiger.

Aber Zeit zum Reisen nimmt er sich zusammen mit seiner Frau hin und wieder. Möglichst weit weg will er dann. "Und ich muss wissen, dass der Flieger auch ohne mich abhebt." Sonst gäbe es immer und immer noch etwas zu tun, und der Urlaub begänne nie. Den hat das Paar in der Türkei, Australien und verschiedenen Ländern Afrikas verbracht. Auch in Neuseeland. "Weiter weg geht ja nicht."

Strom, Diesel, Lohnkosten

Doch egal, wie viele Tausend Kilometer zwischen hier und dort liegen, eins lässt sich Ulrich Rüdiger nicht nehmen: In jedem Land, das er besucht, will er wissen, wie der Obstbau funktioniert. "Das schaue ich mir alles an", sagt er. Aber manchmal sehe er auch lieber weg, so übel seien die Arbeitsbedingungen und ökologischen Gepflogenheiten. Kaum zum Aushalten. Das wolle hier kein Konsument wahrhaben.

Die Kunden aus Dresden und Umgebung bekommen von Rüdigers regionale Äpfel, deren Anbau transparent ist, ebenso wie der Preis. Ja, auch der für Äpfel ist gestiegen: "Wir müssen jetzt viel mehr für Strom und Kraftstoff zahlen. Gerade sind die Lohnkosten mit dem Mindestlohn wieder mehr geworden. Das macht ein Plus von 25 Prozent aus", erklärt der Obstbauer. Mit 1,80 Euro pro Kilogramm für alle Sorten sind die Käufer dennoch deutlich besser dran als im Supermarkt - und: Sie stärken die einheimische Wirtschaft.

Ihre insgesamt rund 500 Tonnen schwere Ernte dieses Jahres verkaufen Ute und Ulrich Rüdiger nicht nur im eigenen Hofladen, sondern auch über die Erzeugerorganisation Borthen. "Ich empfehle Kunden, im Handel nach dem Siegel VEOS und nach dem Label Sachsenobst Ausschau zu halten."

Vielleicht müssen es nicht wirklich fünf Äpfel am Tag sein. Rüdigers essen täglich welche, Menge variabel. "Manchmal ist es halt doch nur einer", sagt Ulrich Rüdiger, "Aber wenn mich so ein leuchtend rotes Exemplar am Baum anlacht, dann greife ich natürlich zu."