Dresden
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"Für die Bombe kann ja keiner was"

Evakuierungen, Straßensperren und Notunterkünfte: Am Donnerstag wurde in der Dresdner Friedrichstadt eine 250 Kilogramm schwere Weltkriegsbombe entschärft.

Von Dominique Bielmeier & Alexander Schneider & Juliane Just & Moritz Schloms
 5 Min.
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Blick in "rote Zone": Bombenfundort in der Dresdner Friedrichstadt. Hier lag der 250 Kilogramm schwere Sprengkörper aus dem Zweiten Weltkrieg.
Blick in "rote Zone": Bombenfundort in der Dresdner Friedrichstadt. Hier lag der 250 Kilogramm schwere Sprengkörper aus dem Zweiten Weltkrieg. © Matthias Rietschel

Dresden. Hans-Joachim Zorn sitzt mit seiner Ehefrau Gerlinde in der Notunterkunft in der Messe Dresden und unterhält die Umstehenden mit Galgenhumor. Der 80-Jährige hat schon zwei Schlaganfälle überlebt, nun kommt die stressige Situation einer Notevakuierung hinzu. Das Ehepaar Zorn hat seine Wohnung in der Bräuergasse am Morgen verlassen müssen, als sie von Nachbarn von der Bombe erfuhren. Seine gute Laune lässt sich Zorn davon jedoch nicht verderben.

Für viele nicht die erste Evakuierung

Bereits am Mittwochvormittag hatte die Polizei vermeldet, auf einer Baustelle in der Friedrichstadt, nahe der Kreuzung Friedrichstraße/Waltherstraße, sei eine 250 Kilogramm schwere Bombe amerikanischer Bauart gefunden worden. Experten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst untersuchten die Weltkriegsbombe und ordneten Evakuierung und Entschärfung für den darauffolgenden Tag an.

Es ist um neun am Donnerstagmorgen, als die Polizei mit der Evakuierung beginnt. Zufahrtsstraßen zum Sperrgebiet werden abgeriegelt. Die Beamten verweisen Autofahrer und Passanten auf Alternativrouten. Das führt zu Staus in der Friedrichstadt, etwa auf der Schäferstraße. Die Beamten klingeln bei den Anwohnern in der Sperrzone, um sie zum Verlassen ihrer Häuser aufzufordern. Auch über die sozialen Medien macht die Polizei auf die Evakuierung aufmerksam.

Für die Anwohner, die das Gebiet nicht selbstständig verlassen können, stehen am Krankenhaus Friedrichstadt Shuttlebusse bereit. Für diejenigen, die kurzfristig keine andere Bleibe finden, öffnet die Notunterkunft in der Messe Dresden. Kitas im Sperrbereich bleiben geschlossen, am Sportgymnasium und in der Sportoberschule fällt der Unterricht aus.

"Ich habe aufgehört zu zählen": DRK-Helfer Björn Händler hat schon mehrere Evakuierungen miterlebt.
"Ich habe aufgehört zu zählen": DRK-Helfer Björn Händler hat schon mehrere Evakuierungen miterlebt. © Matthias Rietschel

Für viele der freiwilligen Helfer und Anwohner der Friedrichstadt ist es nicht die erste Evakuierung aufgrund einer gefundenen Weltkriegsbombe. Erst vor einem Jahr wurde an der Ecke Fröbelstraße/Semmelweisstraße eine Bombe gefunden. Damals erfolgte die Evakuierung über Nacht und rund 400 Anwohner mussten die von der Stadt bereitgestellten Notunterkünfte nutzen.

Auch Björn Händler vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) hat schon einige Evakuierungen miterlebt. "Ich habe aufgehört zu zählen", stellt er dazu lakonisch fest. Dieses Mal war manches erträglicher, findet er. Die Evakuierung läuft am Tag, viele Anwohner sind auf der Arbeit oder in der Schule. Auch deshalb müssen wesentlich weniger Personen in den Notunterkünften betreut werden.

Insgesamt finden sich nur etwa 24 Menschen in den beiden Notunterkünften. Neben der Messe wurden nur wenige Corona-Infizierte eigens in einer Löbtauer Turnhalle untergebracht. Polizeisprecher Thomas Geithner sagt dazu in einem Twitter-Interview: "Wir haben uns entschieden, einen strukturierten Einsatz durchzuführen und den Anwohnern den nötigen Vorlauf zu geben, damit diese sich selbst organisieren können." In der Notunterkunft gibt es an diesem Vormittag viel Lob für den Polizeieinsatz.

"Die kamen mit Keksen": evakuiertes Ehepaar Zorn am Donnerstag in der vorübergehenden Notunterkunft.
"Die kamen mit Keksen": evakuiertes Ehepaar Zorn am Donnerstag in der vorübergehenden Notunterkunft. © Matthias Rietschel

Zu vereinzelten Problemen kommt es rund um das Krankenhaus Friedrichstadt. Dieses befindet sich nicht in der sogenannten "roten Zone", musste also nicht evakuiert werden. Allerdings haben Patienten der Arztpraxen auf dem Gelände und auch entlang der Friedrichstraße das Nachsehen. Die nämlich bleiben geschlossen.

Nicht alle Patienten haben das offenbar mitbekommen. Ein Vater, der einen Termin hat, weiß nichts von dem Bombenfund und der Evakuierung des Gebietes. Er ist verärgert, weil er nach eigenen Angaben dreimal im Klinikum angerufen hat. Unter der Rufnummer habe es jedoch nur eine allgemeine Bandansage gegeben.

"Das war für mich sehr aufwühlend": Familienmutter Nemone Ashemi mit Kindern in der Messe.
"Das war für mich sehr aufwühlend": Familienmutter Nemone Ashemi mit Kindern in der Messe. © Matthias Rietschel

Ein kurzes Drama erlebt auch Nemone Ashemi. Sie hat ihre Wohnung in der Hamburgerstraße gegen acht Uhr kurz verlassen, als sie jedoch zurück will, ist das Gebiet bereits von der Polizei gesperrt. "Das war für mich sehr aufwühlend, weil ich dachte, ich könnte nicht mehr zu meinen Kindern", sagt sie. Die Polizei hat sie schließlich in die Wohnung begleitet. Anschließend fuhren sie und ihre Kinder selbst in die Notunterkunft in der Messe. Dort vertrieb sich der Nachwuchs mit Malen die Zeit.

Es ist gegen 13 Uhr, als die Evakuierung beendet ist. Der beauftragte Sprengmeister Robert Ludewig beginnt mit der Entschärfung. Da an der Bombe der sogenannte Kopfzünder verformt ist, wird er mit einer Wasserschneidanlage entfernt. "Wir mussten drei Kabelstränge - für Druckluft, das Wasser-Sand-Gemisch und die Videotechnik - auf einer Länge von 400 Meter verlegen", sagt der Sprengmeister. Anschließend habe man die Bombe aus der Entfernung aufgeschnitten.

Den Schnittverlauf hätten sie nicht nur auf Monitoren verfolgt, sondern mehrfach auch vor Ort kontrolliert. Das sei einer der Gründe, warum die Entschärfung länger gedauert hat, als zunächst angenommen. Zudem habe man mehr Wasser gebraucht, die Behälter mussten einmal nachgefüllt werden.

Gegen 15.30 Uhr schließlich die erfolgreiche Entschärfung. Nachdem der Zünder abgetrennt ist, wird er separat gesprengt. Die Fliegerbombe kommt zur Entsorgung in die zentrale Sammelstelle nach Zeithain.

Um 16.06 Uhr werden die Evakuierungsmaßnahmen und Straßensperren aufgehoben, die Anwohner können zurück in ihre Häuser.

Gegen 17 Uhr sitzt auch der 80-jährige Hans-Joachim Zorn wieder in seiner Wohnung und spricht von einem belastenden Tag. Besonders die Sorge, wie lange der Evakuierungszustand anhalten würde, habe das Ehepaar umgetrieben, sagt er. Aus einer schlechten Situation hätten die Helfer vom DRK und die Polizei jedoch das Beste herausgeholt. "Die kamen mit Keksen und Nachrichten zum Stand der Dinge zu uns, haben sich rührend um uns gekümmert." Zum Abschluss stellt er noch fest: "Für die Bombe kann ja keiner was, aber wie nett alle miteinander waren, das ist das Entscheidende."