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Mehr als nur der Mann mit der Leiter

Die Heilandskirche in Dresden-Cotta ist gerade frisch herausgeputzt. Joachim Reichel ist in ihr nicht nur Hausmeister. Er ist auch Zuhörer und Erfinder.

Bei der Sanierung der Heilandskirche in Cotta wurde Joachim Reichel zum unverzichtbaren Bindeglied.
Bei der Sanierung der Heilandskirche in Cotta wurde Joachim Reichel zum unverzichtbaren Bindeglied. © Christian Juppe

Dresden. Viele "Aaaahs" und "Ooohs" schallen in letzter Zeit durch die Heilandskirche in Dresden-Cotta, seit ihr Innenraum in jahrelanger Arbeit aufwändig instandgesetzt wurde. Mehr als eine Million Euro konnten dafür genutzt werden. Zuvor war die Kirche von Geldmangel und Wassereinbrüchen gezeichnet gewesen.

Nun strahlt die gewaltige Kuppel wieder, der Kronleuchter ist höhenverstellbar. Moderne Glaswände grenzen an den Seiten die neue Kinderkirche und die Taufkapelle ab.

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Und was sagt Joachim Reichel, in einem Anflug überbordender hausmeisterlicher Euphorie? "Ist ganz gut geworden."

Seit 2016 ist der lange, drahtige Mann mit der hohen Stirn Angestellter beim Kirchspiel Dresden-West, das sich zehn Jahre zuvor durch die Vereinigung der Gemeinden Briesnitz, Cossebaude, Cotta und Gorbitz gebildet hatte. "Etwas Besseres hätte mir gar nicht passieren können", sagt der 59-Jährige nun zum fünfjährigen Dienstjubiläum. Und das ist bei ihm viel mehr als eine Floskel.

Die Heilandskirche an der Tonbergstraße wurde 1927 eingeweiht. Der Innenraum wurde jüngst aufwändig saniert.
Die Heilandskirche an der Tonbergstraße wurde 1927 eingeweiht. Der Innenraum wurde jüngst aufwändig saniert. © Christian Juppe

Gebürtig stammt Reichel aus Herrnhut in der Lausitz und kam Mitte der 90-ern für seine Frau nach Dresden. Als gelernter Schlosser spezialisierte er sich auf die Denkmalpflege und arbeitete jahrelang für ein großes Dresdner Unternehmen, bis ihn der Burnout in die Knie zwang. "Zweieinhalb Jahre war ich komplett raus", sagt er. Die Belastung mit den ständigen Montagereisen und der Familie war zu groß geworden.

Inzwischen sind die Kinder groß. Reichel wohnt in Cossebaude und singt in der Kantorei der dortigen Gemeinde. Als er 2016 erfuhr, dass der Hausmeister des Kirchspiels auf dem Weg in den Ruhestand ist, sah er seine Chance zum Neubeginn gekommen und bewarb sich auf den Posten. Mit Erfolg.

Seitdem ist Reichel der Mann für alle Fälle in den Kirchen. Drei Tage in der Woche arbeitet er in Cotta und jeweils einen in Briesnitz und Cossebaude. Zwei Mitarbeiter, auf die er große Stücke hält, unterstützen ihn je 30 Stunden in der Woche. "In und um die Heilandskirche ist am meisten zu tun", sagt er, und das gelte nicht nur für die Jahre der Sanierung.

"Gelernter DDR-Bürger"

Der Grundstein für die Kirche mit dem auffällig breiten Turm wurde 1914 gelegt. Nach Baustopp während Krieg und Inflation kam es allerdings erst 1927 zur Weihe.

Mit Zollstock in der Gesäßtasche läuft Jochen Reichel die Treppen unterhalb des Haupteingangs hinab und öffnet die Tür zu einer Welt, die sonst kaum ein Besucher zu Gesicht bekommt. Der riesige Keller diente schon immer als Lagerraum, sah allerdings nicht immer so aufgeräumt aus. "Für eine Tiefgarage ist es leider wegen der Säulen zu eng", scherzt Reichel.

Stattdessen warten hier Bretter und Farbe auf ihren Einsatz, genauso wie Lampen und Rohre. "Als gelernter DDR-Bürger wirft man ja so schnell nichts weg", sagt er und lächelt vielsagend.

Verantwortlich ist er mit seinem Team grundsätzlich für die Instandhaltung und Reinigung der Kirchenbauten. Praktischerweise ist er in vielen Bereichen selbst Profi oder zumindest Halbprofi.

Wenn beim Abschrauben eines Handlaufs der Sandstein gleich mitkommt, dann setzt er ihn eben fix wieder ein. Auch mit Maler- und Tischlerarbeiten ist er vertraut und spart der Gemeinde damit viel Geld.

Wenn es um Metall geht, kann Reichel sowieso niemand etwas vormachen. Das schmiedeeiserne Geländer im Glockenstuhl der Briesnitzer Kirche arbeitete er selbst auf, genauso wie zuletzt die stählernen Fensterrahmen der Heilandskirche.

Der Alles-Könner: Jochen Reichel in seiner Werkstatt im Keller der Heilandskirche.
Der Alles-Könner: Jochen Reichel in seiner Werkstatt im Keller der Heilandskirche. © Christian Juppe

Oft hatte Reichel dabei auch interessierte Zuschauer. Die Kinder des Kindergartens "Sonnenhügel", der gleich auf dem Kirchengelände ist, testeten mit Vorliebe seine Geduld aus, doch auch nach der zehnten "Was machst'n du da?"-Frage die Leiter hinauf gelang es Reichel, freundlich zu bleiben. Auch das ist eine Kunst.

Der Kunst des Schmiedens widmet sich der Hausmeister unterdessen nebenbei in seiner eigenen Schmiede in Ockerwitz, in der er gemeinsam mit einem Mitstreiter seinen Teil dazu beiträgt, das alte Handwerk am Leben zu erhalten. Auch auf Festen und in Grundschulen schwingt Reichel zu diesem Zweck gern mal den Hammer.

Selbstverständlich hat er auch unter der Heilandskirche eine Werkstatt, besser gesagt sogar zwei. Da die alte feucht war und das Werkzeug vor sich hin rostete, richtete er sich eine neue im früheren Kohlekeller ein.

Kohlekessel außer Dienst

Die beiden Kohlekessel sind zwar seit zwei Jahren außer Dienst, bleiben aber an ihrem Platz. Nur zu gut erinnert sich Reichel daran, wie er in den ersten Jahren oft morgens 4 Uhr mit dem Anfeuern beginnen musste, damit die Kirche zum Gottesdienst 10 Uhr wenigstens 18 Grad erreichte. Inzwischen sind seine Arbeitszeiten deutlich humaner.

Auch während der heißen Phase der Bauarbeiten in der Heilandskirche achtete Reichel mehr auf sich, als er das früher getan hätte. "Ich habe gelernt, auch mal Nein zu sagen." Meist sagt er aber wohl trotzdem "Ja", hat sich mit den Jahren unverzichtbar gemacht und wird von jedem geschätzt.

Nicht zufällig hob ihn kürzlich der für die Sanierung verantwortliche Dresdner Architekt Christian Schaufel bei seiner kurzen Ansprache während des Einweihungsgottesdienstes als "die gute Seele des Hauses" hervor. Als Bindeglied zwischen Architekt und Baufirmen sei er unheimlich wichtig gewesen.

"Genau am richtigen Ort"

"Wir können uns die Heilandskirche ohne Herrn Reichel gar nicht mehr vorstellen", sagt auch Pfarrerin Bettina Klose. "Er kann gut mit Menschen umgehen, hat immer ein offenes Ohr und ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe." Das sei bei den vielen Hilferufen, die ihn erreichen, auch wichtig. "Wir sind sehr froh und dankbar, dass er in unserer Gemeinde arbeitet und ich habe den Eindruck, er ist genau am richtigen Ort."

Nicht zuletzt schätze sie seine kreativen Ideen und seinen Erfindergeist. So habe er zum Beispiel eine Regenwassersammelanlage entwickelt, die im Keller des Gemeindehauses steht und mit der künftig das Gelände bewässert werden kann. Mitgedacht, statt Dienst nach Vorschrift. Dieser Hausmeister ist eben nicht nur der Mann mit der Leiter.

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