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Dresden stellt Heizrekord auf

Die Kälte sorgt für einen ungeahnten Wärmehunger. Aber wie gut ist das Fernwärmenetz vor einem Ausfall wie in Jena geschützt?

Obermonteur Tony Krampe prüft im unterirdischen Bauwerk unweit des Dresdner Hauptbahnhofs eine neu eingebaute Absperr-Armatur der Fernwärmeleitung in Richtung Südvorstadt.
Obermonteur Tony Krampe prüft im unterirdischen Bauwerk unweit des Dresdner Hauptbahnhofs eine neu eingebaute Absperr-Armatur der Fernwärmeleitung in Richtung Südvorstadt. © Sven Ellger

Dresden. Dieser Winter ist so kalt wie schon seit Jahren nicht mehr. Da ist Abteilungsleiter Bernd Lehmann mit seinem 80-köpfigen Team von der SachsenEnergie gefordert, damit das Dresdner Fernwärmenetz reibungslos funktioniert. Wie wichtig das ist, zeigt eine Katastrophe in Jena. Am Mittwoch war dort eine Fernwärmeleitung vom Kraftwerk Winzera ausgefallen, sodass bei klirrender Kälte 6.500 Wohnungen im Norden der Stadt keine Wärme hatten. Die Stadt rief den Katastrophenfall aus. Erst am Donnerstagvormittag konnten nach der Reparatur die Häuser wieder mit Wärme versorgt werden. Kann das Dresden auch passieren?

Der kalte Winter: Kraftwerke müssen jetzt kräftig heizen

Das Fernwärmenetz wird immer länger und auch moderner. So können 120.000 Wohnungen und 5.700 Geschäftsgebäude selbst bei starker Kälte zuverlässig mit Fernwärme versorgt werden.

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Die sechs Dresdner Kraftwerke der SachsenEnergie heizen den Dresdnern so kräftig ein, dass ein Rekordwert für die vergangenen Jahre erzielt wurde. Lag die Höchstleistung am Montag bei minus acht Grad noch bei 658 Megawatt (MW), so erreichten die Kraftwerke am Dienstag bei minus zehn Grad 691 MW. Am Mittwoch wurde der Rekordwert von 745 MW bei minus 16 Grad erreicht und am Donnerstag bei minus acht Grad 670 MW.

Die höchste Leistung der vergangenen Jahre wurde zuvor am 28. Februar 2018 mit 693 MW bei minus 13 Grad erreicht. Vor Probleme stellt das die Dresdner Kraftwerke aber nicht. Sie haben eine Gesamtkapazität von 812 MW.

Das Kraftwerk Nossener Brücke muss derzeit kräftig heizen. Am Mittwoch wurde ein Rekordwert erreicht. Die Dresdner Kraftwerke mussten ihre Leistung auf 745 Megawatt hochfahren.
Das Kraftwerk Nossener Brücke muss derzeit kräftig heizen. Am Mittwoch wurde ein Rekordwert erreicht. Die Dresdner Kraftwerke mussten ihre Leistung auf 745 Megawatt hochfahren. © Peter Hilbert

Das Netz: 368 Kilometer seit der Wiedervereinigung gebaut

„In den vergangenen Jahren haben wir viel geschafft“, sagt Abteilungsleiter Lehmann, der für den Betrieb des Fernwärmenetzes zuständig ist. Die jetzt mit dem Regionalversorger zur SachsenEnergie fusionierte Drewag hat das Netz seit der Wiedervereinigung um 368 auf 618 Kilometer erweitert. Im vergangenen Jahr waren es 18 Kilometer. Allein für den fast abgeschlossenen Anschluss von Pieschen ans zentrale Netzt wurden fast 45 Millionen Euro investiert. Dafür wurde auch der Fernwärmetunnel neben der Marienbrücke gebaut, der im Dezember vergangenen Jahres in Betrieb genommen werden konnte.

Für die Öffentlichkeit nicht sichtbar verlaufen die großen Fernwärmeleitungen durch solche Kanäle im Untergrund. Seit der Wiedervereinigung wurde das Dresdner Netz um 368 Kilometer erweitert.
Für die Öffentlichkeit nicht sichtbar verlaufen die großen Fernwärmeleitungen durch solche Kanäle im Untergrund. Seit der Wiedervereinigung wurde das Dresdner Netz um 368 Kilometer erweitert. © Sven Ellger

Die Störung: Zahl der Ausfälle deutlich gesunken

Die Investitionen ins Fernwärmenetz zahlen sich aus. „Im Fernwärmenetz gibt es keine gravierenden Störungen“, sagt Lehmann. Schäden gibt es vor allem an Kesselanlagen, Heizungspumpen oder an Dichtungen der Armaturen. Im vergangenen Jahr mussten die Sachsennetz-Monteure 174-mal ausrücken. „Anfang der 1990er-Jahre waren es dreimal so viele Störungen“, blickt der 65-Jährige zurück.

Durch den starken Frost sei die Zahl der Störungen derzeit zwar wieder gestiegen. „Die meisten Beschwerden kommen aber, weil die Heizung nicht warm genug ist.“ Das liege meistens daran, dass der Hauseigentümer nicht genug Heizleistung bei der SachsenEnergie bestellt hat, sodass die Kapazität bei starkem Frost nicht ausreicht.

Lehmann rät, derzeit die Heizung auch in ungenutzten Räumen nicht ganz abzudrehen. Erste geplatzte Heizkörper sind seit langer Zeit wieder auf der Tagesordnung.

Die Aufträge: Monteure bekommen neue Industrie-Tablets

Bereits seit 2013 sind Lehmanns 60 Monteure mit Tablet-PCs ausgestattet, die stoßfest und wasserdicht sind. Kommt in der Fernwärme-Zentrale eine Meldung über ein kaputtes Blockheizkraftwerk in einem Haus oder einen defekten Wärmetauscher an, geht alles ganz flott. Der Dispatcher gibt alle Informationen ins spezielle SachsenEnergie-System ein. Disponent Mario Henkelmann leitet den Auftrag an den eingeteilten Spezialisten weiter. Der hat dann alle nötigen Infos, von der Art des Schadens bis hin zur Lage des Schlüsseltresors. So hat der Monteur ohne ein Telefonat alle Daten schnell da und kann handeln. Das habe sich ausgezahlt. „Bald schaffen wir eine neue Generation der Industrie-Tablets an“, sagt Lehmann.

Besonders unter Corona-Bedingungen habe sich diese Technik bewährt. „So konnten unsere Monteure von zu Hause aus geplante Wartungen ausführen und Schäden beseitigen. Das ist ein enormer Vorteil.“

Die Unterwelt-Aktion: Große Instandsetzung am Verteiler

Auch im Winter gibt es keine Pause, um die Technik auf den neusten Stand zu bringen. Darum kümmert sich Lehmanns Betriebsingenieur Frank Döhnert. So schafft die Sachsenenergie die Voraussetzung dafür, dass die Bundesbahn ihre Gleisanlage am Hauptbahnhof erneuern kann. Neben der Brücke Budapester Straße führt auf der Trasse der 1945 zerstörten Falkenbrücke eine Rohrbrücke mit drei Fernwärmerohren über die Bahntrasse. Wegen der Bauarbeiten müssen für die „Falkenbrücke“ der SachsenEnergie neue Stützen installiert werden. Aus diesem Grund ist es nötig, die Leitungen im kommenden Sommer zu entleeren. Deshalb werden seit Mitte vergangenen Jahres die Absperrarmaturen in einem fünf Meter tiefen unterirdischen Verteilerbauwerk, das an der Zufahrt zur Budapester Brücke liegt, erneuert.

Ganz oben ist die Falkenbrücke mit ihren Fernwärmeleitungen zu sehen, die unweit des Hauptbahnhofs steht. Da die Gleisanlage erneuert wird, muss auch die SachsenEnergie handeln.
Ganz oben ist die Falkenbrücke mit ihren Fernwärmeleitungen zu sehen, die unweit des Hauptbahnhofs steht. Da die Gleisanlage erneuert wird, muss auch die SachsenEnergie handeln. © Sven Ellger

Die Technik stammt von 1957, als die drei Leitungen über die Bahntrasse zur TU verlegt wurden. Zuvor hatte die noch selbst ein kleines Heizhaus. Zuerst wurden die Absperrarmaturen in der großen unterirdischen Halle in Richtung Südvorstadt erneuert. Denn die waren völlig veraltet und nicht mehr dicht. „Zuvor mussten die Leitungen erst entleert werden“, erläutert Obermonteur Tony Krampe. Das über 120 Grad heiße Wasser kann nicht einfach in den Kanal abgelassen werden. „Das wäre so, als wenn man einen Schnellkochtopf unter Druck öffnen würde“, erklärt Abteilungsleiter Lehmann. „Dann würde uns alles um die Ohren fliegen.“

Insgesamt drei Fernwärmeleitungen verlaufen durch das Bauwerk, in dem Obermonteur Tony Krampe die Anlagen prüft. Durch ein großes Rohr strömt das 128 Grad heiße Wasser in Richtung Südvorstadt, durch zwei kleinere kommt es zurück.
Insgesamt drei Fernwärmeleitungen verlaufen durch das Bauwerk, in dem Obermonteur Tony Krampe die Anlagen prüft. Durch ein großes Rohr strömt das 128 Grad heiße Wasser in Richtung Südvorstadt, durch zwei kleinere kommt es zurück. © Sven Ellger

Also wurde das Leitungssystem, über mehrere Stunden ohne Wärmezufuhr als Ringleitung gefahren, bis die Temperatur von 60 Grad erreicht war. Danach wurde die Leitung in eine Grube entleert, in der zum Schluss kaltes Wasser beigemischt wird. Bei 35 Grad wurde es letztlich in die Kanalisation gepumpt. Wurden die Leitungen zuvor mit einfachen Klappen abgesperrt, so geschieht das an der größten von ihnen jetzt mit einem Kugelhahn, dessen Stahlkugel einen Durchmesser von stattlichen 100 Zentimetern hat.

Das sind Fernwärmeleitungen in Richtung Zentrum, an denen dieses Jahr noch die 1957 installierten Armaturen erneuert werden müssen.
Das sind Fernwärmeleitungen in Richtung Zentrum, an denen dieses Jahr noch die 1957 installierten Armaturen erneuert werden müssen. © Sven Ellger

Obermonteur Krampe konnte die Leitung mit den gewechselten Armaturen kürzlich wieder in Betrieb nehmen. Bis Jahresmitte werden dann noch die Absperrarmaturen in die andere Richtung erneuert. In dem Zuge wird auch die Glaswolle-Isolierung der Leitungen und Armaturen durch Mineralwolle ersetzt, die nicht wie die alte gesundheitsschädlich ist. Insgesamt investiert die SachsenEnergie dafür knapp 400.000 Euro.

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