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Reinhold Messner: "Die Natur macht keine Fehler"

Selbst der Bezwinger der höchsten Berge muss sich Kräften unterwerfen, die die Welt fest im Griff haben. Auch deshalb kommt Reinhold Messner nach Dresden.

Reinhold Messner plant mit seinen 76 Jahren die letzte große Expedition und verbindet damit eine Mission. Doch sie muss auf eine Zeit nach Corona warten, erzählt er im SZ-Interview.
Reinhold Messner plant mit seinen 76 Jahren die letzte große Expedition und verbindet damit eine Mission. Doch sie muss auf eine Zeit nach Corona warten, erzählt er im SZ-Interview. © PR/Büro Messner

Dresden. Vor fast genau einem Jahr fragten wir Reinhold Messner im Interview, was er sich für die Erde wünsche. Seine Antwort lautete damals: "Dass die Menschen endlich begreifen, sie sind nicht die Könige der Welt!" Das bietet weiteren Gesprächsstoff. Nun kommt er wieder nach Dresden, um bei den Filmnächten am Elbufer von seinen Expeditionen zu erzählen und davon, was sie ihn gelehrt haben. Vorab spricht er über die Kraft der Natur, den Zusammenhang von Mount Everest und Weltall, und den Nutzen des Reisens.

Herr Messner, Sie sind Zeit Ihres Erwachsenenlebens mit Naturgewalten umgegangen. Wie bewerten Sie die Gewalt der Unwetter der jüngsten Zeit in Deutschland und Europa?

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Sie zeigen uns, dass die Natur stärker ist und unberechenbar. Die Natur macht keine Fehler. Fehler macht nur der Mensch. Wir haben es zuvor an der Pandemie gesehen und erleben es noch immer. Noch nie wurde so viel Geld in die Forschung gesteckt, wie jetzt mit dem Ziel, Corona zu bekämpfen. Nie gab es so viel Wissen wie heutzutage, und trotzdem werden wir nicht Herr der Lage. Die aktuelle Unwetterkatastrophe war nicht vorstellbar. Wobei ich mich an zwei schlimm wütende Unwetter aus meiner Kindheit erinnere. Auch damals schon kamen die Männer aus den Dörfern gelaufen, um gemeinsam Straßen freizuräumen und Schäden an den Häusern zu beheben.

Ihre Filme, Bücher und Vorträge schüren das Fernweh, und gerade bricht es sich wieder Bahn. Doch das Reisen scheint statt Gutes nur Unheil zu bringen. Was läuft da schief?

Ich halte das Reisen trotz allem für eine wichtige, friedensstiftende, positive Angelegenheit. Es befördert Respekt vor anderen Menschen und Kulturen und sorgt für gegenseitige Empathie. Natürlich sind Auto- und Flugzeugverkehr auch schädlich. Es muss uns gelingen, Energie sicherer zu speichern. Rund ein Drittel der Energien, die wir erzeugen und für unsere Zwecke umwandeln, geht wieder verloren. Es ist die große Aufgabe der Wissenschaft, bessere technische Möglichkeiten zu schaffen. Dafür braucht es Zeit. Doch zurück zum Nutzen des Reisens: Die Menschen sind ihrer Natur nach Nomaden, zumindest Halbnomaden. Es wird sie immer reizen zu erfahren, was es hinterm Horizont zu entdecken gibt.

Sie haben eine klare Meinung zu käuflichen Reisezielen, wie es zum Beispiel inzwischen der Mont Everest geworden ist. Nun ist auch das Weltall ein solches Ziel geworden. Wohin soll die Entwicklung führen?

Wenn Sie mir eine Reise ins All schenken würden, ich nähme sie nicht an. Ich persönlich kann nicht nachvollziehen, was man davon haben soll, in einer Kapsel in den Kosmos geschossen zu werden. Es lässt mich völlig unbeeindruckt, denn der Weltraumreisende, der sich einen solchen Flug kauft, lernt dabei nichts. Er ist komplett von anderen Leuten und Umständen abhängig, keine Erfahrung basiert auf seinen eigenen Kenntnissen und Entscheidungen. Das ist wie mit den käuflichen Touren auf den Mount Everest. Diese Wanderer lassen sich auf den Berg bringen mit allen nur möglichen Hilfsmitteln. Nichts daran ist ihr Verdienst.

Vor einem Jahr hatten Sie coronabedingt Ihre letzte geplante Expedition durch Australien absagen müssen. Wie steht es jetzt darum?

Mein Traum von der Final Expedition wie ich es nenne, muss noch warten. Ich möchte damit per Vortragsreise der Jugend mein Wissen darüber hinterlassen, was traditionelles Bergsteigen bedeutet. Bergsteigen ist weder Sport noch Tourismus. Es ist die Kultur von der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur. Sobald Corona die Welt losgelassen hat, will ich den Nachkommenden dieses Verständnis nahebringen.

Was ist für Sie der Unterschied zwischen Urlaub und Reisen?

Heutzutage bedeutet Reisen gleich Urlaub und meistens auch umgekehrt. Für mich ist Urlaub gleich Arbeit. Da empfinde ich keinen Unterschied. Beides ist in meinem Leben natürlich mit dem Reisen verbunden, und mir ist bewusst, dass mein ökologischer Fußabdruck nicht besonders gut aussieht. Dass ich im Gegenzug jede Menge Wald habe, den ich pflege und erhalte, ist eine wohltuende Ausrede. Zu Fuß um die Welt zu gehen, das wäre sicher das Beste.

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Reinhold Messner ist am 5. August, 20.30 Uhr, bei den Filmnächten am Elbufer zu Gast - mit dem Live-Vortrag „Weltberge – die 4. Dimension“ und seinem Film „Die Schleierkante – die Eleganz des Freikletterns“, der anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Erstbegehung der Schleierkante in den Dolomiten entstand. Weitere Informationen und Tickets finden Sie hier.

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