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Tödliche Messerattacke nach fünf Tagen Freiheit

Der als gefährlich geltende Abdullah A. H. H. soll in Dresden einen Touristen erstochen haben. Wie konnte es so weit kommen?

Hier, unweit des Residenzschlosses an der Schloßstraße in Dresden, wurde ein Mann aus Krefeld mutmaßlich von Abdullah A. H. H. niedergestochen und tödlich verletzt.
Hier, unweit des Residenzschlosses an der Schloßstraße in Dresden, wurde ein Mann aus Krefeld mutmaßlich von Abdullah A. H. H. niedergestochen und tödlich verletzt. © Archiv/Sebastian Kahnert/dpa

Dresden. Am Sonntag, den 4. Oktober 2020, abends gegen 21 Uhr, hat Dresden offenbar den ersten islamistisch motivierten Angriff in der Stadt erlebt. Als an diesem warmen Spätsommerabend Abdullah A. H. H. an der Ecke Schloßstraße/Rosmaringasse mit einem Küchenmesser auf zwei Touristen aus Nordrhein-Westfalen einstach, war das womöglich mehr als ein brutaler Überfall mitten in der Innenstadt – dort, wo in Dresden die meisten Touristen unterwegs sind, nahe Schloss und Frauenkirche.

Warum es zwei 53 und 55 Jahre alte Männer aus Köln und Krefeld traf, haben Polizei und Staatsanwaltschaft noch nicht aufklären können. Der Mann aus Krefeld starb am Tag darauf, sein Begleiter überlebte schwer verletzt.

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Ein Polizeitermin nach der Attacke

Bis zum nächsten Morgen um 6 Uhr war die Kripo damit beschäftigt, am Tatort Spuren zu sichern. Etwa drei Stunden später, die Tat war gerade öffentlich bekannt geworden, musste sich Abdullah A. H. H. wieder auf den Weg in die Innenstadt machen. Vorausgesetzt, er hat die Nacht dort verbracht, wo er als geduldeter Flüchtling aus Syrien untergebracht war: im Asylbewerberheim am Wachwitzer Höhenweg in Pappritz.

Sein Weg führte zur Polizeidirektion an der Schießgasse, nur wenig entfernt von dem Ort, an dem er am Abend zuvor die zwei Touristen schwer verletzt hatte. Der 20-Jährige hatte die Auflage, sich regelmäßig bei den Beamten zu melden, unter anderem montags um 10 Uhr. Auch vor der Tat am Sonntag war er dort, ebenfalls um 10 Uhr. So steht es in den Auflagen, die der Syrer mit auf den Weg bekommen hatte, als er am 29. September die Jugendhaftanstalt Regis-Breitingen verlassen durfte.

Der Tatort: Am Abend des 4. Oktober wurde nahe des Schlosses ein 55-Jähriger aus Krefeld bei einer Messerattacke verletzt und starb später im Krankenhaus.
Der Tatort: Am Abend des 4. Oktober wurde nahe des Schlosses ein 55-Jähriger aus Krefeld bei einer Messerattacke verletzt und starb später im Krankenhaus. © Sebastian Kahnert/dpa

DNA-Spuren am Küchenmesser

Nur fünf Tage danach soll er hinter dem Kulturpalast die zwei Touristen angegriffen haben. Die Polizei fand später ein Messer, mit dem er auf die Männer aus Köln und Krefeld eingestochen haben könnte, ein Küchenmesser. Andere Messer oder gar Waffen durfte Abdullah A. H. H. laut den Auflagen nicht besitzen. Ausgenommen waren nur „solche Gegenstände, die in einem durchschnittlichen Haushalt erforderlich sind“, hatte das Amtsgericht Borna festgelegt, bevor der 20-Jährige aus dem Jugendgefängnis durfte. Daran hatte er sich offenbar gehalten.

Dieses blutbeschmierte Messer hat die Polizei auf die Spur des Mörders gebracht. Denn daran wurde DNA gefunden, die nach der Laborauswertung des Landeskriminalamts mit der Datenbank abgeglichen wurde. Dabei gab es einen Treffer: Die DNA stimmte mit Proben des 20-jährigen Syrers überein.

Interesse an Sprengstoffgürteln

Abdullah A. H. H. kam 2015 als Flüchtling nach Deutschland. Sein Aufenthaltsstatus: Er wurde in Deutschland geduldet. Seit dem Frühjahr 2016 habe sich der Syrer aus Aleppo immer mehr radikalisiert, warf ihm die Staatsanwaltschaft bereits bei einem Prozess im September 2018 vor.

H. hatte sich damit beschäftigt, wie man einen Sprengstoffgürtel baut. Bei Facebook verwendete er Symbole des sogenannten Islamischen Staates (IS). Er nannte sich eine „schlafende Zelle“ und interessierte sich für Schriften wie die „Rechtsleitende Kunde für Selbstmordattentäter“. Im November 2018 wurde er vom 4. Strafsenat des Oberlandesgerichts Dresden zu zwei Jahren und neun Monaten Jugendstrafe verurteilt. Basis des Urteils war ein Geständnis des Angeklagten.

Abdullah A. H. H. bei einem früheren Gerichtstermin. Im November 2018 wurde der Syrer vom 4. Strafsenat des Oberlandesgerichts Dresden zu zwei Jahren und neun Monaten Jugendstrafe verurteilt.
Abdullah A. H. H. bei einem früheren Gerichtstermin. Im November 2018 wurde der Syrer vom 4. Strafsenat des Oberlandesgerichts Dresden zu zwei Jahren und neun Monaten Jugendstrafe verurteilt. © Christian Essler/xcitePRESS

Vorbereitungen für einen Anschlag

Außerdem wertete das Gericht ein Gutachten aus, bei dem unter anderem Chatprotokolle, Videos und Fotos eine Rolle spielten, die Abdullah A. H. H. auf seinem Handy gespeichert hatte. Er habe seit dem Frühsommer 2017 eine dschihadistische Ideologie vertreten, sich zunehmend dem „IS“ zugewandt und sich schließlich als dessen Anhänger Gedanken um die Ausführung eines Attentats gemacht, stellte das Oberlandesgericht fest. Auch von seinen Anschlagsplänen berichtete der Angeklagte damals vor Gericht. Als Zeitpunkt dafür hatte er den Sommer 2017 ausgewählt.

Ende September wurde Abdullah A. H. H. aus dem Gefängnis entlassen und konnte er sich wieder frei bewegen. Auch in Dresden, wo er schon zuvor gelebt hatte. Es verging nicht einmal eine Woche bis zu der brutalen Attacke gegen die zwei Dresden-Besucher aus Krefeld und Köln.

SEK-Einsatz im Stadtzentrum

Was der Verdächtige am vergangenen Dienstag in der Stadt vorhatte, ließ die Staatsanwaltschaft bei ihren Erklärungen zu seiner Festnahme offen. Gegen 17 Uhr wurden jedenfalls mehrere Großfahrzeuge mit vermummten Einsatzkräften auf dem Weg von der Marienbrücke in Richtung Landtag gesichtet. Laut Polizei nahmen die Beamten sofort die Fahndung auf, als klar wurde, dass die ausgewerteten DNA-Spuren auf den syrischen Staatsangehörigen passten. Das war laut einem Sprecher am Nachmittag. Der 20-Jährige wurde schließlich auf der Wilsdruffer Straße entdeckt, ganz in der Nähe des Ortes, an dem er17 Tage zuvor die beiden Mittfünfziger angegriffen haben soll. Dort haben ihn dann Beamte des Spezialeinsatzkommandos überwältigt und festgenommen.

Verdächtiger sitzt in U-Haft

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Am Mittwoch wurde der 20-Jährige einem Haftrichter vorgeführt. Der schickte ihn ins Gefängnis. Dort sitzt Abdullah A. H. H. jetzt in Untersuchungshaft. Zu den Vorwürfen habe er sich nicht geäußert, teilte die Staatsanwaltschaft Dresden mit. Unterdessen laufen die Ermittlungen weiter. So hat die Polizei am Mittwoch die Asylbewerber-Unterkunft in Pappritz durchsucht, wo der Beschuldigte wohnte. Es wurden dort mehrere Gegenstände beschlagnahmt. Deren weitere Untersuchung könnte dazu beitragen, das Tatmotiv und den Tathergang genauer aufzuklären.

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