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Die Stadt zum Dorf machen

Der Dresdner Stadtteil Pieschen soll lebenswerter werden. Wie 25 Studierende sich das vorstellen.

Die beiden Uni-Absolventinnen Patricia Reuß-Thümmler (41) und Laura Telschow (26) haben einen auf urbaner Produktion basierenden neuen Stadtteil mitten in Pieschen entworfen
Die beiden Uni-Absolventinnen Patricia Reuß-Thümmler (41) und Laura Telschow (26) haben einen auf urbaner Produktion basierenden neuen Stadtteil mitten in Pieschen entworfen © Christian Juppe

Dresden. Grüner soll es werden. Und integrativer. Der Tisch stammt nicht mehr von Ikea, sondern ist selbstgebaut, am besten aus lokalem Holz. Damit die Leute den Wert der Möbel wieder mehr schätzen lernen. Am anderen Ende der Straße wird Müll recycelt, und in der Werkstatt entstehen daraus wieder neue Produkte. Wer mithelfen will, hilft mit und enthält das benötigte Coaching.

Der Salatkopf für's Mittagessen wächst gleich im Hochhaus nebenan in der sechsten Etage. Was nicht im Hochhaus wachsen will, stammt aus den Kleingärten rings herum. Angebaut von Pieschener Bürgern, ein autarkes Kreislaufsystem, wo alles aus der Nachbarschaft stammt.

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Jeder soll bei der Produktion mithelfen dürfen

"Ich merke, dass die Leute die Verbindung zu den Gewerken verloren haben", sagt Patricia Reuß-Thümmler. Sie will, dass die Leute wieder sehen, wie der Handwerker arbeitet, dass sie mithelfen beim Marmeladeeinmachen; und das Ganze klimaschonend auf Basis regionaler Produkte.

Genau wie Reuß-Thümmler haben sich 24 weitere Architektur-Studenten Gedanken gemacht, wie ein zukunftsorientierter Stadtteil aussehen könnte. Dafür haben sie sich das seit der Wiedervereinigung brachliegende, langgezogene Gelände zwischen S-Bahnhof Pieschen und Harkortstraße vorgenommen.

Der Flächennutzungsplan der Stadt kennzeichnet das der Bahn gehörende Gelände als Gewerbefläche. Darauf haben die Studenten aufgebaut, denn ein Gewerbe kann vieles sein.

Grünflächen eingebettet in die umliegenden Wohnsiedlungen

Ein kleines Dorf in der Stadt könnte auf dem 7,5 Hektar großen Gelände entstehen, eng verbunden mit den umliegenden Wohnungszügen. Da Pieschen insgesamt über recht wenig Grünflächen verfüge, will Reuß-Thümmler wie viele ihrer Kommilitonen Freiräume lassen für experimentelle Gärten, Mehrgenerationengärten, Schulgärten und Gärten zum Selberpflücken.

Die Pieschener Kleingärten könnten ihre Produkte zur zentralen Markthalle anliefern, dort würden sie gelagert, bei Bedarf weiter verarbeitet und auf dem Marktplatz an die Nachbarschaft verkauft. Da das Gelände auf beiden Seiten von Gleisen umschlossen wird, könnten diese auch gleich für den Transport der Waren genutzt werden.

Es soll ein Gegenentwurf zur etablierten Verwertungslogik sein, sagt Paul Elsner, der die Kooperation zwischen dem Kulturzentrum Geh8 und der TU Dresden initiiert hat. "Seit der Wende haben wir hektarweise freie Flächen", auf denen könnten Startups, Kultureinrichtungen, Ateliers und die schon genannten regionalen Lieferketten entstehen.

Dazu gehören auch Ideen der urbanen Landwirtschaft. Lebensmittel sollen direkt in der Stadt angebaut und weiterverarbeitet werden. Um die Fläche optimal zu nutzen, eignet sich dafür besonders Vertical Farming, das Anbauen auf mehreren Stockwerken.

Laura Telschow (26) stellt ihrer Kollegin ihre Ideen vor
Laura Telschow (26) stellt ihrer Kollegin ihre Ideen vor © Christian Juppe

Laura Telschow wünscht sich, dass das neue Quartier für alle umliegenden Nachbarschaften einen Mehrwert bietet. Deshalb will die 26-Jährige die Gleise, die auf der südlichen Seite des Geländes entlangführen und kaum mehr genutzt werden, in einen langen Bohlenweg für Radfahrer und Fußgänger umgestalten. Dieser könnte dann von Pieschen bis zum Neustädter Bahnhof führen.

Herausforderung Klimawandel

"Unsere Städte müssen den neuen Herausforderungen trotzen", sagt Professorin Melanie Humann, die das studentische Projekt betreut. Dazu gehört vor allem der Umgang mit dem Klimawandel. Größere, nicht versiegelte Parkflächen könnten der Überhitzung entgegenwirken und kurze Transportwege innerhalb des regionalen Kreislaufes würden weniger Emissionen ausstoßen.

"Durch die Coronakrise haben wir gesehen, wie fragil die globale Produktion ist", so  Humann. "Wir wollen Orte in der Stadt schaffen, die den Leuten wieder eine Identität geben."

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