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Dresden kämpft mit den Folgen des Blackouts

Der große Stromausfall hat in Dresden Schäden angerichtet: Straßenbahnen gingen kaputt, Infineon produzierte auch am Dienstagmorgen nicht.

Die Ampeln blieben am Montag dunkle. Während der Verkehr inzwischen wieder normal geregelt wird, sucht die Polizei nach einem Luftballon-Besitzer.
Die Ampeln blieben am Montag dunkle. Während der Verkehr inzwischen wieder normal geregelt wird, sucht die Polizei nach einem Luftballon-Besitzer. © Sven Ellger

Dresden. Der Wind trägt am Montagnachmittag einen Luftballon durch Zschachwitz. Kurz vor 14 Uhr fliegt er so tief, dass er im Umspannwerk neben den Bahngleisen niedergeht - und dort eine mittlere Katastrophe auslöst. Es kommt zu einem Kurzschluss, der später zu dem totalen Stromausfall in Dresden und Umgebung führt. Von diesem Szenario geht zumindest Polizeisprecher Thomas Geithner aus, als er die neuesten Ermittlungserkenntnisse zum Blackout am Dienstag schildert. Der Unfall, von dem Geithner spricht, beeinträchtigt die Stadt auch noch einen Tag später. Was über den Ballon bekannt ist, welche Folgen er etwa für die Dresdner Bäder und Infineon hat, und welche Konsequenzen Sachsen-Energie aus dem Vorfall ziehen will. Die neuesten Entwicklungen zum großen Stromausfall:

Die Polizei: Handelsüblicher Ballon, wie es ihn auf Jahrmärkten gibt

Laut Polizei handelt es sich bei dem Verursacher des Blackouts um einen mit Aluminium beschichteten Folienballon, wie man ihn "von Jahrmärkten, Feiern oder Kinderfesten kennt", so Geithner. Er sei an einer besonders sensiblen Stelle des Umspannwerks - zwischen zwei stromführenden Leitern - gelandet und hatte einen Kurzschluss ausgelöst, der wiederum zu dem Blackout führte. Laut Sachsen-Energie sei ein Hinweis auf dem Ballon gefunden worden, auf dem eindeutig vor der Nähe zu elektrischen Leitungen gewarnt wird.

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Ob es sich um eine vorsätzliche Tat handelt, sei zwar nicht auszuschließen. "Allerdings fehlt uns ein wenig die Fantasie, wie man einen solchen Ballon gezielt in das Umspannwerk steuern kann", sagt der Sprecher und schließt eine Nachahmung damit praktisch aus. Zudem gebe es bisher weder ein Bekennerschreiben noch eine andere entsprechende Mitteilung. "Üblicherweise brüsten sich Täter mit einer solchen Aktion."

Polizeisprecher Thomas Geithner hat am Dienstag über den aktuellen Ermittlungsstand zum Stromausfall informiert. Hier zeigt er Reste des gefundenen Ballons.
Polizeisprecher Thomas Geithner hat am Dienstag über den aktuellen Ermittlungsstand zum Stromausfall informiert. Hier zeigt er Reste des gefundenen Ballons. © dpa-Zentralbild/Sebastian Kahnert

Beendet sind die Ermittlungen damit jedoch nicht. Die Ballonreste werden jetzt auf Fingerabdrücke und DNA untersucht. Die Möglichkeiten seien aber begrenzt, so Geithner weiter. Die Polizei hat am Dienstag deshalb auch einen Zeugenaufruf veröffentlicht. Demnach wird nach Leuten gesucht, die etwas im Zusammenhang mit dem Luftballon wahrgenommen haben. Melden kann man sich telefonisch unter 0351/4832233. Die Kripo ermittelt.

Ein generelles Verbot für Ballons ginge nach Ansicht des Sprechers aber zu weit. "Eigentlich reicht gesunder Menschenverstand."

Einen politischen Hintergrund konnten die Beamten am Montag zunächst nicht ausschließen. Die Polizei habe sich im Kontext der bevorstehenden Bundestagswahl, eines laufenden Extremismus-Prozesses in der Stadt und Demos am Abend im Zusammenhang mit dem Besuch von AfD-Mann Björn Höcke sich für die Einrichtung eines Führungsstabs entschieden.

Die Stadtwerke: Videoüberwachung wird womöglich ausgeweitet

Eine Störung dieser Größenordnung habe es bei Sachsen-Energie noch nicht gegeben, sagte Steffen Heine, Geschäftsführer von Sachsen-Netze, am Dienstag. Es sei Zufall gewesen, dass der Ballon ausgerechnet an einer neuralgischen Stelle landete.

Bei der Pressekonferenz fragt ein Journalist, ob nach dem Vorfall noch einmal neu über die Sicherheit von Umspannwerken dieser Größe nachgedacht werden müsse. Heine erklärt, dass die Anlage im Jahr 2010 erneuert wurde und dem Stand der Technik entspreche. Weltweit seien vergleichbare Anlagen im Einsatz. Jedoch räumt Heine ein, dass die massive Störung im Nachgang analysiert und bewertet werden müsse. Es sei bereits jetzt angedacht, die Videoüberwachung der betroffenen und anderer Anlagen auszuweiten.

Bei Sachsen-Energie hielten sich die Schäden in Grenzen, so Heine weiter. Was Schäden bei Stromkunden angeht, so habe man noch keine Zahlen vorliegen. Man sehe bei Sachsen-Energie jedoch kein Verschulden und keine Pflichtverletzung. "Den Schaden, den der Kunde hat, wird er bezahlen müssen. Das regelt die Rechtsverordnung."

Die Feuerwehr: Notrufe aus steckengebliebenen Aufzügen

Als klar wurde, welches Ausmaß der Stromausfall angenommen hatte, sei der Notfallplan der Dresdner Feuerwehr sofort hochgefahren worden, erklärte der Leiter des Brand- und Katastrophenschutzamtes, Andreas Rümpel, am Dienstag. 19 Leute hätten Notrufe entgegengenommen. Zwischen 14 und 16 Uhr seien rund 270 Notrufe eingegangen. 24 Personen steckten in Aufzügen fest. Viele hätten sich aber selbst befreien können, als der Strom wiederkam. Rümpel: "Ich hoffe, das war ein Weckruf für alle." Unternehmen müssten jetzt genau schauen, wie ihre Anlagen reagiert haben.

Die Verkehrsbetriebe: Mehrere Straßenbahnen beschädigt

Stark betroffen waren auch die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB). Kurz nach 14 Uhr standen plötzlich alle Straßenbahnen still. Vier Bahnen mussten später sogar abgeschleppt und in die DVB-Werkstatt gebracht werden. "Durch den Stromausfall sind die Umformer kaputt gegangen", so Sprecherin Anja Ehrhardt. Sie konnten mittlerweile repariert werden. Sämtliche Bahnen, die in der Stadt unterwegs waren, standen rund 40 Minuten still – einige auch länger. Die letzte Bahn rollte gegen 15.15 Uhr wieder los. "Einige Fahrerinnen und Fahrer mussten deshalb länger arbeiten, weil die Ablösungen nicht wie geplant erfolgen konnten."

Notstrom gibt es auf den Strecken durch Dresden nicht, aber in der Verkehrsleitstelle der DVB. Von dort aus wurde alles koordiniert. Es dauerte aber bis 16.30 Uhr, bis alle Bahnen wieder im Fahrplan waren. "Die Fahrten wurden meist so geschickt eingekürzt, dass sie sich an geeigneter Stelle planmäßig in die richtige Richtung wieder einsetzen ließen. Das geht natürlich nur in einem engmaschigen Streckennetz mit vielen Wende- und Umfahrungsmöglichkeiten", so die Sprecherin. Außerdem seien täglich mehrere operativ einsetzbare Ersatzzüge im Einsatz, die streckenweise den Kursfahrplan übernehmen und später an die Planfahrzeuge übergeben. "Das ist bei zwölf Linien natürlich ein immenser Aufwand, den unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemeinsam gestemmt haben."

Die Busse der DVB konnten dagegen fahren. "Trotz des Ampel-Ausfalls in der gesamten Stadt hat das gut funktioniert", berichtet Ehrhardt. "Die anderen Verkehrsteilnehmer haben dankenswerterweise Rücksicht genommen." Laut Stadtverwaltung seien die letzten Ampeln gegen 17 Uhr wieder in Betrieb genommen worden.

Im Grunde habe alles gut geklappt. "Wir sind stressresistente Profis, die eine solche Ausnahmesituation mit Fleiß, Ruhe und Gelassenheit abarbeiten." Gerade in Notsituationen würden alle an einem Strang ziehen, von den Beschäftigten im Kundenservice über die Leitstelle und die Bahnstromversorgung bis zur Werkstatt. "Teilweise mussten die Unterwerke der Bahnstromversorgung händisch wieder vor Ort eingeschalten werden."

Die Schwimmbäder: Becken im Arnhold-Bad drohte überzulaufen

Durch den Stromausfall kam es zu kurzzeitigen Schließungen in den Hallenbädern. "In der Schwimmhalle Klotzsche war der Ausfall kaum nennenswert", so Lars Kühl, Sprecher der Bädergesellschaft. Das Georg-Arnhold-Bad, der Schwimmsportkomplex Freiberger Platz und das Kombibad Prohlis, das sich im Probebetrieb befindet, seien am Montag zwischen 15 und 15.30 Uhr wieder an den Start gegangen.

Im Georg-Arnhold-Bad drohte das Überlaufen des Beckenwassers. Das konnte - entgegen erster Meldungen der Feuerwehr - aber verhindert werden. "Als die Kameraden vor Ort eintrafen, kam der Strom gerade zurück, so dass die Feuerwehrleute nicht zum Einsatz kommen mussten", so Kühl. Auch die Saunen funktionierten im Laufe des Tages wieder. Lediglich die Schwimmhalle Bühlau blieb bis Dienstagvormittag um 10 Uhr geschlossen, da für das Hochfahren der Technik der Einsatz einer Spezialfirma notwendig war.

Da während der Ausfallzeit kein Bad- oder Saunabesuch möglich war, sollen der Betrag für bereits bezahlte Onlinetickets zurückerstattet werden.

Infineon: Chipfertigung weiter unterbrochen

Bei Infineon Dresden kam es am Montag gegen 14 Uhr zu einem vollständigen Stopp der Produktion. "Das Notstromaggregat nahm sofort seinen Betrieb auf und gewährleistete die sicherheitskritische Versorgung des gesamten Fertigungsstandorts", so Sprecher Christoph Schumacher. Aus Sicherheitsgründen habe man den Produktionsbereich aber sofort vollständig evakuiert. "Mitarbeiter kamen nicht zu Schaden. Eine Gefahr für die Umwelt bestand zu keiner Zeit", versichert er.

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Inzwischen sei der Betrieb wieder vollständig am Netz, die Chip-Fertigung sei mit Stand vom Dienstagnachmittag aber weiter unterbrochen. Die Betriebsleitung prüft derzeit den Zustand aller Produktionsanlagen. "Wann wir die Fertigung vollständig wieder aufnehmen werden können, ist derzeit noch ungewiss", so Schumacher.

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