Dresden
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Artem, der kleine Superheld

Eine ukrainische Mutter floh vor dem Krieg in ihrer Heimat. Doch die Bomben fürchtet sie nicht so wie den Krebs ihres Sohnes und nahm eine Odyssee auf sich. In Dresden wird dem kleinen Artem geholfen.

Von Nadja Laske
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Ein kräftiger Schuss ins Tor: Dass Artem wieder Kraft und Spielfreude hat, ist für seine Mutter Lilia eine große Beruhigung nach unerträglichen Ängsten.
Ein kräftiger Schuss ins Tor: Dass Artem wieder Kraft und Spielfreude hat, ist für seine Mutter Lilia eine große Beruhigung nach unerträglichen Ängsten. © Marion Doering

Dresden. Mit einem Rums landet der Ball im Tor, und Artems Augen leuchten. Seine Mannschaft führt. Die besteht aus ihm und seiner Mama Lilia. Die beiden spielen gegen Ulrike Grundmann. Die Psychoonkologin ist eine der ersten Menschen gewesen, die Artem und seiner Mutter nach langer Reise Ruhe geben konnte.

Reise klingt nach Urlaub. Odyssee ist der bessere Begriff, um zu benennen, was die beiden hinter sich haben. Wie so viele ihrer Landsleute sind sie vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen. Doch sie versuchten im doppelten Sinn, dem Tod zu entkommen. Der drohte nicht nur, in Form von Bomben aus dem Himmel zu fallen. Er näherte sich leise und versteckt und verstörte auf eine Weise, die rollende Panzer vergleichsweise fassbar erscheinen lassen.

"Zwei Monate, bevor der Krieg begann, hatte Artem starke Kopfschmerzen bekommen und mir fiel auf, dass sein linkes Auge seltsam schief stand", erzählt Lilia. Also ging sie mit ihrem Sohn zum Augenarzt. Doch in kürzester Zeit veränderte sich sein Befinden dramatisch. Der Achtjährige bekam unerträgliche Schmerzen, war kaum noch ansprechbar und wurde zunächst in ein Krankenhaus in der nächst größeren Stadt Mykolajiw, im Süden der Ukraine, gebracht. Die Ärzte entdeckten einen Tumor in seinem Kopf und überwiesen ihn in das Neurologische Tumorzentrum in der rund 500 Kilometer entfernten Hauptstadt Kiew.

Klinik in Kiew steht nach Kriegsbeginn unter Beschuss

Bis dahin war Artem ein sehr lebendiges, aufgewecktes Kind gewesen, das den Englischunterricht in der Schule liebte, gern malte und bastelte und Superhelden bewunderte: Hulk und Batman und all jene, die gegen das Böse in der Welt kämpfen und immer eine Lösung finden. Doch es war, als würden sie plötzlich an anderer Stelle gebraucht und hätten gar keine Zeit mehr für ihren kleinen Fan - spätestens ab dem 24. Februar 2022, dem Tag, an dem Putin seine Truppen einmarschieren ließ.

"Wir sollten am 3. März nach Kiew in die Klinik kommen, aber als ich an den Tagen zuvor dort immer wieder anrief, ging niemand ans Telefon", erzählt sie. Die Stadt stand unter Beschuss. In einer Chatgruppe, in der sich Eltern krebskranker Kinder austauschten, erfuhr sie, es werde ein Transport organisiert. Doch während sie in ihrem Dorf, rund 30 Kilometer von der Großstadt Mykolajiw entfernt, die Bomben einschlagen hörte, kam doch keine Hilfe.

Ein Onkel brachte sie mit Artem schließlich nach Odessa, gut zwei Stunden Autofahrt entfernt. Wenigstens dort werde es Ärzte geben, die ihrem Kind helfen, hoffte sie. Wenn Lilia von diesen Tagen in Ratlosigkeit und Panik erzählt, braucht sie viel Kraft, um nicht zu weinen. Sie sitzt im Freizeitraum der Villa Sonnenstrahl, einem Zuhause auf Zeit, in dem der Sonnenstrahl e. V. krebskranke Kinder und deren Angehörige beherbergt, und hält ihre Hände ineinander gepresst auf dem Schoß. Artem kuschelt sich an sie und bleibt jetzt ganz still. Seit jenen Tagen ist Mama sein Hulk. Sie hat ihn hier hergebracht, wo der Kampf gegen seine Krankheit das Wichtigste ist.

Zimmerpaten gesucht

Nachdem auch in Odessa keiner wusste, was mit diesem Jungen anzufangen sei, entschied sich seine Mutter, nicht mehr auf einen Hilfstransport für schwer kranke Kinder zu warten und zu versuchen, auf eigene Faust außer Landes zu kommen. Mit zwei Rucksäcken als Reisegepäck stiegen die beiden im größten Chaos in einen Zug nach Lwiw in der Westukraine. Endlich fanden sie Platz in den Bussen eines ganzen Konvois, der kranke Kinder nach Polen evakuierte.

Dort traf Lilia einen deutschen Arzt, der sich Zeit für sie und Artem nahm, seine Krankengeschichte anhörte und dafür sorgte, dass die beiden nach Deutschland gebracht wurden. "Ende März kamen wir dann ans Uniklinikum, und Artem wurde operiert", berichtet seine Mutter. Der Eingriff war dringend nötig, um den Druck in seinem Kopf zu senken, weitere Schmerzen und Schäden zu verhindern.

Doch die darauf folgende Chemotherapie zeigte keine Wirkung. Nun bekomme er Medikamente, die noch experimentell seien, doch die Krebszellen hoffentlich aufhalten. Inzwischen geht es Artem deutlich besser. Das zeigt sich nicht nur an jedem Kicker-Ball, den er mit Karacho übers Spielfeld fliegen lässt.

"Ich möchte eigentlich nur nach Hause"

In der Villa Sonnenstrahl haben die Leiterin des Psychosozialen Bereiches des Vereins, Ulrike Grundmann, und ihr Team Artem und seine Mutter warmherzig aufgenommen. "Es ist das Beste, was uns passieren konnte", sagt Lilia. Die Mitarbeiter kümmerten sich um die Anmeldung der beiden, um Bezüge vom Amt, ein eigenes Bankkonto, Handykarte und Dolmetscher für die Termine im Krankenhaus oder mit Therapeuten. Unterricht bekommt Artem, so weit er belastbar genug ist, online in der Ukraine. "Aber ich wünsche mir Deutschunterricht", sagt er.

In stillen Stunden, wenn die Sorge um ihren Sohn für kurze Zeit Raum für andere Gedanken lässt, fühlt Lilia großes Heimweh. "Ich möchte eigentlich nur nach Hause", sagt sie. Dass das nicht geht, ist bitter für sie. "In unserem Haus wohnen jetzt fremde Leute - sie sind innerhalb der Ukraine geflohen und haben auf dem Land zumindest zurzeit eine ungefährlichere Umgebung", erzählt sie. Was kann ihr helfen? Was sie entlasten? Lilias Antwort: "Wir brauchen nichts weiter, außer Gesundheit."

Der Sonnenstrahl e.V. benötigt sogenannte Zimmerpaten, die dabei helfen, die Räumlichkeiten, in denen Eltern mit Kindern während der Krebstherapie am Uniklinikum vorübergehend wohnen, zu finanzieren. Für eine Mutter mit Kind wie Lilia mit Artem sind pro Jahr 2500 Euro nötig. Wer helfen will, findet alle Modalitäten auf der Vereinshomepage: www.sonnenstrahl-ev.org