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Eine neue Grenzerfahrung mit Schmerzen und Tränen

Paralympics-Siegerin Christiane Reppe hat sich vom Leistungssport verabschiedet, ist nun aber so lange geschwommen wie noch nie. "Wahnsinn", sagt die Dresdnerin.

Christiane Reppe ist nach ihrem Karriereende offenbar im Unruhestand.
Christiane Reppe ist nach ihrem Karriereende offenbar im Unruhestand. © dpa-Zentralbild

Dresden. Erst Mitte Mai hatte die Dresdnerin Christiane Reppe exklusiv auf saechsische.de ihren sofortigen Rücktritt vom Leistungssport erklärt. Das hindert die 33-jährige Paralympics-Siegerin allerdings nicht daran, weiter ihre sportlichen Grenzen ausloten und gar zu verschieben. Am letzten Mai-Wochenende schwamm Reppe in Lanzarote sage und schreibe 27 Kilometer im freien Gewässer - in neun Stunden und 15 Minuten.

Reppe, die ohnehin auf der Kanaren-Insel war, wurde dort kurzerhand zur "Vuelta a Nado" eingeladen. Dabei handelt es sich um einen jährlichen Charity-Wettbewerb einmal um die Insel, bei dem die Einnahmen für einen guten Zweck gespendet werden - diesmal für die Stiftung „Estrellita Mágica de Yenedara“. Deren Gründerin Melania Brito Betancort hat 2019 ihre vierjährige Tochter an den Krebs verloren.

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Das Kind war an Neuroblastom erkrankt, eine Krebserkrankung der Nervensysteme. Ein Schicksal, das Christiane Reppe sehr anrührte. Ihr wurde im Alter von fünf Jahren das rechte Bein amputiert, in dem sich ein Tumor befand. "Für so einen Zweck Aufmerksamkeit zu erzeugen, da bin ich gern dabei - auch wenn ich darauf nicht besonders gut vorbereitet war. Aber wenn ich selbst denke, ist das überhaupt zu schaffen oder nicht, reizt mich das umso mehr", sagt Reppe.

Die Dresdnerin rutschte erst für einen anderen paralympischen Athleten, der sich verletzt hatte, in das auf 30 Personen limitierte Starterfeld. Und Reppe, die in ihrer Karriere als Schwimmerin, Handbikerin und Triathletin paralympische und WM-Medaillen errang, berichtet von einzigartigen Erfahrungen auf dieser Mammutdistanz. "Eine Mega-Grenzerfahrung, das muss man schon sagen. Ich habe mich schon immer gefragt, wie sich das anfühlt, was sich in meinem Kopf abspielt", sagt sie danach.

Ihr größer Erfolg: Paralympics-Siegerin in Rio mit dem Handbike. Auf die Spiele in Tokio verzichtete die Dresdnerin, obwohl sie dort als Mitfavoritin im Para-Triathlon galt. Mit 33 beendete sie kurzerhand ihre Karriere.
Ihr größer Erfolg: Paralympics-Siegerin in Rio mit dem Handbike. Auf die Spiele in Tokio verzichtete die Dresdnerin, obwohl sie dort als Mitfavoritin im Para-Triathlon galt. Mit 33 beendete sie kurzerhand ihre Karriere. © dpa-Zentralbild

Viele, die diese stundenlange Tortur schon vollbracht haben, hätten ihr berichtet, "dass es ab Kilometer soundso, das ist ja von Mensch zu Mensch unterschiedlich, einfach nur noch wehtut. Das Schöne ist, es wird nicht schlimmer, sondern bleibt so", bestätigt sie und kann darüber sogar wieder lachen. Bis 15 Kilometer habe sie sich gut gefühlt, bei einem zuvor verabredeten Tempo von 1:45 Minuten pro 100 Meter. "Für mich ist das ein sehr entspanntes Grundlagentempo", erklärt Reppe. Mit der Strömung war das für die Athleten in ihren Neoprenanzügen noch ganz angenehm.

Bei regelmäßigen Stopps konnte sich Reppe einigermaßen erholen. "Nach anderthalb Stunden war der erste. Dann regelmäßig jede Stunde. Stopp bedeutet, dass man sich fünf Minuten an den Begleitbooten festhält und Nahrung und Getränke zu sich nimmt. Länger kann man nicht pausieren, sonst friert man ganz schnell", sagt sie. Flüssige Gels und Wasser mit Limone hat die Paralympics-Siegerin beispielsweise zu sich genommen.

"Ich gehe gerne im Freiwasser schwimmen, habe aber Angst vor Quallen. Da hält man natürlich auch mal Ausschau. Gott sei Dank war da nix", erzählt die gebürtige Dresdnerin. Aber dafür kamen die Schmerzen wie angekündigt. "Ab Kilometer 20 tat mir alles weh. Ich hatte dann Schwierigkeiten mit meinem Handgelenk, das schmerzte wahnsinnig. Ich habe dann eine Faust gemacht, damit hat man weniger Fläche. Das ist normalerweise eine Technikübung für die Schwimmer."

Bei der kleinen improvisierten Siegerehrung am Abend nach dem Mammutrennen konnte Christiane Reppe (r.) zumindest wieder stehen.
Bei der kleinen improvisierten Siegerehrung am Abend nach dem Mammutrennen konnte Christiane Reppe (r.) zumindest wieder stehen. © privat

Im Norden von Lanzarote herrschte fast ausschließlich Gegenströmung. "Man hat das Gefühl, dass man sich nur bewegt, wenn mal eine Welle kommt. Ich habe einige Male daran gedacht, ob ich nicht aussteige, habe mich da aber irgendwie durchgekämpft", sagt Reppe. Für einen Kilometer schlüpfte die erschöpfte Handicapsportlerin auf eines der Begleitboote - auch das erzählt sie offen.

"So etwas Krasses habe ich auch noch nicht miterlebt, ich war wahnsinnig fertig, musste mich danach einfach nur duschen und auf das Bett legen. Ich hatte noch nie solche Schmerzen", sagt sie und erklärt: "Sich selbst jeden Meter neu zu überreden, weiterzumachen, ist schon Wahnsinn." Die enorm lange Strecke verlangte ihr alles ab. Reppe berichtet auch über eine völlig verschrumpelte Zunge. "Ich wusste gar nicht, dass so etwas auch passieren kann. Interessant", erklärt sie lachend.

Die Mutter des so früh gestorbenen Kindes war im Anschluss ebenfalls auf der Gala, bedankte sich auch bei Reppe für diese außergewöhnliche Leistung für ein außergewöhnliches Projekt. "Sie fand es toll, dass man sieht, dass es auch anders ausgehen kann, dass man ganz viel schaffen kann. Da habe ich auch ein kleines Tränchen verdrückt", gesteht die Ausnahmeathletin.

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