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"Die Stadt vermissen wir nicht"

Dresden verliert immer mehr Einwohner ans Umland. Auch Anika Bage und Stefan Förster sind gegangen. Schuld sind ausnahmsweise aber nicht die Mietpreise.

Sie haben losgelassen: Anika Bage, Stefan Förster, Tochter Lucy und ihre beiden Hunde Nala und Simba fühlen sich wohl in ihrem neuen Haus in Strießen bei Großenhain. Dresden vermissen sie nicht.
Sie haben losgelassen: Anika Bage, Stefan Förster, Tochter Lucy und ihre beiden Hunde Nala und Simba fühlen sich wohl in ihrem neuen Haus in Strießen bei Großenhain. Dresden vermissen sie nicht. © Norbert Millauer

Vier Autominuten bis zur Elbe, acht bis zum nächsten Krankenhaus und zehn bis zum zweitgrößten Einkaufszentrum Dresdens. Sicher, die Großstadt hat ihre Vorzüge. Das allein reicht aber nicht immer. Anika Bage, Stefan Förster und Tochter Lucy haben im Sommer die Umzugskisten gepackt und Dresden verlassen. Die Familie hat das Leben in einer Metropole aufgegeben – für ein Eigenheim, für die Ruhe eines 300-Seelen-Dorfes und für saubere Luft.

"Unsere Wohnung war schön, die Nachbarn sehr nett", erzählt Annika Bage. Aber die Verkehrsbelastung habe sie nicht mehr ausgehalten. "Lkw-Fahrer konnten uns beim Kaffeetrinken von der Straße aus zugucken." Die Feinstaubbelastung brachte ihr Asthma, das allergisches Niesen wurde immer häufiger. Und der Familie war klar: Hier wird es nicht besser. Die Straße, an der sie wohnten – das Emmerich-Ambros-Ufer im Stadtteil Cotta – wird jeden Tag von rund 10.000 Fahrzeugen genutzt, darunter etwa 600 Lkw. Deshalb wollten die Dresdner weg aufs Dorf.

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Tausende Dresdner ziehen ins Umland

Die Landflucht als Flucht aufs Land, sie ist keine Ausnahme. Tatsächlich hat Dresden zuletzt mehr Einwohner an seine Nachbarlandkreise Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge verloren, als Menschen von dort in die Landeshauptstadt zogen. 2017, aus diesem Jahr stammen die neuesten, aufbereiteten Daten des Statistischen Landesamtes, suchten mehr als 5.500 Dresdner ihr Glück im südlichen und nördlichen Speckgürtel, der mit kleinen bis mittelgroßen Städten wie Radebeul, Pirna oder Freital weit mehr ist als nur Dörflichkeit. Was Zu- und Fortzüge aus beziehungsweise in den Landkreis Bautzen angeht, so fällt die Bilanz geradeso noch zugunsten Dresdens aus.

Was treibt die Menschen aus der Großstadt? Sind es ausschließlich Lärm und Luftverschmutzung? Bei weitem nicht. Die Dresdner Stadtverwaltung hat im Frühjahr Tausende Einwohner befragt, auch jene, die sich mit dem Gedanken tragen umzuziehen. Ein Drittel derjenigen, die ihr Glück woanders versuchen wollen, nennen die Wohnsituation als das größte Problem. Dazu gehören die Mietpreise, aber auch das Angebot an Baugrundstücken sowie Wohnungen, die groß genug für die eigenen Belange sind. 

„Fortzugs- und Umzugswillige benennen auch häufiger als andere den Rechtsextremismus in der Gesellschaft und Pegida sowie die wirtschaftliche Situation als Probleme in unserer Stadt“, heißt es in einem ersten Bericht zur Kommunalen Bürgerumfrage. Rechnet man alle Befragten zusammen, auch jene, die nicht umziehen wollen, so landet die Verkehrsbelastung auf Platz eins der größten Probleme.

Neue Heimat mit dem Zirkel ausgewählt

Stefan Förster ist auf dem Lande groß geworden, Annika Bage an der Elbe. Die junge Familie, die in die Nähe von Großenhain gezogen ist, hat sich vor allem nach Ruhe und mehr Platz gesehnt. Beides hätten sie vermutlich auch in Moritzburg oder Bannewitz bekommen. Im Großenhainer Land fand die Familie aber ein Grundstück, das sie sich leisten konnte. 

Ihre Jobs haben Anika Bage und Stefan Förster behalten. Sie ist Immobilienkauffrau und kann im Homeoffice arbeiten. Er ist Landschaftsbauer und braucht etwa 35 Minuten mit dem Auto zur Arbeit nach Dresden. Tochter Lucy fährt vom nahen Bahnhof Priestewitz aus zur Fachoberschule. "Vor uns lag die Tarifzonenkarte des Verkehrsverbundes Oberelbe, und wir haben mit dem Zirkel geschaut, was von Dresden aus gut zu erreichen ist", erklärt die Familie, wie die Wahl auf den kleinen Ort Strießen fiel.

Familienkompass: Jetzt alle Ergebnisse der Umfrage lesen!

Dresden zählte im vergangenen Jahr rund 97.000 Menschen, die des Jobs wegen aus einem anderen Landkreis in die Stadt pendelten. Die meisten kamen aus Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, gefolgt vom Kreis Meißen. Dabei gibt es durchaus Grenzen, die Arbeitnehmer in Kauf nehmen, sagt Georg Hirte, Professor für Verkehrspolitik und Raumwirtschaft an der Technischen Universität Dresden. Jenseits von einer Stunde Fahrtweg würde die Zahl der Pendler schnell abnehmen. "Eine Stunde ist ja auch das, was man maximal in der Stadt mit dem ÖPNV fährt, wenn man noch umsteigen muss", so der Wissenschaftler. Wer in Dresden einen Job hat und Ruhe im Umland sucht, macht es also genauso wie Anika Bage und Stefan Förster es getan haben. Sie schauen, wie lange sie unterwegs wären bis in die Stadt.

Vom Wohlfühl-Faktor her gibt es zwischen Dresden und den Umland-Städten und Gemeinden übrigens kaum Unterschiede, wie der Familienkompass Sachsen zeigt. Die Befragten sind mit ihrer Wohngegend zufrieden. Auch bemängeln Familien in Großenhain und Priestewitz ihren Arbeitsweg kaum mehr als die Dresdner oder Radebeuler. 

Deutliche Differenzen zeigen sich dagegen in den Wohnkosten, dem Wohnungsangebot sowie dem wahrgenommenen Verkehrslärm. Dresden, aber vor allem auch die Städte Heidenau und Radebeul, die nahtlos ineinander übergehen, werden hier vergleichsweise schlecht bewertet. Dagegen stechen Großenhain und Priestewitz hervor. Je weiter weg man von Dresden wohnt, desto besser werden die drei Faktoren bewertet.

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Und welches Fazit zieht die Familie nach dem Umzug? Die Stadt vermisse sie nicht, höchstens ihre Nachbarn, sagt Annika Bage. Dafür habe sich ihr Traum, ein eigenes Häuschen zu besitzen, erfüllt. Darüber seien die Neu-Strießener glücklich, sagen sie. Für diesen Traum verzichteten sie gern auf die Großstadt-Vorzüge. Da die Familie abends nicht sehr oft weggehe, komme ihr die dörfliche Abgeschiedenheit entgegen. Tochter Lucy ist schnell in Dresden, wenn sie Freunde besuchen will. "Oder die kommen zu uns zum Spieleabend oder Grillen", sagt die 17-Jährige. In ihrer Siedlung Am Storchennest hat die Familie inzwischen auch neue Bekannte gefunden. 

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