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Doku über Lukas Rietzschel: Der Ost-Beauftragte

Ein Schriftsteller aus dem Osten, der sich gespalten fühlt: In einem Film über Lukas Rietzschel geht es um die Schwierigkeiten, mit denen er und seine Generation kämpft.

Von Natalie Stolle
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Mit seinem Debütroman "Mit der Faust der Welt ins Gesicht schlagen" wurde Lukas Rietzschel bekannt. Inzwischen ist der Ost-Beauftragte der Generation nach der Wende. Jedoch nicht ganz freiwillig.
Mit seinem Debütroman "Mit der Faust der Welt ins Gesicht schlagen" wurde Lukas Rietzschel bekannt. Inzwischen ist der Ost-Beauftragte der Generation nach der Wende. Jedoch nicht ganz freiwillig. © Key visual

Es beginnt mit einem jungen Mann, der sein Fahrrad durch einen Säulengang schiebt. Er wirkt wie jeder andere Passant auch. Ob er aus dem Westen oder Osten von Deutschland kommt, spielt keine Rolle. Oder tut es das doch? Genau dieser Frage widmet sich Lukas Rietzschel seit vielen Jahren.

Der Schriftsteller wurde 1994 in Räckelwitz in Sachsen geboren, studierte jedoch in Kassel. Er zählt nicht zu denen, die weggegangen sind in den Westen, um dort in den Großstädten ihren Weg zu gehen. Nein, er ist wiedergekommen. Matthias Schmidts dokumentarischer Kurzfilm über Lukas Rietzschel aus der ARD-Reihe „Lebensläufe“ beschäftigt sich mit Lukas Rietzschel, mit dessen Leben, aber eben auch mit dem, wofür er steht.

Nach seinem 2018 erschienenen Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“, einem in Leipzig uraufgeführten Theaterstück „Widerstand“ und der Auszeichnung mit dem Sächsischen Literaturpreis gilt Rietzschel mittlerweile als „Ostbeauftragter der Herzen“. So nennt ihn zumindest die Off-Stimme. Er selbst wird da durchaus verlegen und gibt vor der Kamera zu verstehen, dass das so nie geplant war.

Erinnerungen an die Wendezeit

Bilder von Görlitz flimmern über den Bildschirm. Rietzschel, wie er in seiner Heimat, in der er aufgewachsen ist, spazieren geht, dick eingepackt in Mantel und Mütze. „Ich erinnere mich an eine Berufsberaterin, die meinte: Wenn du was werden willst, dann musst du weg von hier“, erzählt Rietzschel. Die alten Freunde, sie sind alle weg. Er kam als Einziger zurück in die Provinz.

Zu beobachten, wie Pegida 2014 immer stärker wurde, habe ihn geprägt und nachdenklich gemacht. Ein Grund, warum er zurückging. Die Erinnerungen an die Zeit nach der Wende teilt er mit dem Publikum und mit Regisseurin Constanze Klaue, die aktuell an der filmischen Umsetzung von „Mit der Faust in die Welt schlagen“ arbeitet. Der Film soll nächstes Jahr erscheinen.

Es ist ein Austausch, wie man ihn nur zu gut kennt, gerade wenn man selbst aus dem Osten stammt und in Rietzschels Generation groß geworden ist. Da wird über Arbeitslosigkeit, Schweigen der Eltern und verfallende Ruinen gesprochen. Und die alte Frage neu aufgeworfen: Ost und West – gibt es das eigentlich noch?

Der Vertreter des Ostens?

Bei Markus Lanz diskutierte Lukas Rietzschel mit CDU-Politikern, in Dresden mit Uwe Tellkamp, er bereitet sich vor, wirft sich in den Kampf. Und er ringt mit Ängsten, als in Bautzen beim Theaterstück und einer Rede eines Schauspielers plötzlich jemand zustimmend klatscht.

Man gewinnt den Eindruck, Rietzschel werde durch solche Auftritte in eine gewisse Rolle gezwängt. Er soll den Osten vertreten; eine immense Aufgabe. Und doch eine wichtige in Zeiten von Ost-Abwertern wie Springer-Chef Mathias Döpfner und Ost-Entschuldigern wie dem Leipziger Bestseller-Autor Dirk Oschmann.

„Wo gehöre ich dazu? Das ist das Hauptmerkmal unserer Generation“, so Regisseurin Klaue im Gespräch mit Rietzschel. Und auch die Frage Stadt oder Land spaltet im Osten einmal mehr. „Für die Leute in der Provinz bin ich Großstädter – für die Großstädter gehöre ich aber auch nicht dazu“, bringt Rietzschel es auf den Punkt. Die Dokumentation erzählt keine neue Geschichte, aber sie erzählt auf unaufdringliche Weise und ist eben deshalb sehenswert. Schade nur, dass sie gegen Ende den Fokus verliert und vieles nur anreißt.

Der Film wird beim MDR am Donnerstag, 27. April um 22:40 zu sehen sein. In der Mediathek ist er ebenfalls online verfügbar.