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Lena Odenthal startet die neue „Tatort“-Saison

Ein Auftakt, der unter die Haut geht, ist der erste neue „Tatort“ an diesem Sonntag. Was gibt es demnächst an Höhepunkten, Abschieden und Neuzugängen?

Von Bernd Klempnow
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Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) eröffnet mit „Das Verhör“ am Sonntag die neue Krimi-Saison der ARD.
Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) eröffnet mit „Das Verhör“ am Sonntag die neue Krimi-Saison der ARD. © SWR Presse/Bildkommunikation

Es geht wirklich gut los. Wer am Sonntagabend den ARD-„Tatort“ einschaltet, wird einen wahrlich spannenden Film erleben. In „Das Verhör“ wird ein Frauenmörder gesucht. Indizien führen die Kommissarinnen aus Ludwigshafen zu einem Bundeswehrsoldaten. In der Befragung gibt der sich korrekt, geradezu charmant. Aber er neigt zum Jähzorn. Und das scheint damit zu tun zu haben, dass es Frauen sind, die ihn befragen. So liefern sich Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und der Soldat (Götz Otto) ein Duell. Selten ging ein Start in die Sonntag-Krimi-Saison so unter die Haut.

Gut drei Dutzend „Tatort“-Krimis wird es bis zur Sommerpause 2023 geben, zuzüglich einiger „Polizeirufe 110“. Ein Grund für Ausblicke auf die Saison: mögliche Höhepunkte, belegbare Schnapszahlen, erfreuliche Neuzugänge und auch drohende Abschiede.

Sind demnächst zu sehen und feiern ihr 20-jähriges Jubiläum: das Münster-Team mit Frank Thiel (Axel Prahl, l.) und Prof. Karl-Friedrich Börne (Jan Josef Liefers).
Sind demnächst zu sehen und feiern ihr 20-jähriges Jubiläum: das Münster-Team mit Frank Thiel (Axel Prahl, l.) und Prof. Karl-Friedrich Börne (Jan Josef Liefers). © WDR Kommunikation/Redaktion Bild

Nun, die Folkerts kann solche furiosen Filme drehen, wenn es ihr Drehbuch und Regie erlauben. Die 61-jährige Schauspielerin gibt schließlich die dienstälteste Kommissarin im deutschen Fernsehen. In 33 Jahren hat diese bislang 75 Fälle geklärt. Im nun 76. hat sie mit Otto einen Partner, der schon vor 25 Jahren als James-Bond-Gegenspieler in „Der Morgen stirbt nie“ Schurken-Qualitäten bewiesen hat.

Neben Folkerts feiern weitere populäre Kollegen Durchhaltevermögen. So steht Harald Krassnitzer in Wien vor seinem 55. Einsatz. Maria Furtwängler ist nicht nur seit 20 Jahren Charlotte Lindholm, sie jagt im Oktober auch im 30. Fall einen Triebtäter. Die Kölner Kollegen Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär wiederum sind mit einem Junkie-Fall Ende Oktober seit 25 Jahren ein Duo. Dabei wirken als Gäste Robert Stadlober und Josef Hader mit.

Martin Brambach lacht: Er wird im nächsten "Tatort" aus Dresden entführt.
Martin Brambach lacht: Er wird im nächsten "Tatort" aus Dresden entführt. © Archivbild: Sven Ellger

Quoten-Bringer wie die Münchner Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl lösen Weihnachten ihren 90. Fall in „Mord unter Misteln“. Das Besondere: Ihre Figuren Batic und Leitmayr müssen auf einem historischen Krimidinner der 20er-Jahre den Mörder des Butlers in einem englischen Herrenhaus überführen.

Und die Quotensieger der Neuzeit, das Team aus Münster, kommt 2022 schon das dritte Mal, weil es in diesem Jahr sein 20. Jubiläum feiert. Im Fall „Ein Freund, ein guter Freund“ gerät der narzisstische Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) in einen Loyalitätskonflikt. Sein Jugendfreund Fabian wird entführt, Boerne mag dessen Frau gern. Soll er Kommissar Thiel (Axel Prahl) informieren und vielleicht damit das Leben von Fabian erst recht in Gefahr bringen, oder hilft er Veronika, die Entführung zu vertuschen?

Die Neue: Corinna Harfouch ermittelt erstmals als Susanne Bonard an der Seite von Kommissar Karow (Mark Waschke). Zu sehen allerdings erst 2023.
Die Neue: Corinna Harfouch ermittelt erstmals als Susanne Bonard an der Seite von Kommissar Karow (Mark Waschke). Zu sehen allerdings erst 2023. © rbb Presse & Information

Die vielversprechendste Neubesetzung dürfte Corinna Harfouch in Berlin sein. Sie ermittelt an der Stelle von Meret Becker künftig an der Seite von Mark Waschke. Ihr erster Fall „Nichts als die Wahrheit“ kommt als Zweiteiler im Frühjahr 2023 heraus. Es geht um rechte Strukturen in der Mitte der Gesellschaft. Der RBB preist Harfouch derart an: „Sie beherrscht wie keine andere Schauspielerin ein Stilmittel, das in Deutschland im Film selten Anwendung findet: Understatement. Damit hat sie die besten Voraussetzungen, in Berlin eine Kommissarin zu sein.“

Er galt mal als neue Hoffnung der „Tatort“-Reihe, doch der Hype um seine Baller- und Actionfilme legte sich schnell: Til Schweiger. Der Star wird eine weitere Saison pausieren. Ebenso tun es die Ermittler aus Weimar. Auch ein weiterer Dreh mit Heike Makatsch als Freiburger Ermittlerin ist derzeit nicht in Sicht. Ebenso wird es vom neuen „Polizeiruf“-Duo aus Halle/Saale, Peter Kurth und Peter Schneider, vorerst keinen neuen Krimi geben. Schade!

Überraschende Entführungen in Dresden

Überraschungen gibt es en masse: Im Krimi aus Frankfurt am Main taucht der frühere Leipziger „Tatort“-Mime Martin Wuttke als umstrittener Psychoanalytiker auf. In einer sogenannten Psycholyse-Sitzung mit Drogen gibt es sieben Tote. Skurril dürfte es im „Tatort“ aus Dresden werden. Erst wird eine Klatschreporterin entführt, dann auch noch Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach).

Und es gibt wieder Fragezeichen. Das größte: Seit 2010 ist Ulrich Tukur in Wiesbaden mit so umstrittenen wie populären Ermittlungen als LKA-Mann aktiv. Zunächst, Ende September, geht sein Murot einer Betrügerin auf den Leim, er verliert Geld und Gedächtnis. Und dann soll es laut Tukur noch einen spektakulären Fall geben. Im Winter starte eine Produktion, so der Schauspieler, „ein Ding, das es wirklich in sich hat“: Es sei das beste Drehbuch, das er seit „Im Schmerz geboren“ gelesen habe. Der „Tatort“ aus dem Jahr 2014 mit den meisten Filmtoten in der Geschichte der Reihe erhielt unter anderem die Goldene Kamera und den Grimme-Preis. Laut Medienberichten soll der Titel „Murot und das Paradies“ heißen. Tukur, gerade 65 geworden, nannte selbst einmal das Erreichen des Pensionsalters als einen Grund, aus dem „Tatort“ auszusteigen. Wäre schade!

Gibt er den "Tatort" auf? Ulrich Tukur spielt den LKA-Mann Murot aus Wiesbaden.
Gibt er den "Tatort" auf? Ulrich Tukur spielt den LKA-Mann Murot aus Wiesbaden. © HR/ARD

Ist es Zufall oder eine Auswirkung der Pandemie? Die „Tatort“-Quoten sinken – leicht. Durchschnittlich 8,9 Millionen Zuschauer schalteten 2022 ein. Im vergangenen Jahr waren es 9,2 Millionen. Spitzenreiter bleibt Münster mit immer über 14 Millionen.

Interessant wird es zum Jahresende. Denn dann ist Zeit für die Fußball-WM in Katar. Und an zwei Sonntagen (27. 11. und 4. 12.) sind gegen 20 Uhr Spiele angesetzt, die das ZDF überträgt. Noch habe die ARD nicht entschieden, ob sie an diesen Tagen Wiederholungen oder neue Krimis ansetze, sagt Alexander Bickel, Chef für ARD-Serien. „Wir werden kurzfristig reagieren, also in der finalen Planungsphase.“