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Zu Besuch in der Schreibstube bei Uwe Tellkamp

3Sat zeigt am Mittwoch einen sehenswerten, wenn auch teils missglückten Film über den „Fall Tellkamp“.

Von Marcus Thielking
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Ungewohnte Einblicke: Uwe Tellkamp an seiner Schreibmaschine.
Ungewohnte Einblicke: Uwe Tellkamp an seiner Schreibmaschine. © ZDF / Christ Valentien

Sie ist nur für einen Moment im Bild, verschwommen im Hintergrund, aber wenn man Werk und Autor nach anderthalb Stunden, die der Sender 3Sat dem Schriftsteller Uwe Tellkamp widmet, in einem Gegenstand zusammenfassen will, dann böte sie sich an – die Bleistiftspitzmaschine mit Handkurbel: altmodisch, sperrig, Zuspitzungen nicht abgeneigt.

Allein wegen solcher Bilder aus Tellkamps Schreibstube ist der Film sehenswert. Zwischen Bücher- und Papierstapeln liegt das Manuskript, wobei der Autor je nach Bedarf zu Bleistift, Tinte oder Schreibmaschine greift. Einmal – sieh an – tippt er auch auf einem Laptop.

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Verschiedene Schreibmaschinen kommen zum Einsatz, mal das flache Reisemodell, mal die klobige Bürovariante im Stil des Fin de Siecle. So müssen sie im Laufe der Jahre entstanden sein, die 900 Seiten seines neuen Romans „Der Schlaf in den Uhren“.

„Der Fall Tellkamp – Streit um die Meinungsfreiheit" mit ungewohnter Nähe

Es ist eine Stärke des Films von Andreas Gräfenstein, dass er Uwe Tellkamp ungewohnt nahekommt. Er wird in diesem Film lachen und weinen, fürchterlich schimpfen und nachdenklich schweigen. Vor allem aber spricht er darüber, woher die Wut kommt. Darum geht es in der Dokumentation mit dem Titel: „Der Fall Tellkamp – Streit um die Meinungsfreiheit.“

Seit seiner öffentlichen Kritik an der Rolle von Politik und Medien in der Flüchtlingskrise werde er behandelt wie ein „Paria“ und „Verbrecher“, sagt Tellkamp. Gerade in Dresden werde er nicht mehr eingeladen, es herrsche „angewandtes Schweigen“. Das ist eine tellkampsche Teilwahrheit. Zwar stimmt es, dass ihm das Establishment hier aus dem Weg geht, und das ist nicht gut.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Tellkamp nach seinem Streit mit Durs Grünbein 2018 im Dresdner Kulturpalast selbst auf Distanz gegangen ist. Einladungen zum Gespräch, Interview oder zur Replik nahm er nicht an. Es ist nicht redlich, wenn er sich im Nachhinein als mundtot gemachtes Opfer darstellt.

Zu den Stärken des Films gehört, dass er dem Autor Tellkamp ganz nahekommt.
Zu den Stärken des Films gehört, dass er dem Autor Tellkamp ganz nahekommt. © ZDF / Ulf Behrens

Dies ist ein Manko des 3Sat-Films: Die Nähe zu Tellkamp ist erkauft durch mangelnde Distanz. Ohne kritisches Nachfragen oder Nachprüfen kann der Protagonist Dinge behaupten, die oft bloß seiner speziellen Sicht entsprechen. Zwar kommen im Film konträre Stimmen zu Wort: der Dresdner Schriftsteller Ingo Schulze, der einstige DDR-Bürgerrechtler Frank Richter, der Kulturwissenschaftler Paul Kaiser und weitere.

Doch zeigt sich dabei eine weitere Engführung: Es reden vor allem Ostdeutsche über den Osten. Das wäre an sich völlig in Ordnung, immerhin spielt das Ganze in Dresden. Der Film stellt jedoch eingangs die Frage als Motto voran, ob das, was in Dresden diskutiert wird, nicht „das ganze Land“ angehe. Das tut es ohne Frage, denn über das Thema Meinungsfreiheit wird nicht nur in Dresden nachgedacht.

Provinzielle Perspektive

Der Film folgt indes überwiegend Tellkamps Narrativ vom gedemütigten Osten als Erklärung für Demokratieverdrossenheit. Das ist, in dieser Verengung, eine provinzielle Perspektive. Der rechte Verleger Götz Kubitschek ist Schwabe, der Identitäre Martin Sellner ist Österreicher (beide werden im Film kurz erwähnt), die AfD-Politikerin Alice Weidel kommt aus Ostwestfalen – von Marine le Pen oder Donald Trump zu schweigen.

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