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"In Freital gibt es zu wenige Visionen"

Chris Meyer zieht sich aus der Lokalpolitik zurück, nicht ohne kritische Worte in Richtung Stadtverwaltung. Eines wurmt ihn besonders.

Chris Meyer hat viele Jahre Freitals Kommunalpolitik mitgestaltet. Jetzt zieht er sich zurück.
Chris Meyer hat viele Jahre Freitals Kommunalpolitik mitgestaltet. Jetzt zieht er sich zurück. © Karl-Ludwig Oberthür

Für Außenstehende kam die Entscheidung überraschend: Am 10. Dezember verkündete Chris Meyer seinen Rücktritt aus dem Freitaler Stadtrat. Viele Jahre war der Unternehmer aus der Lokalpolitik nicht wegzudenken. 2008 kandidierte er sogar für den Posten als Oberbürgermeister - und hatte damals gegen Amtsinhaber Klaus Mättig von der CDU keine Chancen.

Chris Meyer, der seit 17 Jahren in der unabhängigen Wählervereinigung Bürger für Freital aktiv ist, erklärt im Interview, warum er zurücktrat, welchen Aufgaben er sich nun widmet und was er an Freitals Lokalpolitik vermisst.

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Herr Meyer, wie haben Weggefährten, aber auch Stadträte aus den anderen Fraktionen auf ihre Rücktrittsankündigung reagiert?

So ganz überraschend kam das für einige nicht. Schon vor der Kommunalwahl 2019 hatte ich gesagt, dass ich, falls ich wiedergewählt werde, mein Stadtratsmandat nicht bis zum Ende der Legislatur behalte. Jetzt war der Zeitpunkt da, aus privaten, beruflichen und ehrenamtlichen Gründen etwas kürzer zu treten.

Mit anderen Worten: Es wurde Ihnen alles zu viel?

Ich bin Vorsitzender in zwei Vereinen, dem Unternehmerverband Weißeritztal und beim Lebensbaum, der nun schon drei Kindergärten in Freital betreibt. Bei der eigens für den Kita-Betrieb gegründeten gemeinnützigen Gesellschaft führe ich zudem die Geschäfte. Und ich habe meine eigene Agentur für Finanz- und Versicherungsberatung. Das macht alles viel Arbeit, sodass ich mich entscheiden musste. Viele unterschätzen, dass die Stadtratsarbeit eine sehr zeitaufwendige Angelegenheit ist.

Die meisten Menschen haben wahrscheinlich keine Vorstellung davon, wie viel Aufwand man als Stadtrat hat. Können Sie das bitte einmal beschreiben?

Nehmen wir zum Beispiel die Haushaltsplanung, die derzeit stattfindet. Da bekommt man als Stadtrat einen Entwurf, der ist zwischen 300 und 400 Seiten dick. Wenn man seine Arbeit als Stadtrat ernst nimmt - und das habe ich immer getan - muss man sich das gut durchlesen. Zum Glück habe ich in Vorbereitung meiner OB-Kandidatur 2008 einen Kurs zum Kommunalhaushalt besucht. Ich bin da einigermaßen firm. Aber trotzdem entstehen bei der Lektüre eines Haushaltsentwurfs viele Fragen. Dann schreibt man Mails ans Rathaus, trifft sich mit Sachbearbeitern, lässt sich Dinge erklären und diskutiert in der Fraktion. Das ist sehr zeitaufwendig und kräfteraubend.

Sie kandidierten 2008 für das Amt des Oberbürgermeisters. Sind Sie im Nachhinein erleichtert gewesen, die Wahl nicht gewonnen zu haben?

Nein, im Gegenteil. Ich wäre sehr gerne Oberbürgermeister geworden und bedauere, dass es nicht dazu gekommen ist. Ich hätte einiges anders gemacht als Klaus Mättig und sein Nachfolger Uwe Rumberg.

Was denn zum Beispiel?

Ich erwarte von der Politik mehr zukunftsorientiertes Handeln. Ich möchte Visionen und Ideen, die neue Entwicklungen anstoßen. Wenn man von einem neuen Stadtzentrum für Freital spricht, aber einen Edeka meint - dann ist das für mich nicht visionär. Genauso die Weißeritztalbahn. Die hat so viel Potenzial, auch jenseits der alten Dampfzüge.

An was haben Sie da gedacht? Eine Eisenbahn ist nun mal eine Eisenbahn.

Man könnte die Strecke noch für ganz andere Dinge nutzen. Rollende Jugendherbergen, autonomes Fahren. Das klingt erst mal verrückt, aber wenn man da mit Hochschulen Projekte machen würde, käme man vielleicht auch an Fördergelder ran und könnte etwas ausprobieren. Stattdessen hält man in Freital zu viel am Althergebrachten fest. Das ist eigentlich gar nicht typisch sächsisch.

Was wünschen Sie sich von Freitals Lokalpolitikern?

Zuerst einmal Haltung und eine klare Meinung. Das Stadtparlament zerreißt immer mehr und man fragt sich zunehmend, wer eigentlich für was steht. Vielleicht liegt das auch an den Bürgern. Deren Erwartungshaltung ist inzwischen sehr hoch. Sie erwarten, dass sich jeder Politiker für jedes Bürgerproblem einsetzt. Immer und sofort. Aber ist das überhaupt möglich, wenn ich als Stadtrat von einer Sache überhaupt nicht überzeugt bin?

Sie stehen nun wieder auf der Bürgerseite. Was ist Ihnen denn wichtig?

Die Stadt- und Grundstücksentwicklung finde ich sehr wichtig, einschließlich der gesamten Infrastruktur: Nahverkehr, Einkaufen, Wege, Straßen, Versorgung. Vieles ist da, ist historisch gewachsen, manches liegt brach. Aber es muss weiterentwickelt werden, am besten mit Unternehmen und Privatpersonen hier vor Ort. Unsere städtischen Unternehmen wie die Wohnungsgesellschaft, aber auch die Genossenschaften müssen noch mehr mit einbezogen werden. Freital hat viele Kerngrundstücke in der Hand, aber macht zu wenig daraus.

Sie haben das Stadtratsmandat aufgegeben, bleiben aber den Bürgern für Freital erhalten, oder?

Natürlich. Ich arbeite weiter in der Wählervereinigung mit. Wir haben unsere regelmäßigen Treffen, es gibt eine Aufgabenverteilung zu verschiedenen Themen. Bei mir sind das die Themen Kindergärten und Wirtschaft. Eine Wählervereinigung braucht auch Geld und viele helfende Hände. Ich bin nach wie vor dabei.

Gibt es etwas, was Sie rückblickend gerne anders gemacht hätten?

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Ich bedauere, dass ich mir zu wenig Zeit für meine Frau und meine Kinder genommen habe. Das kann ich leider nicht mehr rückgängig machen. Aber das werde ich in Zukunft mehr beachten, das hat meine Familie absolut verdient.

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