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Mehr Beratung auf dem Land

Sachsens Verbraucherzentrale wird 30 Jahre alt und setzt sich neue Ziele. Hilfebedarf gibt es so viel wie lange nicht – nicht nur wegen Corona.

Gibt's in Brandenburg schon, fährt bald auch durch Sachsen: das Digimobil.
Gibt's in Brandenburg schon, fährt bald auch durch Sachsen: das Digimobil. © Thomas Ecke/VZB

Rund 500.000 Menschen haben dieses Jahr die Hilfe der Verbraucherzentrale Sachsen in Anspruch genommen. Aus den Erfahrungen während der Corona-Pandemie haben die rund 90 Mitarbeiter einen 30-Punkte-Plan abgeleitet, der die Richtung für die künftige Arbeit vorgeben soll. Vorstand Andreas Eichhorst gibt sich anlässlich des 30. Gründungstages der regionalen Beratungsstellen tatendurstig: „Wir werden uns mehr einmischen.“ Die wichtigsten Punkte im Überblick.

Mehr Rechte für Reisende

Egal, ob stornierte Flüge, neu terminierte Pauschalreisen oder nicht zurückgebuchte Anzahlungen: Reisen sei das „größte Schadensthema des Jahres“ gewesen, sagt Michael Hummel, Justiziar der Verbraucherzentrale. Er und seine Kollegen hätten in den vergangenen Monaten Hunderte Betroffene beraten – „die Sachsen reisen nun mal gern“. Häufig gehe es um vierstellige Summen. Um wie viel Geld insgesamt gestritten werde, sei jedoch unklar. „Die Branche gibt keine Zahlen heraus.“ Als zentrales Problem sieht Hummel die gängigen Vorkasseregelungen. So würden Kunden von vornherein in eine schwache Position gebracht, kritisiert er. Die Verbraucherzentrale fordert daher eine Abschaffung des Vorkassezwangs. Auch die Rechte von Individualreisenden müssten gestärkt werden, sagt Andreas Eichhorst. Ein Schritt dahin wäre, dass die Insolvenzabsicherung auf Flugreisen ausgedehnt wird.

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Abzocke mit Verbraucherkrediten

„Mit großer Sorge“ beobachte er die Entwicklungen im Bereich von Konsumentenkrediten, sagt Eichhorst. Tatsächlich versuchen viele Sachsen, in Zeiten gekürzter oder wegfallender Einkommen, auf diese Weise an Geld zu kommen. Die parallel dazu angebotenen Restschuldversicherungen sind jedoch problematisch. Mit den Policen verdienen Anbieter beachtliche Summen, die oft in keinem Verhältnis zur Kreditsumme stehen. Ein krasser Fall aus Sachsen sei ein 35.000-Euro-Kredit der Targobank gewesen, berichtet Eichhorst. „Da summierten sich die Kosten für die Restschuldpolice auf rund 18.000 Euro.“ Seine Forderung: Gesetzliche Regelungen in Bezug auf Wucher müssten geschärft werden. Neue Beratungs- und Bildungsangebote sollen helfen, gute von schlechten Konditionen zu unterscheiden. Eichhorsts grundsätzlicher Rat: „Machen Sie keine Null-Prozent-Finanzierungen in Elektro-Märkten.“

Zinsen für Prämiensparer

Ein besonders dickes Brett bohren die Finanzfachleute der Verbraucherzentrale seit Jahren beim Prämiensparen. Im Streit mit sächsischen Sparkassen geht es um Zinsen, die zum Nachteil der Kunden angepasst worden sein sollen. Basis hierfür waren unzulässige Klauseln in den Verträgen. Im Schnitt belaufen sich die Nachforderungen auf rund 4000 Euro pro Sparer. Die Verbraucherschützer haben inzwischen sechs Musterfeststellungsklagen gegen hiesige Sparkassen auf den Weg gebracht. Diese Form der juristischen Auseinandersetzung sei 2018 eingeführt worden, um den Weg durch die Instanzen zu beschleunigen, erklärt Justiziar Hummel. Alle betroffenen Verbraucher können sich den Klagen anschließen. Fürs zweite Halbjahr 2021 rechnet Hummel mit einer wegweisenden Entscheidung des Bundesgerichtshofs zum Prämiensparen. Im Übrigen werde man auch noch gegen weitere sächsische Sparkassen vorgehen, die sich gegen die Zinsnachzahlung sperren, sagt der Jurist. „Die kommen aus der Nummer nicht mehr raus.“ Inzwischen macht auch die Finanzaufsicht Bafin Druck. Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung könnten Geldinstitute per Verfügung gezwungen werden, mit den Kunden einvernehmliche Lösungen zu finden. Hummel: „Auf konkrete Aktionen der Bafin warten wir aber noch.“ Wer sich von der Verbraucherzentrale beraten lassen will, wie die Eintragung ins Klageregister beim Bundesamts für Justiz funktioniert, zahlt dafür knapp 39 Euro.

Regionaler Verbraucherschutz

13 Standorte betreibt die Verbraucherzentrale im Freistaat, zehn davon im ländlichen Raum. Alle zehn sollen in den nächsten fünf Jahren ausgebaut werden. Wie die künftigen „Kompetenz- und Kooperationszentren“ aussehen sollen, zeigt das Beispiel Auerbach im Vogtland: Dort teilt sich die örtliche Verbraucherzentrale ihre Räumlichkeiten mit dem Mieterverein, dem Weißen Ring und den Gewerkschaften. Die nächste Neueröffnung ist Anfang 2021 in Görlitz geplant. Auch sogenannte aufsuchende Beratung soll es geben. Vorbild ist hier das „Digimobil“ der brandenburgischen Verbraucherzentrale. Seit vergangenem Jahr fahren deren Mitarbeiter mit einem Kleintransporter durch den ländlichen Raum, um vor Ort per Videochat zu beraten.

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So soll verhindert werden, dass Ansprüche der Kunden im Landkreis Meißen verjähren. Die Frist läuft Ende des Jahres aus.

Bis einschließlich 10. Januar 2021 bietet die Verbraucherzentrale Sachsen nur in Ausnahmefällen persönliche Beratungen an. Um Kontaktaufnahme per Telefon (0341/6962 929) oder E-Mail an [email protected] wird gebeten.

Einen Überblick aller Beratungssätze der Verbraucherzentrale finden Sie hier.

Den kompletten 30-Punkte-Plan der Verbraucherzentrale können Sie hier nachlesen.

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