SZ + Leben und Stil
Merken

Selbsttest: Scheinfasten wie die Promis

Das Konzept des Scheinfastens von Alternsforschers Valter Longo klingt nach weniger Verzicht. Doch stimmt das? Ein Selbstversuch.

Von Stephanie Wesely
 6 Min.
Teilen
Folgen
Stepanie Wesely testet das Scheinfasten nach Alternsforscher Professor Valter Longo.
Stepanie Wesely testet das Scheinfasten nach Alternsforscher Professor Valter Longo. © Uwe Mann

Eine Fastenwoche im Jahr ist bei mir schon Tradition. Die unterschiedlichsten Versionen des kontrollierten Essensverzichts kenne ich bereits: so das Fasten nach Buchinger/Lützner, bei dem es nur Wasser, ungesüßten Tee, etwas Saft und Gemüsebrühe gibt; die F. X. Mayr-Kur und die Schrothkur mit ihren Trink- und Trockentagen.

Immer waren meine Fastentage Motivation für ein gesünderes Essverhalten. Doch die hielt mal mehr, mal weniger an. Nun gibt es einen neuen Trend – das Scheinfasten. Es wird von Prominenten wie Jennifer Aniston, Eva Longoria und Gwyneth Paltrow praktiziert und als Revolution gefeiert.

Denn dem Körper werde dabei nur vorgegaukelt, dass er im Fastenzustand ist. Das klingt verlockend – so, als wäre weniger Verzicht nötig, um die gleiche Wirkung zu erreichen. Deshalb wollte ich es den Promis gleichtun und Scheinfasten probieren.

Valter-Longo-Programm: Viel Geld für wenig Essen

Der italienische Zellbiologe und Alternsforscher Professor Valter Longo hat die Methode entwickelt. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, eine Fastenform zu finden, bei der der Körper nicht in eine Mangelsituation gerät, aber dennoch von Verdauungsarbeit entlastet wird, um die körpereigenen Reinigungs- und Reparaturmechanismen in Gang zu setzen. Die seien wichtig, um Zellmüll – also gestörte oder beschädigte Zellen – abzubauen und durch neue Zellen zu ersetzen. Zellmüll soll eine wichtige Rolle im Alterungsprozess und bei altersbedingten Krankheiten spielen.

Valter Longo will es den Fastenden so einfach wie möglich machen. Für viel beschäftigte Menschen oder für solche mit wenig Zeit und Talent zum Selbstkochen, gibt es die Kur fix und fertig. Es muss nichts dazugekauft werden. Unter dem Markennamen Prolon bekommt man einen Karton mit Trinkflasche, Anleitungen und fünf Einzelpaketen, in denen die komplette Nahrung jeweils für einen Tag enthalten ist. Auch ich habe die zeitsparende Variante gewählt, die aber mit 179 Euro für fünf Tage recht teuer ist.

Der erste Tag ist als Umstellungstag gedacht – mit 1100 Kilokalorien. 500 kcal davon entfallen auf komplexe Kohlenhydrate in Form von getrocknetem Gemüse, zum Beispiel Brokkoli, Tomaten, Karotten, Kürbis und Pilze. Weitere 500 kcal stecken in gesunden Fetten, zum Beispiel Walnüssen, Mandeln, Haselnüssen und Olivenöl. Hinzu kommen ein Multivitamin- und ein Mineralstoffpräparat sowie ein Omega 3- und ein Omega-6-Ergänzungsmittel, außerdem 25 Gramm Protein aus Schalenfrüchten.

Die Mahlzeiten für die anderen vier Tage sind ähnlich zusammengesetzt, enthalten aber jeweils nur 800 kcal.

Kaffee ist tabu

Das alles bekommt der oder die Fastende in appetitlicher Form präsentiert, nämlich als Nussriegel, Tomaten- oder Pilzsuppe, Gemüseeintopf mit Quinoa, Minestrone, Grünkohlkräcker, Oliven und sogar als Schokoriegel – kein bisschen fad, sondern lecker. Meine größte Überraschung waren die Kräcker aus getrockneten Kohlblättern. Sie unterschieden sich geschmacklich kaum von den sonstigen fett- und kalorienreichen Alternativen. Alle Bestandteile der Kur werden eigens für das Scheinfasten entwickelt und produziert, man kann sie einzeln so nicht kaufen.

Morgens wird mit einem Nussriegel gestartet. Reichlich Trinken ist Pflicht – ungesüßten Minze- oder Hibiskustee und Wasser. Kaffee ist tabu. Das Nussriegel-Frühstück hielt erstaunlich lange an. Mittag aß ich deshalb meist etwas später. Hier gab es eine Suppe zum Anrühren, die im Büro schnell in der Mikrowelle zubereitet werden kann. Geschmacklich gab es nicht viel auszusetzen, doch den Hunger stillten die 250 Milliliter nicht so recht. Da war die Zeit schon manchmal lang bis zum Abend. Nur an drei Tagen pro Woche waren zusätzlich Kräcker erlaubt, die den Hunger am Nachmittag schnell vergessen machten. Eins fehlte mir aber schon ab dem zweiten Tag: frisches Obst und Gemüse. Am Ende der Kur stürzte ich mich regelrecht darauf.

Wer nicht auf Fertigprodukte setzen will, Zeit und Lust zum Kochen und Backen hat, kann sich die Bestandteile der Scheinfastenkur auch selbst herstellen. Babara Becker, die Ex-Gattin des früheren Tennisstars, hat ein Buch darüber geschrieben: „Five Days Only – die Revolution des Fastens“. Ein weiteres Buch nennt sich „Scheinfasten-Rezepte“ und stammt von einer Gruppe wissenschaftlich interessierter Hobbyköche, die sich Miriam, Steffen, Michael, Julian und Christopher nennen. Sie sind vom Scheinfasten begeistert, wollen es aber gerne mit frischen Lebensmitteln umsetzen. Die Nussriegel sind bei ihnen Frühstückskugeln und Nusstaler. Die Krautkräcker heißen Wirsingchips.

Scheinfastenintervalle vier mal im Jahr empfohlen

Kugeln, Taler und Chips sind aber sehr aufwendig in der Herstellung. Das mag manchen abschrecken. Und es besteht auch die Gefahr, dass sie nicht so gut gelingen. Für Suppen gibt es verschiedene Rezeptvorschläge – von Brokkoli- bis chinesische Kokos-Gemüsesuppe.

Das Scheinfasten ist gut durchzuhalten. Idealerweise von Montag bis Freitag. Am Wochenende davor wird ein wenig entlastet. Am besten gelingt die Entlastung durch eine gemüsebetonte, leicht verdauliche Nahrung. Auf Alkohol, Süßigkeiten und salzige Snacks sollte man verzichten. Am Wochenende nach den fünf Scheinfastentagen wird in gleicher Weise mit leichter, gemüsebetonter Mischkost ins normale Leben zurückgekehrt. Solche Scheinfastenintervalle werden bis zu viermal im Jahr empfohlen. Wer sich die Mahlzeiten selbst zubereiten will, sollte alles möglichst vorbereiten. Denn es ist fraglich, ob man in der Fastenzeit immer Lust und Kraft für aufwendige Rezepte hat. Die Gefahr, die Kur vorzeitig abzubrechen, wäre größer. Das Vorbereiten ist möglich, denn die Suppen lassen sich einfrieren, die Kugeln und Taler im Kühlschrank in dichtschließenden Behältern aufbewahren, und auch die Kräcker halten sich bei trockener Lagerung einige Tage.

Das Fazit nach 5 Tagen scheinfasten

In den fünf Tagen habe ich 2,5 Kilo abgenommen. Das liegt vor allem an der halbierten Kalorienmenge pro Tag. Heißhungerattacken spürte ich jedoch nicht. Zudem sind fünf Tage eine überschaubare Zeit, die sicher jeder mit ewas gutem Willen durchhalten kann. Schwieriger ist es mit der Nachhaltigkeit. Denn nach den fünf Tagen ist man wieder selbst für sein Essen verantwortlich – und rutscht schnell wieder in alte Muster. Ich auch. Die ersten Tage nach dem Scheinfasten ließ ich Süßigkeiten zwar unbeachtet und aß mich an frischem Obst und Gemüse richtig satt. Doch dann kam Weihnachten. Nun sind die 2,5 Kilo leider wieder drauf.

Ich wollte aber nicht nur aufs Gewicht schauen. Deshalb legte ich meine planmäßige Gesundheitsuntersuchung beim Hausarzt in die Zeit nach dem Scheinfasten. Das Ergebnis: Herz-Kreislauf-System top in Ordnung, Leber-, Nieren-, Cholesterin- und Blutzuckerwerte völlig im Normbereich, Idealwerte auch beim Blutdruck. Ob das alles allein am Scheinfasten liegt? Wohl eher nicht, denn ich neige auch sonst eher zu gesundheitsbewusstem Verhalten.

Das hält ein Experte vom Scheinfasten

Für Professor Matthias Blüher, Leiter der Adipositas-Ambulanz am Uniklinikum Leipzig, ist der Begriff Scheinfasten irreführend. „Bei 880 bis 1100 kcal pro Tag ist das bereits richtiges Fasten, nicht nur zum Schein. Denn die Energiemenge liegt deutlich unter dem Bedarf eines Erwachsenen.“ Allein das Kaloriendefizit sei für den Abnehmerfolg maßgebend, der allerdings bei Rückkehr zur normalen Ernährung schnell dahin sei. Die kluge Zusammenstellung der reduzierten Nahrung lobt er jedoch. „Damit kommt es nicht wie bei anderen Diäten zu Mangelerscheinungen.“

Diese Themen erwarten Sie in unserer Serie "Schlank ins neue Jahr":

  • Trennkost auf dem Prüfstand
  • Trotz Schokolade zum Wunschgewicht
  • Was bringt die DANN-basierte Ernährung
  • Pro und Kontra zum Basenfasten
  • Neue Wundermedikamente zum Abnehmen
  • Machen Nudeln immer dick?