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Wie ein Start-up Lebensmittel vor dem Müll rettet

Der Online-Supermarkt Motatos kämpft gegen Verschwendung. Wer mitmacht, kann dabei sogar Geld sparen.

Von Kornelia Noack
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Lebensmittelverschwendung bleibt ein ungelöstes Problem - einige Unternehmen haben aber Vorschläge.
Lebensmittelverschwendung bleibt ein ungelöstes Problem - einige Unternehmen haben aber Vorschläge. © xx

Rund zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland pro Jahr im Müll. Das sind pro Person etwa 75 Kilogramm. Die schwedische Firma Motatos versucht seit zwei Jahren auch in Deutschland, gegen die Verschwendung anzugehen. Im vergangenen Jahr hat sie nach eigenen Angaben bundesweit 7.567 Tonnen Lebensmittel gerettet – durch ihre Kunden allein in Dresden waren es etwa 98 Tonnen, in Chemnitz 48 Tonnen. Wie sie das schafft, wollte die SZ von Deutschlandchef Alexander Holzknecht wissen.

Herr Holzknecht, wie genau retten Sie die Lebensmittel, die sonst im Müll gelandet wären?

Wir sprechen mit nationalen und internationalen Lebensmittelherstellern und kaufen ihnen Produkte ab, die in keinem Supermarktregal landen. Das sind Produktionsüberschüsse, falsch bezeichnete Ware, Produkte mit fehlerhafter Verpackung oder deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald abläuft. Die Lebensmittel sind immer einwandfrei. Wir verkaufen sie online weiter und liefern deutschlandweit.

Gibt es denn so viele überzählige Ware?

Von den Millionen Tonnen Lebensmitteln, die jedes Jahr entsorgt werden, stammt ein Großteil aus Restaurants und Privathaushalten. Es zählen aber auch vier bis fünf Millionen Tonnen dazu, die es gar nicht erst in den Handel schaffen. Kein Hersteller muss sich dafür schämen, dass er Überproduktionen hat, schämen muss sich der, der keine gute Lösung dafür hat. Von vielen wird die Alternative, die wir bieten, sehr gut und sehr gern angenommen.

Sie werben mit dem Wort Nachhaltigkeit. Darunter versteht man landläufig aber doch eher etwas anderes.

Ich sag mal so: Eine Tüte Chips ist per se nicht nachhaltig. Sie wurde aber nun mal produziert. Und nur, weil sie lediglich noch vier Monate haltbar ist, nimmt der Supermarkthändler um die Ecke sie nicht mehr an. Also muss der Hersteller die Tüte entsorgen. Wir haben auch einmal ausgerechnet, wie viel CO2-Emissionen im Durchschnitt in einem Produktpaket stecken, das ein Kunde bei uns bestellt.

Und wie viel ist es?

Pro Paket 6,8 Kilogramm. Dabei handelt es sich um die Emissionen, die bei der Produktion entstanden sind. Im gesamten letzten Jahr wurden so 2.700 Tonnen CO2 eingespart. Wir sind überzeugt, dass alles, was bei uns passiert, definitiv nachhaltiger ist als das Wegwerfen.

Sie verkaufen auch Produkte, die bereits abgelaufen sind. Darf man das?

Grundsätzlich könnte das jeder Händler. Jeder Kunde weiß doch zum Beispiel, dass Nudeln, deren Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) abgelaufen ist, noch verwendet werden können. Aber im Supermarkt würde sie wohl niemand kaufen. Daher haben wir einen kleinen Teil im Sortiment, der über dem MHD liegt. Das kennzeichnen wir natürlich. Im Schnitt sind Produkte bei uns aber zwei bis vier Monate haltbar.

Mit wem arbeiten Sie zusammen?

Es sind Marken wie Unilever, Dr. Oetker, Coca Cola, Redbull, Uncle Bens, ebenso wie regionale Hersteller oder Produzenten von Nischenprodukten. Es kommen fast täglich Neue hinzu. Einige setzen sich mittlerweile von sich aus mit uns in Verbindung.

Verstehen Sie sich als Alternative zu normalen Supermärkten?

Wir werden für unsere Kunden den Wochenendeinkauf nicht vollständig ersetzen, aber wir sind eine gute Ergänzung. Es gibt verschiedene Basics, haltbare Produkte wie Konserven, Süßes, Getränke und Drogerieartikel. Es ist doch ökologisch eine Katastrophe, wenn Ressourcen für eine Produktion eingesetzt werden und diese Ware dann weggeworfen werden muss.

Wie viele Produkte bieten Sie an?

Rund 1.000. Das Angebot wechselt recht schnell. Beliebt sind Süßwaren und Snacks. Bei uns landen viele unkonventionelle Geschmacksrichtungen und saisonale Angebote, etwa Sommereditionen. Im Schnitt kauft jeder Kunde 30 bis 35 Produkte. Wir möchten das Sortiment noch ausweiten, ein volles werden wir nie anbieten. Das ist auch nicht unsere Idee. Wir möchten das verkaufen, was übrig geblieben wäre. Kunde sollten neugierig sein, um zu stöbern und zu fragen: Was gibt es heute zu retten?

Sie versprechen eine Ersparnis von 20 bis 90 Prozent. Wie rechnet sich das?

Die Preise hängen davon ab, welche Menge von einem Produkt gerettet werden muss und wie lange die Ware noch haltbar ist. Wir möchten unseren Lieferanten ja einen fairen Preis anbieten. Wichtig ist, dass wir nichts wegschmeißen.

Was passiert mit der Ware, die auch Sie nicht verkauft bekommen?

Wenn auch sehr selten, kommt es vor, dass wir uns verschätzen oder einen Fehler machen. Wir arbeiten in dem Fall mit der Tafel in Berlin zusammen und geben die Lebensmittel dort ab.

Wie sehen Ihre typischen Kunden aus?

Anfang 20 bis Ende 30, etwas mehr Frauen als Männer, wohnhaft in einer größeren Stadt. Es sind auch viele junge Familien dabei. Das passt, denn wir sind vor allem in den Sozialen Medien präsent.

Sie haben jetzt noch eine Eigenmarke im Angebot. Wieso eigentlich?

Vielen Kunden haben Basics im Sortiment gefehlt, die sonst nicht im Shop landen. Also haben wir versucht, eine Produktreihe aufzusetzen, die einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck hat. Unsere Produkte sind nur eine Ergänzung und nicht im Handel erhältlich. Vielmehr beschäftigen wir uns aber mit Fragen wie: Sollten sich Lebensmittelhersteller nicht viel mehr mit der Verschwendung beschäftigen? Wie verhält es sich mit der Nachhaltigkeit in der Produktion? Zu unseren Plänen kann ich aber leider noch nichts weiter sagen.

Hat es Ihnen in die Hände gespielt, dass sich mit Corona im Frühjahr 2020 vieles ins Internet verlagert hat?

Schwer zu sagen, wir haben ja keinen Vergleich. Aber ich glaube, wir treffen mit unserem Konzept den Zeitgeist. Es ist nachhaltig, wir reduzieren die Lebensmittelverschwendung und die Kunden sparen Geld. Das war noch nie relevanter, man liest ja derzeit überall von der Inflation. Daher gehe ich davon aus, dass unser Konzept auch so gut funktioniert hätte.

  • Alexander Holzknecht leitet seit fast zwei Jahren Motatos Deutschland. Der 39-Jährige war zuvor für brands4friends tätig.

Auch so können Sie Lebensmittel retten

  • Kurz vor Ladenschluss unverkaufte und überschüssige Lebensmittel in Restaurants, Bäckereien und Geschäften vom Tag abholen – und das für wenig Geld. Das verspricht die App "Too good to go" (auf Deutsch "Zum Wegwerfen zu gut"). Das Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, Restbestände in Form von Überraschungstüten an Selbstabholer zu vermitteln. Auch in Sachsen, etwa in Dresden und Leipzig, machen Händler mit.
  • Eine zweite Chance geben die Gründer von "Dörrwerk" unter anderem aussortiertem Obst und Gemüse, das aufgrund ästhetischer Mängel nicht mehr in den Handel kommt. Unter dem Namen Rettergut verkauft das Berliner Start-up inzwischen eine Vielzahl verschiedener Produkte von Fruchtaufstrich, Suppen über Nudeln, Schokolade bis hin zu Erfrischungsgetränken – oft in Bioqualität, meist vegan, immer vegetarisch.