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Wie man uns Krankheiten einredet

Manche leiden unter Reizdarm, andere sind unzufrieden mit ihrer Intimzone. Und immer gibt es Ärzte, die eine Lösung haben. Ein Gespräch mit einer Psychiaterin.

Von Steffen Klameth
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© 123rf

Deutschland hat eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt, gemessen an der Lebenserwartung rangiert es aber unter den westeuropäischen Staaten im unteren Drittel. Die Deutschen waren lange Zeit Weltmeister bei Arztbesuchen – und klagen gleichzeitig über zu lange Wartezeiten. Was läuft hier schief? Und was könnte besser laufen? Die Psychiaterin Michelle Hildebrandt hat das deutsche Gesundheitssystem untersucht und gibt den Patienten Empfehlungen. Einer ihrer Ratschläge lautet: Fragen, fragen, fragen.

Frau Hildebrandt, Sie haben Ihr Buch „Die Patientenfänger“ genannt. Wen meinen Sie damit?

Gewissermaßen den ganzen Medizinbetrieb: die Pharma- und die Nahrungsmittelindustrie, die Ärzte und die Klinikkonzerne, die Politik und die Medien. Und zum Teil auch die Patienten, die sich mit ihren Erwartungen an das Gesundheitssystem gern einfangen lassen.

Ärzte habe doch schon genug zu tun. Welches Interesse sollten sie haben, uns noch mehr Krankheiten einzureden?

In unserem Gesundheitssystem werden Krankheiten unterschiedlich honoriert. Für die Behandlung mancher Erkrankungen gibt es weniger Geld, für andere mehr. Das schafft Anreize für Therapien, die nicht immer dem Patienten dienen.

Gibt es einen Unterschied zwischen niedergelassenen Ärzten und solchen, die im Krankenhaus arbeiten?

Niedergelassene Ärzte arbeiten meist selbstständig. Sie unterliegen der Budgetierung und können unter Umständen gar nicht alle Leistungen abrechnen. Deshalb haben sie ein Interesse, den gesetzlich Versicherten auch Selbstzahlerleistungen anzubieten und möglichst viele Privatpatienten zu behandeln – dafür gibt es mehr Geld, und das ohne Begrenzung.

Und in den Krankenhäusern?

Die angestellten Ärzte in den Kliniken unterliegen dem Druck ihrer kaufmännischen Leitungen. Große Konzerne wie Asklepios und Helios erwarten Gewinne bis zu 15 Prozent. Die Folge sind kürzere Verweildauern – Stichwort „blutige Entlassung“ – und die Fokussierung auf bestimmte Behandlungen. Hüft- und Kniegelenkersatz sowie Bandscheiben-OPs bringen viel Geld, sind aber häufig nicht notwendig.

Sie sprechen aus Erfahrung?

Viele Fälle habe ich selbst während meiner Ausbildung und klinischen Tätigkeit sowie als Gutachterin erlebt. Um nur ein krasses Beispiel zu nennen: Da gab es den älteren Herrn, der dement und nahezu bettlägerig war und trotzdem eine neue Hüfte bekam. Damit will ich nicht sagen, dass auch ein 80-Jähriger von einer solchen Operation profitieren kann – wenn er nämlich ansonsten noch fit ist und zum Beispiel gern wandern geht. Entscheidend ist, ob der Eingriff die Lebensqualität des Patienten erhöht und der Nutzen das Risiko überwiegt.

Dr. Michelle Hildebrand (51) ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und arbeitet als Gutachterin in Lübeck.
Dr. Michelle Hildebrand (51) ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und arbeitet als Gutachterin in Lübeck. © PR

Zur Ehrenrettung der Mediziner sollte man erwähnen, dass es auch dort kritische Stimmen gibt – etwa die Internistische Fachgesellschaft mit ihrer Initiative „Klug entscheiden“.

Das stimmt, viele Ärzte beklagen den ökonomischen Druck. Vor allem Hausärzte wünschen sich auch mehr Zeit für ihre Patienten. Dem steht die Tatsache entgegen, dass sprechende Medizin schlecht vergütet wird.

Patienten bleibt doch gar nichts anderes übrig, als ihrem Arzt zu vertrauen.

Vertrauen ist auch gut. Aber genauso wichtig ist es, dass sich Patienten informieren. Es gibt ja inzwischen viele Quellen im Internet. Allerdings ist die Unterscheidung, was seriös ist und was nicht, für den Laien nicht immer leicht. Das birgt die Gefahr, dass sich manche Patienten selbst klüger wähnen als ihren Arzt und unter Umständen Medikamente nicht mehr einnehmen.

Was also raten Sie den Patienten?

Fragen, fragen, fragen. Arzt und Patient müssen mehr miteinander reden. Ein guter Arzt wird darauf eingehen. Und dann kann ihm der Patient auch vertrauen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie aus Befindlichkeiten plötzlich ein Massenphänomen wird. Wer erfindet eigentlich solche Modekrankheiten?

Da spielen mehrere Dinge ineinander. Nehmen wir die Zöliakie, also die Glutenunverträglichkeit. Die gab es schon immer, tatsächlich ist nur etwa ein Prozent der Bevölkerung davon betroffen. Nun häuften sich in den letzten Jahren die Fälle, in denen Menschen über Reizdarmsymptome klagten, die sie auf eine Glutenempfindlichkeit schieben. Damit wurde das Thema für die Pharma- und die Nahrungsmittelindustrie interessant. Also brachte sie entsprechende Produkte auf den Markt – und heizte die Nachfrage weiter an. Und dann gibt es noch Buchautoren, übrigens häufig Heilpraktiker und Anhänger der alternativen Medizin, die Weizen schlechtreden.