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Wie man uns Krankheiten einredet

Manche leiden unter Reizdarm, andere sind unzufrieden mit ihrer Intimzone. Und immer gibt es Ärzte, die eine Lösung haben. Ein Gespräch mit einer Psychiaterin.

© 123rf

Deutschland hat eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt, gemessen an der Lebenserwartung rangiert es aber unter den westeuropäischen Staaten im unteren Drittel. Die Deutschen waren lange Zeit Weltmeister bei Arztbesuchen – und klagen gleichzeitig über zu lange Wartezeiten. Was läuft hier schief? Und was könnte besser laufen? Die Psychiaterin Michelle Hildebrandt hat das deutsche Gesundheitssystem untersucht und gibt den Patienten Empfehlungen. Einer ihrer Ratschläge lautet: Fragen, fragen, fragen.

Frau Hildebrandt, Sie haben Ihr Buch „Die Patientenfänger“ genannt. Wen meinen Sie damit?

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Auf geht’s in die Erntezeit
Auf geht’s in die Erntezeit

Der Garten verwöhnt im Spätsommer mit frischem Obst und Gemüse. Und langsam heißt es auch, sich auf den Herbst und die anstehenden Arbeiten vorzubereiten.

Gewissermaßen den ganzen Medizinbetrieb: die Pharma- und die Nahrungsmittelindustrie, die Ärzte und die Klinikkonzerne, die Politik und die Medien. Und zum Teil auch die Patienten, die sich mit ihren Erwartungen an das Gesundheitssystem gern einfangen lassen.

Ärzte habe doch schon genug zu tun. Welches Interesse sollten sie haben, uns noch mehr Krankheiten einzureden?

In unserem Gesundheitssystem werden Krankheiten unterschiedlich honoriert. Für die Behandlung mancher Erkrankungen gibt es weniger Geld, für andere mehr. Das schafft Anreize für Therapien, die nicht immer dem Patienten dienen.

Gibt es einen Unterschied zwischen niedergelassenen Ärzten und solchen, die im Krankenhaus arbeiten?

Niedergelassene Ärzte arbeiten meist selbstständig. Sie unterliegen der Budgetierung und können unter Umständen gar nicht alle Leistungen abrechnen. Deshalb haben sie ein Interesse, den gesetzlich Versicherten auch Selbstzahlerleistungen anzubieten und möglichst viele Privatpatienten zu behandeln – dafür gibt es mehr Geld, und das ohne Begrenzung.

Und in den Krankenhäusern?

Die angestellten Ärzte in den Kliniken unterliegen dem Druck ihrer kaufmännischen Leitungen. Große Konzerne wie Asklepios und Helios erwarten Gewinne bis zu 15 Prozent. Die Folge sind kürzere Verweildauern – Stichwort „blutige Entlassung“ – und die Fokussierung auf bestimmte Behandlungen. Hüft- und Kniegelenkersatz sowie Bandscheiben-OPs bringen viel Geld, sind aber häufig nicht notwendig.

Sie sprechen aus Erfahrung?

Viele Fälle habe ich selbst während meiner Ausbildung und klinischen Tätigkeit sowie als Gutachterin erlebt. Um nur ein krasses Beispiel zu nennen: Da gab es den älteren Herrn, der dement und nahezu bettlägerig war und trotzdem eine neue Hüfte bekam. Damit will ich nicht sagen, dass auch ein 80-Jähriger von einer solchen Operation profitieren kann – wenn er nämlich ansonsten noch fit ist und zum Beispiel gern wandern geht. Entscheidend ist, ob der Eingriff die Lebensqualität des Patienten erhöht und der Nutzen das Risiko überwiegt.

Dr. Michelle Hildebrand (51) ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und arbeitet als Gutachterin in Lübeck.
Dr. Michelle Hildebrand (51) ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und arbeitet als Gutachterin in Lübeck. © PR

Zur Ehrenrettung der Mediziner sollte man erwähnen, dass es auch dort kritische Stimmen gibt – etwa die Internistische Fachgesellschaft mit ihrer Initiative „Klug entscheiden“.

Das stimmt, viele Ärzte beklagen den ökonomischen Druck. Vor allem Hausärzte wünschen sich auch mehr Zeit für ihre Patienten. Dem steht die Tatsache entgegen, dass sprechende Medizin schlecht vergütet wird.

Patienten bleibt doch gar nichts anderes übrig, als ihrem Arzt zu vertrauen.

Vertrauen ist auch gut. Aber genauso wichtig ist es, dass sich Patienten informieren. Es gibt ja inzwischen viele Quellen im Internet. Allerdings ist die Unterscheidung, was seriös ist und was nicht, für den Laien nicht immer leicht. Das birgt die Gefahr, dass sich manche Patienten selbst klüger wähnen als ihren Arzt und unter Umständen Medikamente nicht mehr einnehmen.

Was also raten Sie den Patienten?

Fragen, fragen, fragen. Arzt und Patient müssen mehr miteinander reden. Ein guter Arzt wird darauf eingehen. Und dann kann ihm der Patient auch vertrauen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie aus Befindlichkeiten plötzlich ein Massenphänomen wird. Wer erfindet eigentlich solche Modekrankheiten?

Da spielen mehrere Dinge ineinander. Nehmen wir die Zöliakie, also die Glutenunverträglichkeit. Die gab es schon immer, tatsächlich ist nur etwa ein Prozent der Bevölkerung davon betroffen. Nun häuften sich in den letzten Jahren die Fälle, in denen Menschen über Reizdarmsymptome klagten, die sie auf eine Glutenempfindlichkeit schieben. Damit wurde das Thema für die Pharma- und die Nahrungsmittelindustrie interessant. Also brachte sie entsprechende Produkte auf den Markt – und heizte die Nachfrage weiter an. Und dann gibt es noch Buchautoren, übrigens häufig Heilpraktiker und Anhänger der alternativen Medizin, die Weizen schlechtreden.

Die meisten Menschen benötigen also gar keine glutenfreie Nahrung?

Richtig. Für Menschen mit Zöliakie sind die neuen Produkte natürlich ein Segen. Das Problem ist aber, dass nicht mehr zwischen Glutenunverträglichkeit im Sinne der Krankheit Zöliakie und Glutenempfindlichkeit unterschieden wird. Dabei kann die Zöliakie mit einer Blutuntersuchung gut nachgewiesen werden.

Mit Reizdarm ist doch aber auch nicht zu spaßen.

Ein Reizdarm allein hat noch keinen Krankheitswert. Unser Magen-Darm-System reagiert stark auf Gefühle, nicht ohne Grund spricht man auch vom Darm-Gehirn. Das eigentliche Problem sind unsere Ernährungsgewohnheiten. Die haben sich in den letzten 50 Jahren sehr verändert – mehr Kohlenhydrate, mehr Zucker. In den meisten Fällen hilft also schon eine Ernährungsumstellung. Ähnlich verhält es sich übrigens auch mit anderen vermeintlichen Unverträglichkeiten, zum Beispiel der Laktoseintoleranz. Gefühlt leiden 20 bis 25 Prozent aller jungen Leute darunter, tatsächlich schätzt man den Anteil an der Gesamtbevölkerung in Deutschland auf etwa zehn Prozent.

Auch vermeintliche Schönheitsmakel gelten heute unter Umständen als Krankheit.

Dass jemand seine Nase als zu groß oder den Bauch als zu dick empfindet, kennt man ja. Aber dass ein Hängebusen in der internationalen Klassifikation der Krankheiten als „Ptosis mammae“ mit einer eigenen Nummer aufgeführt wird, finde ich schon bemerkenswert – schließlich sind nur die wenigsten Frauen mit dem Ideal eines Apfelbusens ausgestattet. Medien und Influencer vermitteln ein Schönheitsideal, dem viele Menschen nacheifern wollen. Was mich wirklich schockiert: dass selbst der Intimbereich nicht mehr verschont bleibt.

Zum Beispiel?

Der Trend zur vollständigen Intimrasur hat sichtbar gemacht, was bis dahin durch die Körperbehaarung verborgen war. Viele Frauen vergleichen ihre Scham mit einem Idealbild, das bei Erwachsenen jedoch so gut wie nie vorkommt. Überhaupt gibt es für die Größe und Gestalt der großen und kleinen Schamlippen keinen Normalbefund. Die Orientierung an dem Idealbild erzeugt bei vielen jungen Frauen aber einen extremen Leidensdruck – bis dahin, dass sie sich einer keinesfalls risikofreien Operation unterziehen. Die Zahl der intimchirurgischen Eingriffe hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen.

Zahlen Krankenkassen dafür?

Patientinnen und Ärzte sind in ihren Begründungen sehr einfallsreich. Aber die Kosten für Schönheitsoperationen werden von den gesetzlichen Krankenkassen in aller Regel nicht übernommen. Ausnahmen bestehen etwa nach einem Unfall oder einer Krebserkrankung. Meine Botschaft an alle, die mit ihrem Körper unzufrieden sind: Es gibt große und kleine Menschen, dicke und dünne. Und unser Körper wandelt sich das ganze Leben lang. Diesen Veränderungen sollten wir nicht mit dem Skalpell begegnen, sondern mit Akzeptanz.

Keine andere Diagnose hat in den letzten so stark zugenommen wie die Depression. Wird hier auch getrickst?

Es gab schon immer einen bestimmten Bevölkerungsanteil, der unter einer Depression leidet. Damit meine ich die klassische Depression. Daran hat sich aus meiner Sicht nichts geändert. Was sich geändert hat, ist die Verwendung dieser Diagnose als Sammelbegriff. Was bisher normal war, ist plötzlich eine Depression. Nehmen Sie die Trauer: Früher wurde jedem ein Jahr Trauer zugestanden, der Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben wurde akzeptiert. Heute sind alle ungeduldig, und schon nach zwei oder vier Wochen wird aus der Trauer eine Depression. Ähnlich verhält es sich mit jungen Leuten, die in der Zeit des Übergangs zum Erwachsenenalter alles infrage stellen. Dann sind sofort die Psychotherapeuten und andere Spezialisten zur Stelle. Und wenn man einmal in dem Netz gefangen ist, kommt man so schnell nicht wieder raus. In vielen Fällen würde ein Coaching oder eine Kurzzeittherapie reichen. Doch einmal in Therapie, findet sich garantiert ein unschönes Ereignis in der Kindheit, das dann im Rahmen einer Langzeittherapie aufgearbeitet werden muss. Leidtragende sind die wirklich schwer Betroffenen, die lange auf einen Psychotherapieplatz warten müssen.

Sie zitieren das schöne Bonmot „Wer gesund ist, wurde nur nicht richtig untersucht.“ Zweifeln Sie etwa auch am Sinn von Vorsorgeuntersuchungen?

Grundsätzlich nicht. Eine frühzeitige Diagnose hat schon vielen Menschen das Leben gerettet. Aber Vorsorgeuntersuchungen bergen auch Risiken. Sie können einen falsch-positiven Befund ergeben, was seelische Belastungen oder gar unnötige Operationen nach sich zieht. Manche Untersuchungen können sogar mehr schaden als nutzen, etwa die Mammografie bei jüngeren Frauen. Deshalb wird sie seit einigen Jahren erst ab 50 empfohlen; vorher stand sie jeder 35-jährigen Frau als Brustkrebsscreening zu.

Für die meisten Früherkennungsuntersuchungen müssen Patienten selbst zahlen. Ist das gerecht?

Wir leben im Zeitalter der evidenzbasierten Medizin. Wenn eine Untersuchung nachweislich mehr schadet als nutzt, dann sollte nicht die Solidargemeinschaft für die Kosten aufkommen.

Während der Pandemie hat die Zahl der Arztbesuche deutlich abgenommen. Sind die Deutschen vielleicht gar nicht so krank?

Es könnte den Verdacht bestätigen, dass viele vermeintliche Krankheiten nur Befindlichkeitsstörungen sind. Möglicherweise haben viele Patienten während der Pandemie gedacht: Bevor ich mich beim Arzt anstecke, schaue ich mal, ob die Sache nicht auch von allein weggeht. Die Leute sind aber nicht nur weniger zum Arzt gegangen, sondern es gab auch weniger Notfälle. Das finde ich bedenklich. Bei einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall zählt jede Minute. Möglicherweise sind Menschen sogar verstorben, weil sie keinen Notdienst gerufen haben.

  • Das Buch: Michelle Hildebrandt, „Die Patientenfänger“, Hirzel Verlag, 240 Seiten, 18 Euro bzw. als E-Book: epub, 13,90 Euro.

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