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Dresdner Start-up will Genschere vermarkten

Sie soll Erbkrankheiten heilen und dabei präziser sein als Crispr: Ein zukünftiges Start-up der TU Dresden sieht Marktpotential für seine entwickelten Genscheren.

Mit der Genscheren-Technologie können bestimmte Sequenzen der DNA repariert und Erbkrankheiten geheilt werden.
Mit der Genscheren-Technologie können bestimmte Sequenzen der DNA repariert und Erbkrankheiten geheilt werden. © 123rf.com

Dresden. Den ersten großen Kooperationspartner und Kunden haben sie nach eigenen Angaben bereits im Boot: Der US-amerikanische Pharma-Riese Johnson & Johnson - bekannt für seinen Corona-Impfstoff - will mit dem Dresdner Start-up RecTech zusammenarbeiten. Das Ziel: die eigens entwickelte Genschere soll für die klinische Anwendung optimiert und dann auf den Markt gebracht werden. Damit könnten Therapien für Erbkrankheiten entwickelt werden, die bislang als unheilbar galten.

Häufig werden solche Krankheiten durch einen Fehler nur eines einzelnen Gens ausgelöst. Mehr als 8.000 Gendefekte dieser Art sind bisher bekannt. Spezielle Enzyme, sogenannte Designer-Rekombinasen, können die fehlerhaften Stellen im Genom bearbeiten und damit die Krankheit heilen. "Es ist faktisch möglich, damit jede beliebige DNA-Sequenz zu adressieren", erklärt Felix Lansing, wissenschaftlicher Leiter bei RecTech. Anne Kristin Heninger, zukünftige CEO des Start-ups erklärt: "Sie müssen sich vorstellen, dass wir in unseren Reagenzgläsern Millionen Klone von Rekombinasen haben, die wir dann auf eine spezifische Ziel-DNA programmieren können.

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Vorteile gegenüber der Crispr-Genschere

Im Gegensatz zur Crispr-Genschere wird bei der Anwendung das Genom nicht nur an der betroffenen Stelle zerschnitten, sondern auch gleich wieder zusammengesetzt. Damit werden die körpereigenen Reparaturmechanismen gezielt übersprungen. Da es sich um sequenz-spezifische Genscheren handelt, können diese das Genom besonders präzise und vorhersagbar modifizieren.

"Der Markt wird in den nächsten fünf Jahren auf bis zu 10 Milliarden US-Dollar wachsen", prognostiziert Heninger. Mit ihrem Geschäftsplan gewannen Heninger und ihr Kollege Felix Lansing den zweiten Platz des Businessplan-Wettbewerbs von "Science4Life", einer unabhängigen Gründerinitiative mit Fokus auf Biowissenschaften, Chemie und Energie. Für die beste innovative Geschäftsidee bekamen sie ein Preisgeld von 10.000 Euro.

Dr. Anne Kristin Heninger und Felix Lansing: Mit ihrem Startup RecTech wollen sie eine neuartige Genschere auf den Markt bringen.
Dr. Anne Kristin Heninger und Felix Lansing: Mit ihrem Startup RecTech wollen sie eine neuartige Genschere auf den Markt bringen. © Science4Life

Bereits vor fünf Jahren hatte der Leiter der Forschungsgruppe Frank Buchholz von der Medizinischen Fakultät der TU Dresden eine Genom-Schere gegen HIV präsentiert. Die Technologie war bereits dieselbe, das Ergebnis von 20 Jahren Forschungsarbeit.

Anwendungsfeld Blutgerinnungsstörung

Der Eingriff ins Erbmaterial des Menschen ist in Deutschland allerdings umstritten. Die Keimbahntherapie, bei der die Vererbung der Krankheit an Nachkommen verhindert wird, ist sogar generell verboten. "Die Gentherapie, die wir und andere Genscheren anstreben, darf auf keinen Fall in die Keimbahn. Das ist nicht unser Ziel", erklärt Heninger. Laut einem Gutachten der Expertenkommission für Forschung und Innovation, die die Bundesregierung berät, verpasse Deutschland dennoch das wirtschaftliche Potenzial der Genschere. Genehmigungsverfahren etwa für die Genschere Crispr sind hierzulande dementsprechend schwierig.

Die Kooperation mit Johnson & Johnson soll trotzdem nicht nur auf den amerikanischen Markt abzielen, erklärt Heninger. Für das Start-up selbst stehe der europäische Markt im Fokus. Für ihre Genschere haben Heninger und Buchholz eine Förderung des Bundesforschungsministeriums erhalten. Mit ihrem Start-up wollen sie nun einen gezielten Einsatzbereich für die Genschere entwickeln. Zuerst soll sie bei der Behandlung der Erbkrankheit Hämophilie A zum Einsatz kommen. Die Krankheit kommt vor allem bei Jungen und Männern vor und verhindert die Blutgerinnung und damit die Heilung einer offenen Wunde. Aufgrund einer spezifischen Genmutation könne die Krankheit mit herkömmlichen Genscheren nicht behandelt werden, erklärt Felix Lansing im "Tech Slam" des Science4Life-Wettbewerbs. "Allein hier ergibt sich ein Marktpotential von einer Milliarde Euro."

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Schrittweise soll die Genschere nach klinischen und präklinischen Studien auf den Markt gebracht werden. Neben Johnson & Johnson sollen weitere Kooperationspartner überzeugt werden. Durch Meilensteinzahlungen erwartet Lansing Einnahmen von zehn bis 20 Millionen Euro.

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