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Ein Leben für die Familie

Gertrud Walter aus Görlitz war immer für andere da. Am Freitag wird sie 100 Jahre alt.

Gertrud Walter (links) aus Weinhübel schaut sich mit ihrer Tochter Christa Miedniok alte Fotos an. Am 20. November wird Gertrud Walter 100 Jahre alt.
Gertrud Walter (links) aus Weinhübel schaut sich mit ihrer Tochter Christa Miedniok alte Fotos an. Am 20. November wird Gertrud Walter 100 Jahre alt. © André Schulze

Man sieht ihr das Alter nicht an. Aber Gertrud Walter fühlt es. „Mein einziger Wunsch wäre, wieder laufen zu können“, sagt die Weinhüblerin. Im Kopf ist sie noch immer fit, die SZ liest sie bis heute jeden Tag. Kaum zu glauben, dass sie an diesem Freitag schon 100 Jahre alt wird.

Geboren wurde sie als Gertrud Pätzold am 20. November 1920 in Linde bei Lauban, dem heutigen Luban, etwa 25 Kilometer östlich von Görlitz. „Meine Eltern hatten eine große Landwirtschaft und ich bin dort die ersten sechs Jahre in die Schule gegangen“, erinnert sich die Jubilarin. Dann aber wollten sich die Eltern verkleinern und erwarben dafür eine Landwirtschaft in Posottendorf, wohin sie 1932 zogen. Seit 1936 heißt der Ort Weinhübel, seit 1949 gehört er als Stadtteil zu Görlitz.

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Seit 1932 immer in Weinhübel gelebt

Gertrud Walter lebt seit 1932 ununterbrochen an diesem Ort, hier hat sich seither ihr gesamtes Leben abgespielt, sogar schon ihre letzten zwei Schuljahre. Anschließend ging sie im damaligen Moys am anderen Ufer der Neiße in Stellung. Dort hat sie bei einer Familie den Haushalt gemacht, aber auch das Geschäft. Das heißt, sie war dort auch Verkäuferin.

Sie erinnert sich noch daran, wie ihre Eltern eines Tages auch die kleinere Landwirtschaft verkauften und stattdessen an der Zittauer Straße ein großes Sechs-Familien-Haus bauten, das sie irgendwann später altershalber verkauften. Und sie erinnert sich an finstere Zeiten. Vor allem an den Zweiten Weltkrieg. Auch sie musste zum Kriegsdienst, um aus Bäumen und Draht Panzersperren zu wickeln.

1946 ihren Mann geheiratet

„Ich hatte vier Brüder“, sagt sie: „Zwei von ihnen sind im Krieg gefallen, einer blieb vermisst.“ Und selbst der Bruder, der den Krieg überlebte, wurde nur 52 Jahre alt. Als die Brüder nicht mehr lebten, hatte es sich für sie mit dem Kriegsdienst erledigt: „Da musste ich zurück nach Hause, um mich um meine Eltern zu kümmern.“ Später, nach dem furchtbaren Krieg, gab es auch viele schöne Momente. 1946 heiratete sie ihren Rudolf, zwei Jahre später kam ihr einziges Kind zur Welt, Tochter Christa.

Dieses alte Bild zeigt Gertrud Walter mit ihrer Tochter zu deren Taufe.
Dieses alte Bild zeigt Gertrud Walter mit ihrer Tochter zu deren Taufe. © André Schulze

Sie lebte ein Leben für ihre Familie: Für Mann und Tochter, aber auch für ihre Eltern und Schwiegereltern, die sie fürsorglich pflegte. Ihre Mutter starb im Alter von 82 Jahren, danach nahm sie ihren Vater für 13 Jahre zur Pflege in ihrer Wohnung auf. Er wurde 95 Jahre alt.

20 Jahre lang in Heimarbeit genäht

Für die Familie verzichtete Gertrud Walter nicht nur auf Urlaube, sondern auch auf einen Beruf. „Ich habe mir das Nähen angeeignet und dann 20 Jahre lang für eine Firma in Heimarbeit genäht“, berichtet sie. Das machte sie bis zur Rente 1980 – parallel zur Pflege. Doch auch danach standen keine großen Dinge an, auch keine Reisen. Ihr Mann starb bereits 1986.

Die Familie, zu der neben Tochter Christa mittlerweile zwei Enkelsöhne und drei Urenkel gehören, blieb für sie das Wichtigste. Gemeinsam verbrachten sie viel Zeit, ihre Tochter nahm sie gern zu Ausflügen mit oder in den Garten. Sie selbst war lange mit dem Fahrrad mobil.

Immer auf die Ernährung geachtet

Dafür, dass sie so alt geworden ist, sieht Gertrud Walter zwei mögliche Gründe. Es könnte an den Genen liegen. Nicht nur ihr Vater wurde sehr alt, sondern auch dessen Brüder. „Und ich habe schon immer auf die Ernährung geachtet“, sagt sie. Auf fettige Sachen habe sie verzichtet, geraucht habe sie nie, Alkohol gab es höchstens mal bei Feiern. Aber viel Sport getrieben hat sie nie. Vielleicht liegt es auch am Zusammenhalt in ihrer Familie – daran, dass stets alle füreinander da waren – und bis heute sind. Nur so kann Gertrud Walter noch immer allein in ihrer Weinhübler Wohnung leben – gut betreut durch ihre Tochter und einen Pflegedienst. An diesem Glück soll sich auch mit 100 Jahren nichts ändern.

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