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Samariterin für Helden

Als Leiterin der Görlitzer Stadtmission hat Anika Arlt das Suppenküchenmobil auf den Weg gebracht. Als Clownin Bepina bewirkt sie, dass sich die Lutherkirche wieder füllt.

Anika Arlt leitet die Görlitzer Stadtmission, wo Bedürftige eine kostenlose warme Mahlzeit bekommen können.
Anika Arlt leitet die Görlitzer Stadtmission, wo Bedürftige eine kostenlose warme Mahlzeit bekommen können. © Dennis Lohann

Helden – so nennt Anika Arlt diejenigen, die es an den Rand des Lebens gespült hat. Die es nicht schaffen, ohne Hilfen durchzukommen, oft voller Scham deswegen sind, aber dennoch den Mut haben, sich helfen zu lassen: indem sie kostenloses Essen annehmen, sich in der Kleiderkammer Sachen aussuchen oder zum Duschen und Wäschewaschen in die Stadtmission kommen. "Für mich sind das einfach Lebenshelden", sagt Anika Arlt. "Weil sie Krisen durchleben, die für andere unvorstellbar sind."

Vom Suppenmobil und Familiengottesdienst

Mit dieser Haltung hat die 39-Jährige Einiges verändert und aufgebaut, seit sie 2009 die Leitung der Evangelischen Stadtmission übernahm. 2013 setzte sie die Idee einer mobilen Suppenküche um, die einmal pro Woche in Görlitz unterwegs ist und Menschen erreicht, die sich nicht überwinden können, in die Langenstraße zu kommen. Auch die öffentlichen Duschen und Waschmaschinen hat Anika Arlt in der Stadtmission eingeführt.

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Und seit sie 2017 die Gemeindearbeit der Lutherkirche in der Innenstadtgemeinde übernahm, kommen wieder mehr Menschen in die Gottesdienste am Lutherplatz und werden immer stärker zu einer Gemeinschaft. Besonders die Familiengottesdienste, in denen Anika Arlt und ihr Mann als Clownin Bepina und Pfarrer Bernd auftreten, sind einzigartig im kirchlichen Leben der Stadt. Sie ziehen auch Menschen an, die sich von der Kirche entfernt hatten oder aus dem Umfeld der Stadtmission dazukommen.

Anika Arlt als Clown Bepina und Bernd Arlt als "Pfarrer Bernd" beim Familiengottesdienst in der Görlitzer Lutherkirche.
Anika Arlt als Clown Bepina und Bernd Arlt als "Pfarrer Bernd" beim Familiengottesdienst in der Görlitzer Lutherkirche. © Anja Beutler

Mit diesem Einsatz für die Bedürftigen und ihren Ideen für eine lebendige Kirche zählt Anika Arlt zu den unter 40-Jährigen, die gerade wichtige Aufgaben in der Görlitzer Stadtgesellschaft übernehmen und deshalb in der Serie "Junge Macher" vorgestellt werden.

Nürnbergerin entschied sich für Görlitz

Anika Arlt stammt aus Nürnberg, wuchs in einer christlichen Familie auf und lernte zunächst Erzieherin. In einem kleinen evangelischen Kindergarten in Frankfurt am Main übernahm sie schon als 23-Jährige die Leitung. Dann aber entschied sie, sich mehr der Religion zu widmen und ging für eine theologische Ausbildung nach Wuppertal an die Evangelistenschule Johanneum. "Diese Gemeinschaft, die gemeinsam lebte und lernte, hat mich stark geprägt", sagt Anika Arlt.

Nach ihrer Ausbildung wollte sie nach Ostdeutschland. Auf einer Karte, die abbildete, wo ihre "Johanneums-Geschwister" arbeiteten, sei der Osten deutlich unterrepräsentiert gewesen. "Außerdem fand ich es schön und spannend, hier Land und Leute kennenzulernen."

Veränderung ist immer möglich

In Görlitz war die Stelle der Stadtmissionarin frei. Anika Arlt bewarb sich, wurde angenommen und bereute es nie. Sie hätte auch Predigerin werden können, wollte aber mit Bedürftigen arbeiten. "Menschen liegen mir einfach am Herzen", sagt sie. "In der Arbeit mit ihnen lernt man, dass es sich so leicht sagt: 'Das würde mir nie passieren!'" Aber Krisen, die Menschen aus der Bahn werden, könnten jeden treffen.

"Mit dem Verlust der Arbeit fängt es oft an", sagt Anika Arlt, "der Mensch ist nicht dafür gemacht, ohne Aufgabe zu sein." Wenn dann die Familie und andere Bindungen zerbrechen, vielleicht noch Alkohol im Spiel ist, könne ein Abwärtsstrudel einsetzen und die Scham unüberwindbar werden. "Doch im Leben ist immer Veränderung möglich", sagt Anika Arlt, "auch das sehe ich in der Arbeit."

Von den Lebensgeschichten ihrer Helden lässt sie sich berühren und bewegen, nimmt Anteil, wenn jemandem eine Veränderung gelingt und ebenso, wenn er in sein altes Muster zurückfällt. "Einmal nahm sich einer unserer Helden vor, in der Fastenzeit keinen Alkohol zu trinken", sagt sie. "Er hat es wirklich geschafft! Noch nie fand ich es so schade, dass Ostern kam."

Neues Leben in der Lutherkirche

Als Anika Arlt 2017 die Aufgabe von Pfarrer Hanert in der Lutherkirche übernahm, der damals in den Schuldienst wechselte, war das für sie eine Aufgabe, die sie sich in Zusammenarbeit mit ihrem Mann, dem Pfarrer Bernd Arlt, zutraute. Die beiden hatten gerade geheiratet. Und es war für sie eine Chance, Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen, noch besser integrieren zu können. "Man kann jemanden ganz anders ansprechen, wenn man ihn zum Gottesdienst oder ins Kirchencafé einlädt."

Auch dass man Aufgaben braucht, um sich einbezogen zu fühlen, spielt dabei immer wieder eine Rolle. Neulich zum Beispiel, es war St. Martin, beklagte sie als Clownin Bepina, wie viel sie als "Superhelferin" zu erledigen habe. "Doch Martin hat den Mantel nicht verschenkt, sondern ihn geteilt", erkannte sie dann. Und diese Botschaft kam an: Nach dem Gottesdienst waren alle Aufgaben - vom Kuchenbacken bis zum Fleecedecken-Nähen für die unbeheizte Lutherkirche - verteilt.

"Ich glaube, Gemeinschaft ist das, wonach wir uns am meisten sehnen", sagt Anika Arlt, "aber auch das, was wir am meisten fürchten." Dies in ein Gleichgewicht zu bringen, Menschen einzubeziehen und Gemeinschaft zu schaffen, dafür wirkt sie, so gut es geht. Ein großes Team aus Ehrenamtlichen, über das Jobcenter Beschäftigten und Angestellten hilft ihr dabei. "Aber wir können immer nur einen Teil bewirken", sagt Anika Arlt, "alles andere liegt in Gottes Hand."

Weitere Geschichten aus der Serie "Junge Macher" lesen Sie hier:

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