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Görlitzer entdecken das Einkaufserlebnis wieder

Der erste Tag beim Shoppen mit Termin bringt Erleichterung bei vielen Händlern und Kunden. Manchen sind die Regeln aber zu kompliziert.

Ein Kunde betrachtet die Einlassregeln vor einem Geschäft auf der Berliner Strasse in Görlitz.
Ein Kunde betrachtet die Einlassregeln vor einem Geschäft auf der Berliner Strasse in Görlitz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Die Dame schimpft, im Eingangsbereich von Deichmann auf der Berliner Straße macht sie wieder kehrt. "Da musst du ein Kontaktformular ausfüllen", erklärt sie ihrem Mann. "Nein, danke." Das sehen andere anders. Von Massen kann keine Rede sein. Aber es geht am Montag auf der Berliner Straße in Görlitz doch belebter zu als noch in der vergangenen Woche.

Erstens haben Buchgeschäfte wie Thalia wieder offen mit Kontaktbeschränkungen. Zum anderen können Einzelhändler wie etwa Modegeschäfte, Juweliere, Sportgeschäfte Click & Meet anbieten, also Einkaufen mit Termin. Bei Deichmann suchen gleich mehrere Kunden nach Schuhen fürs Kind. Ronny Hübner dagegen hat Schuhe für seine Frau geholt. Im Online-Shop gab es das gewünschte Paar nicht mehr in der 39. Und die Hoffnung, es würde auch eine 38 reichen - erfüllte sich nicht. Ganz analog hat er die Schuhe jetzt im Deichmann auf der Berliner Straße umgetauscht. "Ich hatte vorher angerufen", erzählt er. Aufwendig? "Ja, ein bisschen, aber besser, als drauf sitzen zu bleiben."

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Wann ist eine Terminbuchung eine Terminbuchung?

Zehn Kunden dürfen maximal im Deichmann einkaufen - vornehmlich diejenigen, die sich wie Ronny Hübner telefonisch angekündigt haben. Sind weniger Personen da, kann man es mit einem kurzfristigen Termin am Eingang versuchen. Dort ist ein Tisch aufgebaut mit Kontaktformularen, Desinfektionsmittel, und einer Box mit zehn Sicherungschips. Ist sie leer, muss man warten oder einen späteren Termin ausmachen.

Schuh-Glück für Ronny Hübners Frau,
Schuh-Glück für Ronny Hübners Frau, © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Laut Corona-Schutzverordnung ist Click & Meet "nach vorheriger Terminbuchung für einen fest begrenzten Zeitraum" möglich. Erlaubt ist maximal ein Kunde pro 40 Quadratmeter Verkaufsfläche.

"Kinderschuhe sind jetzt die Hauptsache", zieht ein Mitarbeiter ein erstes Fazit. Und die neue Saison beginnt - die Frühjahrs- und Sommerschuhe. Ganz anderes Problem bei einem Paar, das seinen Namen nicht verraten mag. "Mein Mann sucht Schuhe", erzählt die Frau, "weil bei seinem alten Paar die Sohle kaputt gegangen ist." Klar, er habe noch andere Schuhe - die jetzt auch noch ein bisschen herhalten müssen. Leider nicht fündig geworden.

Anders nebenan, bei Ernsting's Family. Auch hier eine schimpfende Dame. "Eine Katastrophe", teilt sie einer mit ihr wartenden Frau mit. "Ich begreife es nicht." Offensichtlich geht es um die Regelungen. Auch hier sind quasi kurzfristige Termine möglich - aber ebenso mit Kundenbeschränkung, Kontaktaufnahme und einer zeitlichen Beschränkung. Die Kunden selbst müssen - generell bei Click & Meet in Sachsen - keinen negativen Corona-Test vorlegen. Das Personal, das Kundenkontakt hat, ist einmal pro Woche zum Test verpflichtet.

Evelyn Lehmann auf der Berliner Straße auf der Suche nach Kinderkleidung. Sie wurde fündig.
Evelyn Lehmann auf der Berliner Straße auf der Suche nach Kinderkleidung. Sie wurde fündig. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Kindersachen besonders wichtig

Im Internet wolle sie nicht einkaufen, sagt die Dame, "ich will die Sachen anfassen." Warten oder gehen? Glück gehabt, Evelyn Lehmann verlässt das Geschäft, die Dame darf rein. Drei Kinder hat Evelyn Lehmann. Winter, Kleidung, kleine Kinder, geschlossene Geschäfte - nicht so leicht. "Für die beiden Kleinen hatten wir genug." Aber bei dem ältesten Kind sei es zuletzt etwas knapp geworden. Insgesamt sieht sie die Lage aber eher gelassen. Sie arbeitet im Klinikum - wo in den vergangenen Wochen und Monaten sehr viel zu tun war, "da kommt man ohnehin nicht groß zum Einkaufen", sagt sie. "Man arrangiert sich. Und letztlich: es ging auch so." Ihre Einkaufsbeute: Vorfreude auf die kommenden Wochen und Monate - in Form von Sommersachen.

Wie Ernsting's Family und Deichmann hält es auch Tchibo am Postplatz. Zum einen ist hier weiter Click & Collect möglich, also das Bestellen im Onlineshop mit Abholung vor Ort. Zum anderen ist Shopping nach Termin, online oder telefonisch, möglich. Drei Kunden dürfen zum selben Zeitpunkt maximal ins Geschäft. Hier gilt eine Grenze von fünf Minuten.

Gezielte Einkäufe

"Die meisten Kunden wissen, was sie möchten", sagt Doreen Ulrich, stellvertretende Filialleiterin. Kaffee. Oder ein Produkt, das sie im Online-Shop gesehen haben. Auch Doreen Ulrich steht an einem Tisch am Eingang - mit Kontaktformularen oder um Termine direkt aufzunehmen. Spontan, sind weniger als drei Personen da, oder zu einem späteren Zeitpunkt. "Wir freuen uns sehr, es wird sehr gut angenommen", sagt Doreen Ulrich. Viele ihrer Kunden seien Stammkunden. "Wir haben nur positive Rückmeldungen bekommen."

Strenger hält es Depot, ein Geschäft für Wohnaccessoires auf der Berliner Straße. Spontane Termine - eher nicht, "man sollte schon vorher anrufen", sagt eine Mitarbeiterin. So ist es auch beim Muskelkater auf der Jakobstraße. "Bei uns haben sich bislang alle Kunden vorher telefonisch oder per E-Mail angemeldet", erzählt Inhaber Stefan Wenzel. Nach dem ersten Tag zieht er ein positives Fazit. Click & Meet spreche die Kunden mehr an als Click & Collect. "Fast jeder, der reinkommt, sagt: Ist das schön, mal wieder ein Geschäft zu betreten. Das Einkaufserlebnis ist mal wieder da." Und Click & Meet sei auch praktikabler: Der Kunde, erklärt Wenzel, hat das komplette Angebot vor sich, die Verkäufer können - Muskelkater ist ein Sportfachgeschäft - besser beraten.

Sicherheitswacht: Weniger Rumgemaule

Entspannt sei die Lage, sagen zwei Mitarbeiter der sächsischen Sicherheitswacht, die von der Berliner Straße kommen. Nur Kleinigkeiten wie eine Maske unter der Nase. "Wenn wir die Leute darauf hinweisen, gibt es auch kein Rumgemaule. Das haben wir schon anders erlebt." Etwa nach dem ersten Lockdown. Vielleicht ist es das Wetter, das reinspielt, vielleicht die Aussicht, dass die Lage besser wird. "Die Leute halten sich eigentlich dran."

Was Click & Meet den Geschäften bringt, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Das Terminshoppen lohne sich nur für kleinere Geschäfte, sagen die einen. Für ausgewählte beratungsintensive Einzelhändler, schätzt etwa René Glaser vom sächsischen Handelsverband ein. Größeren Geschäften bringe das Modell eher mehr Kosten als Umsatz, schätzte etwa Gordon Knabe, Centermanager des Dresdner Elbeparks, ein. Das Modell sei zwar nett für die Psyche, aber rechne sich nicht.

Auch in Görlitz machen zwar offenbar viele Geschäfte mit - aber nicht alle. Bei H & M, dem Modehaus am Postplatz, bei Nanu Nana und einigen anderen blieb es zumindest am Montagmittag dunkel hinter den Türen.

Bei Depot in Görlitz will man noch kein Urteil fällen. "Es muss erst mal ausgetestet werden", sagt die Mitarbeiterin, "und die Kunden müssen sich erst einmal dran gewöhnen." Sie selbst sei aber auf jeden Fall froh, dass es wieder losgeht. "Solange der Inzidenzwert stabil bleibt, sollten wir die Möglichkeit nutzen."

Das ist die andere Sache: Voraussetzung für Click & Meet ist, dass die 7-Tage-Inzidenz über fünf Tage unter 100 liegt. Der Nachbarkreis Bautzen etwa lag am Montag beim RKI bei 98,1. Steigt die 7-Tage-Inzidenz in einer Region an drei aufeinander folgenden Tagen auf über 100, treten die alten Regeln wieder in Kraft.

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