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Warum die Astrophysiker nach Görlitz wollen

Günther Hasinger ist Professor für Astrophysik und will ein Großforschungszentrum aufbauen. Ob es gelingt, steht noch in den Sternen.

Liebster Science-Fiction-Autor von Günther Hasinger: Isaac Asimov. Aber Hasinger lässt Unglaubliches lieber real werden.
Liebster Science-Fiction-Autor von Günther Hasinger: Isaac Asimov. Aber Hasinger lässt Unglaubliches lieber real werden. © André Schulze

Nein, die Geschichte mit der Wohnungssuche in Görlitz war kein Scherz. Sollte es wirklich klappen mit dem Großforschungsprojekt in der Oberlausitz, dann würde Günther Hasinger tatsächlich eine Wohnung in Görlitz nehmen.

Derzeit noch in Madrid

Aktuell lebt und arbeitet er in Berlin und Madrid. Günther Hasinger ist Professor für Astrophysik. Zum Beispiel hat er ab 1993 das Astrophysikalische Institut Potsdam mit aufgebaut, war später etwa Direktor des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik (IPP) in Garching. Vor zehn Jahren war er nach Hawaii gegangen, um die dortige Sternwarte und das Institut für Astronomie zu leiten. Und seit einigen Jahren nun ist Hasinger Wissenschaftsdirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Die ESA, erklärt er, hat mehrere Standorte europaweit - und das Astronomie-Institut ist in Spanien, in Madrid.

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Günther Hasinger zusammen mit seinen Kollegen Katharina Henjes-Kunst und Christian Stegmann. Er ist Professor für Astroteilchenphysik und leitet diesen Bereich am Forschungszentrum DESY. Am DESY wirkt auch Katharina Henjes-Kunst, die außerdem Projektleite
Günther Hasinger zusammen mit seinen Kollegen Katharina Henjes-Kunst und Christian Stegmann. Er ist Professor für Astroteilchenphysik und leitet diesen Bereich am Forschungszentrum DESY. Am DESY wirkt auch Katharina Henjes-Kunst, die außerdem Projektleite © André Schulze

Warum eine Größe wie Hasinger nach Görlitz ziehen will? Um den Kohleausstieg zu schaffen, sollen in Sachsen insgesamt zwei Großforschungszentren entstehen, eines im Leipziger Revier, eines in der Oberlausitz. Ungefähr hundert Bewerbungen von Wissenschafts-Gesellschaften, Universitäten und Verbünden gingen ein. Sechs haben es vor einigen Wochen in die engere Auswahl geschafft. Eines davon ist das Vorhaben für ein Deutsches Zentrum für Astrophysik, das in Görlitz entstehen soll. Würde es tatsächlich verwirklicht, würde Hasinger für fünf Jahre als Gründungsdirektor zur Verfügung stehen und sich in Görlitz eine Wohnung suchen.

Drei Bausteine des Großforschungszentrums

Es geht um drei Dinge. Zum einen um ein Datenzentrum für die weltweit größten Teleskope. "Das klingt so einfach. Aber es geht dabei um Datenmengen, die die des jetzigen gesamten Internets übersteigen", sagt Hasinger. "Das heißt, man muss neue Wege entwickeln, derartige Datenmengen effektiv zu transportieren, auszuwählen und auszuwerten. Es braucht neue Konzepte der Datenverarbeitung." Das ist eine Frage, die für die gesamte Gesellschaft immer wichtiger wird, sagt der Astrophysiker. Denn auch das "normale" Internet wird größer, etwa durch das Internet der Dinge.

Zum Zweiten geht es um ein Technologiezentrum. Wie das Datenzentrum soll auch dieses in Görlitz entstehen. Ziel ist es, kleine oder auch größere Firmen, etwa in der Feinmechanik und der Optik, anzusiedeln. "Wir brauchen nicht nur das Datenzentrum als Gehirn, sondern auch die Augen und Ohren, also beispielsweise Sensoren, die die Daten liefern können", erklärt Günther Hasinger. Als ein Beispiel nennt er eine neue Art Spiegel, die auf den Nullpunkt gekühlt werden, um die Schwingung der Moleküle des Spiegel-Materials einzudämmen - und somit noch genauere Messungen zu ermöglichen. Solche Gründerzentren sind oft Strohfeuer, weiß Hasinger. Durch die Forschung - das Datenzentrum und das Einstein-Teleskop - soll eine langfristige Bindung der Firmen entstehen.

In Tunneln unter der Lausitz soll das Einstein-Teleskop Gravitationswellen erforschen.
In Tunneln unter der Lausitz soll das Einstein-Teleskop Gravitationswellen erforschen. © NIKHEF

Riesen-Teleskop in Lausitzer Granit

Das Einstein-Teleskop ist der dritte Baustein. Das Konzept sieht ein riesiges Teleskop in der Oberlausitz vor. Und zwar unterirdisch, tief in einem Granitsockel, der sich zwischen Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda befindet. In Dreiecksform soll, jede Seite zehn Kilometer lang, ein Tunnelsystem entstehen. Die Tunnel, erklärt der Astrophysiker, sind an ihren Enden mit Spiegeln ausgestattet, und in den Röhren werden Tausende Male Laserstrahlen hin und her gesendet. So entsteht eine Strecke, die Millionen Kilometer lang ist und auf der winzige seismische Störungen ausgewertet werden können. "Wenn sich zum Beispiel zwei Schwarze Löcher vereinen, gerät das Raum-Zeit-Kontinuum ins Wackeln." Störungen, die sonst nicht wahrnehmbar sind - aber im Einstein-Teleskop.

Grundlage dafür ist eine absolut ruhige Umgebung. Und Granit ist ein homogenes Gestein. Der Sockel zwischen Kamenz, Hoyerswerda und Bautzen, "hat einen wahnsinnigen Wert." Er weist aller Voraussicht nach keine Störungen auf. "Je weniger die Erde wackelt, desto besser können wir das Wackeln des Universums messen." Probebohrungen stehen noch an.

Wozu das alles? Eine Frage, über die Günther Hasinger schmunzeln muss. "Es ist Grundlagenforschung", erklärt er. "Wir kennen nur vier Prozent der Materie des Universums. Bei weiteren 20 Prozent gehen wir davon aus, dass es sich um Dunkle Materie handelt." Alles andere liegt im Dunkeln.

Es geht um Tausende Arbeitsplätze

Eine Frage etwa: Ob es auch in unserem Planetensystem ein Schwarzes Loch gibt. Gefunden wurde es bislang nicht. Falls es entdeckt wird, wäre etwa eine Frage, ob dessen Umgebungsenergie der Menschheit nutzen kann. "Das ist jetzt noch Science Fiction." Aber: Ohne Michael Faradays Käfig wäre die heutige Elektrizität wohl nicht möglich, ohne Max Plancks Quantenmechanik nicht die Nuklearmedizin, "ich vermute, dass sich auch Albert Einstein nicht hat träumen lassen, dass durch seine Relativitätstheorie heute GPS-Navigation möglich ist. Dafür braucht es die Grundlagenforschung."

Wie real all das bald werden könnte? "Viele waren überrascht über die Auswahl der sechs Vorhaben, die jetzt noch im Rennen sind." In einem geht es etwa um Baumaterialien von anderen Planeten. "Es waren extrem starke Forschungsverbunde dabei", erzählt Günther Hasinger. "Ich bin deshalb unheimlich glücklich, dass wir diese Chance haben." Für die Oberlausitz geht es dabei auch um Arbeitsplätze. Das ist eine der Bedingungen gewesen für die Bewerber um die beiden Großforschungszentren. Dass sie "anschlussfähig" sind für Start-ups, regionale Firmen, Industrie.

Nach jetzigem Stand geht Hasinger davon aus, dass das astrophysikalische Forschungszentrum rund hundert "Hardcore-Wissenschaftler" braucht, ansonsten aber auch Ingenieure, administratives Personal bis hin zum Pförtner. Insgesamt 1.200 Stellen. "Ziel wäre es, dass drumherum mindestens nochmal so viele Arbeitsplätze entstehen." Zur Debatte steht auch, ob es möglich ist, das Forschungszentrum mit einem Masterstudiengang in Astrophysik zu verbinden.

Wer bekommt was - eine harte Debatte

Das Datenzentrum und das Technologiezentrum sind für Görlitz vorgesehen. Eine schöne Stadt, sagt Hasinger. An der Idee des Deutschen Zentrums für Astrophysik ist etwa die TU Dresden beteiligt, und die Wissenschaftler sind auch im Gespräch mit der Universität Breslau. Görlitz wäre genau in der Mitte. "Die Stadt liegt in der Mitte Europas. Und auch Polen und Tschechien sind sehr interessiert an dem, was wir vorhaben. Letztendlich aber entscheidet über den Standort der Geldgeber." Das sind in diesem Fall Bund und Land im Sommer kommenden Jahres.

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