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Nächste Hiobsbotschaft für Görlitzer Siemens-Werk

Das Unternehmen will keine Azubis mehr in Görlitz ausbilden. Der Betriebsrat sieht die Zukunft gefährdet. Die IG Metall ruft zum Warnstreik auf.

Kundgebung bei Siemens wegen Lehrstellenerhalt
Kundgebung bei Siemens wegen Lehrstellenerhalt © Archivfoto: pawel sosnowski/80studio.net

Die Siemensianer in Görlitz haben gerade noch zu verdauen, dass Siemens Energy bis 2023 weitere 127 Stellen im Görlitzer Turbinenwerk streichen will. Erst Anfang Februar wurde das bekannt.

Da ereilt den Industriebetrieb die nächste Hiobsbotschaft. Siemens plant, so ist aus Unternehmenskreisen, zu hören, die Ausbildung in Görlitz zu beenden. Das würde knapp 100 Auszubildende betreffen, die dann in Berlin ausgebildet werden würden. Betriebsratsvorsitzender Ronny Zieschank bestätigt gegenüber SZ und sächsische.de diese Nachricht, Siemens Energy hat auf eine Anfrage seit Montag nicht geantwortet.

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Schon 2017 gab es Pläne für Ende der Ausbildung

Damit scheint sich Geschichte zu wiederholen. Im August 2017 stand das Ausbildungszentrum schon einmal zur Disposition. Auch damals wollte Siemens die Ausbildung zentralisieren. Proteste aus der Belegschaft, aber auch seitens der Politik halfen, Siemens zum Umdenken zu bewegen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer schlossen einen Interessenausgleich: Die Ausbildung blieb in Görlitz.

Nach der abgewendeten Schließung des Görlitzer Turbinenwerkes erneuerten beide Seiten ihre Absicht, an der Ausbildung festzuhalten. Und gingen noch einen Schritt weiter. So soll das Görlitzer Ausbildungszentrum zu einem Trainingscenter Ost ausgebaut werden, in dem die Siemens-Werke Erfurt, Dresden, Leipzig und Görlitz ihren Nachwuchs schicken. Ausgebildet werden hier Industrie- und Zerspanungsmechaniker, in Kooperation mit der Hochschule Zittau/Görlitz auch mit einem dualen Studium. Neu sind die Mechatroniker, wo derzeit Verhandlungen für ein duales Studium mit der Hochschule laufen.

Doch damit nicht genug: Das neue Trainingscenter hatte Mitte vergangenen Jahres auch die Zustimmung von der Siemens-Spitze erhalten, für andere Firmen ausbilden zu dürfen. Gerade für den Innovationscampus sei das ein wichtiger Eckstein des Konzeptes, sagt Betriebsratschef Zieschank. "Das erhöht gerade für Start-ups oder Neuansiedlungen die Attraktivität von Görlitz, wenn wir sagen können, wir bilden eure künftigen Mitarbeiter gleich mit aus." Wenn das wegfiele, stürze das ganze Konstrukt mit ein.

Schon zu DDR-Zeiten war der Maschinenbau für die ganze Branche in der Region Ausbildungszentrum. In den vergangenen Jahren profitierten Firmen wie Schöpstal Maschinenbau GmbH oder Havlat aus Großschönau von der Ausbildungskapazität bei Siemens.

Ein Zeichen der Belegschaft am nächsten Mittwoch

Für die IG Metall sind das alles keine guten Nachrichten für den Standort Görlitz. Deswegen erhöht sie ihren Druck auf das Unternehmen und ruft die Mitarbeiter von Siemens Energy in Görlitz am kommenden Mittwoch zu einem Warnstreik auf. "Der Verdacht liegt nahe", sagt Ostsachsens IG-Metall-Chef Jan Otto, "dass nun Dinge nachgeholt werden, die man 2018/2019 nicht geschafft hat". Man habe aber das Görlitzer Siemens-Werk nicht gerettet, um jetzt scheibchenweise das Werk zu schließen.

Es soll auch ein Zeichen für die anstehenden Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Unternehmensspitze über das Sparprogramm des Konzerns sein, mit deren Beginn der Görlitzer Betriebsratsvorsitzende Ronny Zieschank Anfang, Mitte März rechnet.

Auch der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu drängt darauf, dass Siemens seine Zusagen aus dem Zukunftspakt für Görlitz einhält. Darin bekenne sich Siemens zur Errichtung des Innovationscampus, der CO2-Neutralität des Siemens-Standortes bis 2025, die Errichtung eines Show-Rooms für neue Technologien sowie Entwicklungs- und Forschungsaktivitäten im Bereich dekarbonisierter Industrieprozesse. "Das sind die Herausforderungen, aber auch die Chancen der Zukunft und dafür brauchen wir Top-Fachkräfte wie bei Siemens Energy aber auch Engagement und Verantwortungsbewusstsein", erklärt Ursu.

Zumal vielen auch noch die Worte des damaligen Siemens-Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser beim Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Werk im Ohr klingen. Im Juli 2019 erklärte Kaeser: "Wir schaffen wirkliche Alternativen für Ostsachsen und Görlitz. Es ist keine Garantie, aber eine enorme Chance, die sich die Menschen in Görlitz verdient haben." Kaeser ist zwar seit wenigen Wochen nicht mehr Vorstandsvorsitzender von Siemens. Aber Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens Energy, zu dem das Görlitzer Turbinenwerk jetzt gehört.

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