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Dresden kriegt weiße Kunst geschenkt

Das Kupferstich-Kabinett Dresden hat Werke von Raimund Girke und Gerhard Richter bekommen. Sie zeigen, warum es die Farbe Weiß den Künstlern angetan hat.

Die Künstler-Witwe Karin Girke schenkt Dresden 21 Werke von Raimund Girke und Gerhard Richter
Die Künstler-Witwe Karin Girke schenkt Dresden 21 Werke von Raimund Girke und Gerhard Richter © © SKD Foto: Matthias Rietschel

Weiß entsteht, wenn zu viele Farben zusammenkommen und das menschliche Auge die Vielfalt nicht mehr wahrnehmen kann. Dann verblassen sie und es bleibt Helligkeit. Weiß sei keine Farbe, heißt es dann immer wieder, dabei ist sie allgegenwärtig und betupft die Natur in vielen Nuancen. Sie schwebt an wolkigen Tagen über den Köpfen der Menschen, bringt das Land im Winter zum Stehen, färbt Baumrinden und Felsen, Pupillen und Zehennägel, sie hinterlässt zwischen Meereswellen einen wilden Schaum und wird politisch, wenn es um Hautfarbe geht. Weiß bedeutet für den Menschen Frieden, Sauberkeit, Reinheit, Neuanfang. Ein unbeschriebenes weißes Blatt, das noch offen ist für viele Erzählungen.

„Das Weiss entzieht sich jeder Festlegung, es scheint sich ständig auszudehnen und zu verändern. Es ist Ruhe und Bewegung zugleich“, schreibt der deutsche Maler Raimund Girke im Jahr 1963. Er muss es wissen, denn Raimund Girke gilt als der Künstler, der das Weiß neu entdeckt hat und als Mittel für seine Zeichnungen nutzte. Seit dieser Woche besitzt das Kupferstich-Kabinett Dresden 21 weitere Werke des 2002 verstorbenen Künstlers. Seine Ehefrau Karin Girke hat sich entschieden, die Werke den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu überlassen. Sie illustrieren, was den Künstler dazu bewogen haben muss sein Schaffen der Farbe, die keine Farbe sein darf, zu widmen.

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Raimund Girke: Ohne Titel, 1958
Raimund Girke: Ohne Titel, 1958 © Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Raimund Girke: Helle Verdichtung, 1960
Raimund Girke: Helle Verdichtung, 1960 © Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Raimund Girke: Ohne Titel, 2001
Raimund Girke: Ohne Titel, 2001 © Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Entstehung 1959/60
Entstehung 1959/60 © © Kupferstich-Kabinett
Raimund Girke: Ohne Titel, 1962
Raimund Girke: Ohne Titel, 1962 © Staatliche Kunstsammlungen Dresden

1930 in Niederschlesien geboren, kehrte Girke schon früh der figurativen Kunst den Rücken zu. Farbe und Form, das Spiel mit dem Licht interessierten ihn. Denn erst in der Reduktion auf weniges werde man dem Einzelteil gerecht und gebe ihm die Möglichkeit, sich in seiner ganzen Kraft zu entfalten, so der Künstler über seine eigenen Zeichnungen. Doch „Weiße Malerei“ ist etwas, was ein Künstler lernen muss. Jeder Maler steht anfangs vor einer weißen Leinwand, er hat den Drang, sie zu füllen, nur womit? Ein Künstler vor dem weißen Blatt Papier ist wie ein Schriftsteller, der nächtelang an der ersten Seite sitzen kann. Die geschenkten Werke im Kabinett zeigen, wie sich Girkes Beziehung zum Weiß wandelte, wie er mutiger wurde, mehr und mehr die anderen Farben außer Acht ließ und sich ganz dem Weiß und damit der Licht-Schatten-Komposition widmete.

Die Reduktion auf eine Farbe

Etwa die Hälfte der Werke im Kupferstich-Kabinett markieren den künstlerischen Aufbruch Girkes nach seinem Studium Ende der 1950er in Hannover. Zu der Zeit entdeckt der Maler sein Interesse an der Farbe Weiß, das zum bestimmenden Merkmal seiner analytischen Kunst wurde. Indem Girke seine Werke auf wenige Farben reduzierte, schloss er sich einer Bewegung der 1960er an, der Monochromie, die Einfarbigkeit. Sie ist vergleichbar mit einer Musik, die nur einen Ton spielt und sich ganz dem Klang und Rhythmus widmen kann. Girke wollte nicht nur die Form, sondern auch das Licht studieren. Was passiert mit den weißen Bildern, wenn das Licht schräg von oben oder direkt von vorn auf die Fläche fällt? In Zeiten der Reizüberflutung vermitteln seine Bilder eine innere Ruhe, eine Konzentration auf das schweigende Weiß zwischen den Pinselstrichen, die mit den Jahren zarter werden.

Möglicherweise hat er gerade deshalb ein Bild Gerhard Richters von 1965 erworben, das seinem Stil ähnelte und nun ebenfalls mit der Schenkung der 21 Werke an das Kupferstich-Kabinett übermittelt wurde: Es zeigt ein halb umgeschlagenes weißes Blatt, offenbar gibt es nichts zu entdecken dahinter oder doch? Zeigt es möglicherweise, was die Kunst allein durch Hell-Dunkel -Spiele abbilden kann?

Auch ein Werk von Gerhard Richter ist dabei

Aber nicht nur das Weiß, auch das Grau hat es Girke angetan, gerade seine späten Werke aus den 2000ern, über welche das Kupferstich-Kabinett ebenfalls verfügt, spielen mit den Grautönen. Ein Bleistiftgrau auf unterschiedlichen Papieren, mal dicker, mal dünner. Grau, das für viele abschreckend wirkt, kann nach Girke vielfältig sein und Emotionen hervorrufen.

Ob weiße oder graue Striche – eines ist bei Girke trotz seiner abstrakten Malerei herauszustellen: Seine Beziehung zur Natur. Raimund sei nicht bekannt dafür, die Landschaft als solche abzubilden, so Ehefrau Karin Girke. Aber, fügt sie hinzu, die Werke lassen Verbindungen zur Natur erkennen. Das bewies bereits 1996 eine Ausstellung in der Galerie Alte Meister. Girkes Zeichnungen wurden damals neben den Werken des Gegenstandsmalers Caspar David Friedrich präsentiert. Denn auch wenn sich die Motive Girkes keiner Realität zuordnen, könnten sie einen Lufthauch, oder sanfte Grashalme erahnen lassen.

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