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Feuilleton

Der Fall Ofarim: Antisemitismus und Empörungsgesellschaft

Hysterie und Emotionen statt Sachlichkeit: Wie die Debatte um mutmaßliche Judenfeindlichkeit in Leipzig Gift ins Gesellschaftsklima träufelt.

Viele glauben den bewegenden Schilderungen des Sängers Gil Ofarim. Andere behaupten, er wolle sich nur wichtig machen.
Viele glauben den bewegenden Schilderungen des Sängers Gil Ofarim. Andere behaupten, er wolle sich nur wichtig machen. © dpa

Ein kurzes Video geht um in Deutschland. Darauf zu sehen ist Gil Ofarim, Musiker, Schauspieler, Moderator, Jude. Letzteres ist für die Bedeutung des Clips besonders relevant. Sichtlich bewegt berichtet der 39-Jährige vor dem Leipziger Hotel Westin am Montagabend, er sei darin am Empfang von einem Mitarbeiter wegen seiner Halskette mit Davidstern – also wegen seines Jüdisch-Seins – erst übersehen, dann abgewiesen worden. Mehrfach versagt Ofarim die Stimme, er streicht sich durchs Gesicht, nagt hilflos am Daumen, der letzte Satz drückt seine ganze Fassungslosigkeit aus: „Deutschland 2021!“ Sofort ging der Clip im Netz viral. Und unmittelbar machte sich tausendfach lautes Entsetzen breit.

Ein antisemitischer Vorfall! In Leipzig! In Sachsen! Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, schrieb: „Die antisemitische Anfeindung gegen Gil Ofarim ist erschreckend.“ Sachsens stellvertretender Ministerpräsident Martin Dulig twitterte: „Es ist inakzeptabel und macht mich wütend, was Gil Ofarim in meinem Heimatland ... widerfahren ist. Ich spreche für die übergroße Mehrheit der Menschen in Sachsen, wenn ich mich stellvertretend für die antisemitische Demütigung entschuldige.“ Netz-Aktivisten wie der Pianist Igor Levit brauchen zumeist weniger Worte: „Shame on you, Westin Leipzig“ (Schäm’ dich).

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Die Angelegenheit ist äußerst bemerkenswert. Auch weil die Reaktionen auf das Video einigermaßen grell illustrieren, welche Ausmaße die kollektive Empörung bis hin zur Hysterie – aber auch die Gegenreaktionen darauf – in unserer angespannten Gesellschaft annehmen können, wenn es um derart hochsensible Themen geht wie Diskriminierung im Allgemeinen und Antisemitismus im Besonderen. Judenfeindlichkeit und -hass haben in Deutschland bedrohlich zugenommen. Das ist eine traurige und nicht zu leugnende Tatsache.

Dass immer wieder auf dieses Phänomen aufmerksam gemacht und darüber debattiert wird, kann in seiner Wichtigkeit gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Und dass der Vorfall, von dem Gil Ofarim erzählt, von Hunderttausenden aus allen Breichen der Gesellschaft laut und entschieden verurteilt wird, zeigt aufs Erleichterndste: Offenkundig gibt es trotz aller unschönen Entwicklungen einen breiten anti-antisemitischen Konsens in der Mehrheitsgesellschaft. Der im Extremfall sogar dazu führt, dass zahllose Empörte das Leipziger Westin, den betreffenden Angestellten und das katastrophale Krisenmanagement des Hotels abstrafen, indem sie dem Haus einen Sturm schlechter Bewertungen bescheren. Geschäftsschädigung als Sanktion für Antisemitismus.

Selbst hohe Wahrscheinlichkeit ist noch keine Wahrheit

Das Video ist umso wirkungsvoller, als sich die große und sehr bewegende Emotionalität von Gil Ofarim unmittelbar überträgt, der ratlos, verloren, völlig fertig wirkt. Entsprechend hoch ist die Emotionalität vieler Reaktionen. Und ebenfalls – auch das ist typisch für die Verfasstheit unserer Empörungsgesellschaft – der Gegenreaktionen: Sofort meldeten sich unzählige andere zu Wort und unterstellten Ofarim, dass er lüge. Dass er sich den antisemitischen Vorfall nur ausgedacht habe, um seinen Bekanntheitsgrad zu steigern.

Auch dahinter ließe sich, würde man es aus extremer Perspektive betrachten, eine antisemitische Stereotype ausmachen: Geht es um Geld, sind Juden auch Lug und Betrug recht. Doch der entschlossene Anti-Antisemitismus vieler Reagierender, verbunden mit der hohen Emotionalität des Falles, hat durchaus problematische Auswirkungen. Vor allem jene, dass der Verdacht, die Möglichkeit, sogar die Wahrscheinlichkeit, es habe sich exakt so abgespielt wie im Video berichtet, von der Mehrheit der Pro-Ofarim-Reagierenden schon als Tatsache behandelt wird.

Nach den Antisemitismus-Vorwürfen haben sich Hunderte Menschen vor dem "Westin Hotel" Leipzig versammelt, um Solidarität mit dem Musiker Gil Ofarim und Jüdinnen und Juden in Deutschland zu zeigen.
Nach den Antisemitismus-Vorwürfen haben sich Hunderte Menschen vor dem "Westin Hotel" Leipzig versammelt, um Solidarität mit dem Musiker Gil Ofarim und Jüdinnen und Juden in Deutschland zu zeigen. © dpa/Dirk Knofe

Weitere Zeugen, Indizien und Beweise werden gesucht

Das verwundert weniger bei haupt- oder nebenberuflichen Aktivisten wie Igor Levit, die stets rasch mit expliziten Meinungen zur Stelle sind, sobald es Diskriminierungen, Menschenfeindlichkeit oder Coronaleugnung zu geißeln gilt. Schwieriger wird das schon bei Menschen, die es aufgrund ihres Berufes ganz genau nehmen müssten mit Fakten und den Unterschieden zwischen möglich, wahrscheinlich und gesichert. Das gilt nachgerade für derart wirkungs- und meinungsmächtige Profis wie Josef Schuster oder Martin Dulig. Aber ebenso für manche Journalistinnen und Journalisten, die auch in diesem Fall eigentlich vorgehen müssten wie Juristen: Eine Tatsache ist erst dann eine Tatsache, wenn sie zweifelsfrei erwiesen ist.

Das aber ist jenes Erlebnis, von dem Gil Ofarim erzählt, noch nicht. Die Ermittlungen dazu dauern an, weitere Zeugen, Indizien und Beweise werden gesucht, das Hotel bemüht sich mithilfe von Juristen ebenfalls um interne Aufklärung. Tatsächlich gibt es Zweifel an der Genauigkeit von Ofarims augenscheinlich unter hohem psychischen Stress getätigten Aussagen, die ausgeräumt werden müssen. So schildert mindestens einer der zur Vorfallszeit in der Westin-Lobby Anwesenden einen anderen Ablauf der Ereignisse. Der von Gil Ofarim als Täter benannte Hotelangestellte hat inzwischen Anzeige wegen Verleumdung gestellt.

Erfahrung zeigt: Manches ist nicht so klar, wie es scheint

So schwer es angesichts des sensiblen Themas Antisemitismus und der hohen Emotionalität des Falles sein mag: Vorschnelle Urteile und Meinungsbildungen, in welche Richtung auch immer, sind neben Fake News die gefährlichsten Feinde der Wahrheit. Und es gibt ähnlich gelagerte Beispiele dafür, dass selbst Höchstwahrscheinlichkeiten sich letztlich als unwahr erweisen können.

Etwa den Fall des im Jahr 1997 angeblich von Neonazis in einem Sebnitzer Schwimmbad ertränkten Jungen Josef Abdulla. Oder der des Mädchens aus Halle, das 1994 behauptet hat, Skinheads hätten ihr ein Hakenkreuz in die Wange geritzt. Nicht zu vergessen Jörg Kachelmann, dessen Existenz durch lange als glaubwürdig gehandelte Vergewaltigungsvorwürfe fast komplett ruiniert wurde. In jedem dieser Fälle war für viele Menschen sehr schnell sonnenklar, was, wie sich später herausstellte, dann doch nicht der Wahrheit entsprach. Sollte der Leipziger Vorfall nicht eindeutig geklärt werden können und Aussage gegen Aussage stehenbleiben, geriete vor allem Gil Ofarim in eine extrem schwierige Situation.

Hotelchef Andreas Hachmeister wehrt sich gegen die Vorwürfe. Das Hotel hat eigenen Anwälte eingeschaltet, um den Vorfall aufzuklären.
Hotelchef Andreas Hachmeister wehrt sich gegen die Vorwürfe. Das Hotel hat eigenen Anwälte eingeschaltet, um den Vorfall aufzuklären. ©  AP/dpa

Der Umgang mit dem Fall ist eine heikle Gratwanderung

Die wäre im Kern vergleichbar mit der eines Opfers von sexuellem Missbrauch. Jahrzehntelang waren sie in der schrecklichen Lage, etwas beweisen zu müssen, was sie nicht beweisen können. Jahrzehntelang hat eben dieser Umstand Vergewaltigern in die Hände gespielt und dadurch noch mehr Leid verursacht. Inzwischen hat in solchen Fällen die Frage nach der Glaubwürdigkeit der mutmaßlichen Opfer an Bedeutung zugenommen, auch und gerade vor Gericht. Diesen nicht zuletzt durch die Kampagne #MeToo erreichten Fortschritt rückgängig zu machen, ist schwerlich eine Option. Auch nicht in Sachen Gil Ofarim.

Deshalb sind die fatalsten Reaktionen auf diese Angelegenheit wohl die jener Menschen, die nun versuchen, entweder den Sänger zu diskreditieren – oder den Empfangsmann. Klar bleibt: Der „richtige“ Umgang mit dieser hochkomplexen Affäre ist eine heikle Gratwanderung. Was deren enorme Brisanz ausmacht, sind die wahrscheinlichen Auswirkungen aufs Klima im Land: Sie hat je nach Ausgang das Zeug, die Haltung des Anti-Antisemitismus‘ in der Gesellschaft zu bestätigen und zu stärken. Oder aber den Antisemitismus. Das ist alles andere als eine Kleinigkeit in „Deutschland 2021“.

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  • Transparenzhinweis: In der ursprünglichen Version des Textes war der provokante Satz "Kauft nicht bei Judenfeinden!" enthalten, der zu Missverständnissen geführt hat und der Aussage des Artikels diametral gegenübersteht. Wir haben ihn deshalb nachträglich entfernt.

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