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Inklusion in Sachsen: Die Brückenbauer aus Leipzig

Menschen mit Behinderung einzustellen, ist nicht selbstverständlich. Eine Zahntechnik-Firma aus Leipzig hat es gewagt.

Die gehörlose Zahntechnikmeisterin Katrin Finke und ihr Chef Henry Goepel sind ein erfolgreiches Team geworden.
Die gehörlose Zahntechnikmeisterin Katrin Finke und ihr Chef Henry Goepel sind ein erfolgreiches Team geworden. © Sebastian Willnow

Von Sven Heitkamp

Manchmal sind es glückliche Zufälle, die Unternehmen zu neuen Mitarbeitern führen. Henry und Susanne Goepel können so eine Geschichte erzählen. Als sie für ihre Zahntechnik-Firma in Leipzig einen Fahrer suchten, meldete sich eine Frau, die es in sich hatte. Wie sich beim Kennenlernen herausstellte, konnte sie nicht nur Autofahren – sie war selbst ausgebildete Zahntechnikerin. Doch sie habe sich nicht getraut, in den Beruf zu gehen, weil sie schwer hörte. Die Goepels haben die Frau dann nicht als Fahrerin engagiert, sondern für die Zahntechnik. Und sie haben eine Lektion fürs Leben gelernt: dass man mit Menschen mit Behinderungen prima arbeiten kann.

Seit Anfang 2018 arbeitet auch Katrin Finke bei ihnen, eine bestens ausgebildete Zahntechnik-Meisterin, die kaum hört, aber dank ihrer Konzentrationsfähigkeit, ihrer Geduld und Liebe zum Detail auch die komplizierten Aufträge löst. Außerdem bildet sie gerade den zweiten Lehrling aus. „Im November 2017 wurde ich mit meiner Meisterschule fertig, im Januar darauf konnte ich bereits hier anfangen“, erzählt sie. „Das ist ideal gelaufen.“

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Katrin Finke ist von Geburt an gehörlos, mit drei Jahren bekam sie ihr erstes Hörgerät, später auch ein Cochlea-Implantat – eine Art Ohrprothese, das ihr ein wenig Hörvermögen beschert. Vor allem aber kann die heute 42-Jährige von den Lippen lesen und Mimik deuten, sie macht es ihrem Gegenüber damit leicht. „Mal eben etwas über den Flur rufen, geht natürlich nicht“, sagt der Chef des Acht-Mann-Unternehmens. „Man muss schon zu ihr hingehen. Aber sie ist der Ruhepol im Haus – und die Qualität ihrer Arbeit ist toll.“ Die Reklamationsquote sei binnen eines Jahres von acht auf zwei Prozent gesunken, die Fehlerkosten fast auf null, erzählt Susanne Goepel, die Frau der Zahlen im Haus.

Quote in Sachsen liegt unter Bundesdurchschnitt

Beim bundesweiten Inklusionspreis für die Wirtschaft 2020 zählte das Leipziger Unternehmen als Einziges aus Sachsen zu den vier Gewinnern. Die Brückenbauer haben ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Gehörlosen und für deren Kollegen entwickelt. Um den Arbeitsplatz für Katrin Finke einzurichten, haben sie hochwertige Maschinen umgerüstet. Sie piepst und fiept nun nicht mehr, sondern blinkt und leuchtet, wenn nötig. Für die hohen Investitionen hat die Arbeitsagentur Zuschüsse von insgesamt 5.000 Euro beigesteuert, zudem 40 Prozent des Lohns im ersten halben Jahr. Name des Arbeitsmarktprogramms: Wir machen das! „Die Arbeitsagenturen beraten Unternehmen und können finanziell unterstützen“, betont Klaus-Peter Hansen, Chef der Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit. Zwar seien dank der wirtschaftlichen Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren rund 10.000 Menschen mit Behinderungen mehr in Arbeit gekommen, landesweit sind es heute 45.000. Dennoch sei noch „Luft nach oben“, betont Hansen.

Eigentlich sollten in Unternehmen mit 20 und mehr Beschäftigten fünf Prozent der Arbeitsplätze von Menschen mit Behinderungen besetzt sein. Aktuell erfüllten in Sachsen aber nicht alle Betriebe diese Verpflichtung. Die Quote liege nur bei 4,1 Prozent – deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Statt die Chancen dieser Fachkräfte zu nutzen, zahlten mehr als die Hälfte der Betriebe in Sachsen lieber eine Ausgleichsabgabe von monatlich 125 bis 320 Euro. Aktuell sind laut Hansen rund 8.300 Schwerbehinderte arbeitslos gemeldet. Drei Viertel von ihnen seien aber überdurchschnittlich gut qualifiziert: etwa 70 Prozent mit einem Berufsabschluss, weitere fünf Prozent seien Akademiker.

Inklusion ist Segen

Bei der Zahntechnik Leipzig arbeitet seit vorigem Herbst noch eine weitere Mitarbeiterin mit Behinderung. Nach zwei berufsbedingten Bandscheibenvorfällen an der Halswirbelsäule kann die frühere Zahntechnikerin nicht mehr lange sitzen oder stehen und muss möglichst viele Tätigkeiten abwechseln. Also kümmert sie sich um Auftragsannahme und Arbeitsvorbereitung, um Rechnungswesen und Kunden oder erledigt Kurierfahrten.

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Um auch für die nicht-behinderten Mitarbeiter die körperlichen Belastungen zu reduzieren, hat das Unternehmen inzwischen auch andere Arbeitsschritte umgerüstet und zum Beispiel die Gusstechnik durch computergestützte Technik ersetzt. „Inklusion ist für uns Selbstverständlichkeit und Segen zugleich“, sagt Zahntechniker Goepel. „Wir sind begeistert, wie sich alles entwickelt hat und werden den Weg auf jeden Fall weitergehen.“ Neue Mitarbeiter suchen sie weiterhin.

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