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Lockdown verschlimmert Depressionen

Fast hätte sich der Meißner das Leben genommen. Heute bezeichnet sich Arne Tempel als geheilt. Im Interview erklärt er, was ihm geholfen hat, und warum der Lockdown so gefährlich sein kann – für jeden von uns.

2008 wollte sich Arne Tempel von der Bosel stürzen, heute hat er seine Depression überwunden.
2008 wollte sich Arne Tempel von der Bosel stürzen, heute hat er seine Depression überwunden. © Claudia Hübschmann

Wann haben Sie das erste Mal bemerkt, dass sie depressiv sind?

Am Anfang hab ich das gar nicht mitbekommen. Mir ging es längere Zeit einfach nicht gut. Ich bin schlechter aus dem Bett gekommen, meine Noten wurden schlechter. Der Impuls, in die Richtung Depression zu denken, kam erst durch meine beste Freundin. Die ist einfach nicht mehr an mich rangekommen und hat mir geraten, zum Psychotherapeuten zu gehen. Dort habe ich ziemlich schnell die Diagnose bekommen.

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Die Frage nach dem Warum gestaltet sich bei Depressionen sehr schwierig. Zum einen gibt es Ursachen - bei mir eine Mischung aus kleinen Kindheitstraumata und Minderwertigkeitsgefühlen. Und als Auslöser ist ganz vieles zusammengekommen: Ich hatte mich mit meinem besten Freund zerstritten, habe aufgehört Sport zu machen. Das war ein großer Faktor, dann kam auch noch Abi-Stress und eine unglückliche Liebe dazu.

Wie haben sich diese Tage angefühlt?

Es war ein sehr unwirkliches Gefühl - als ob sich ein grauer Seidenschleier über mein Leben gelegt hat. Meine Stimmung war gedrückt. Nur noch ganz selten hatte ich klare und helle Gedanken. Zudem war ich permanent müde und hatte wenig Antrieb. Das Ganze kam allerdings so schleichend, dass ich erst zwei, drei Monate später erkannt hab, was wirklich passiert.

Ist das in der Schule nicht aufgefallen?

Ich war jeden Tag zu spät. Aber ich hatte immer eine Ausrede parat und habe versucht, es lustig zu überspielen. Einmal hat es geregnet und ich stand mit Taucherflossen und Handtuch in der Tür und meinte: Verzeihung, ich musste schwimmen.

War also jede Ausrede besser, als einzugestehen, dass es tiefere Gründe hat?

Wie viele andere Depressive wollte ich die anderen nicht belasten: Nicht zu sentimental werden, nicht zu negativ sein. Auf keinen Fall schlechte Laune verbreiten. Deshalb hab ich lieber ein Lächeln aufgesetzt und Witze gemacht.

Können Sie sich noch an den Tag erinnern, als Sie die Entscheidung getroffen haben einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen?

Sogar noch sehr konkret: Ich saß total übermüdet im Unterricht, weil ich nachts nicht richtig schlafen konnte, und plötzlich hatte ich diese Eingebung: Wenn ich mich umbringe, dann würde es mir nicht mehr schlecht gehen. Endlich gab es wieder einen Lichtblick, deshalb habe ich beschlossen, an diesem Abend von der Bosel zu springen. Für mich war das der glücklichste Tag seit Monaten. Endlich hatte ich wieder ein Ziel. Hab mich in der Pause mit Freunden getroffen und bin nachmittags sogar zur Bandprobe gegangen.

Was hat Sie trotzdem dazu bewegt, es nicht zu machen?

Ich bin mit voller Überzeugung auf die Bosel gestiegen. Meine Gedanken gingen nicht weiter als bis zu diesem Punkt. Ich hab kein Leben danach mehr gesehen. Normalerweise hab ich ein bisschen Höhenangst, aber diesmal bin ich bis ganz nach vorne getreten. Nur noch ein Schritt... Dann hat mein Handy vibriert, ich hab's rausgeholt und drauf geschaut, aber da war nichts besonders. Sondern die Nachricht meiner besten Freundin, die geschrieben hat: Geht klar. Bis morgen. Keine besondren, lieben Worte, aber das hat irgendwas mit mir gemacht. Ich konnte auf einmal nicht mehr springen. Meine Gedanken fingen an zu kreisen: Stimmt, die gibts ja auch noch und dann gibts auch noch meine Schwester, meine Eltern und meine Freunde. In diesem Moment alles keine Gründe, nicht zu springen. Schließlich ging es ja um mich und mein Leid, aber ich konnte nicht mehr. Plötzlich war es dasselbe, wie wenn ich morgens nicht aus dem Bett gekommen bin. Also hatte ich beim Runtergehen nur einen Gedanken: Du elender Feigling, nicht mal das bekommst du hin.

Jetzt haben Sie Ihre Erlebnisse in einem Buch geschrieben, einen Selbsthilfe-Blog haben Sie schon länger - im Frühling sind ihre Anfragen explodiert. Warum hat die Anfälligkeit für depressive Symptome seit dem Corona-Lockdown so stark zugenommen?

Beim Thema Depression geht es oft um Hilflosigkeit: Entweder den eigenen Gefühlen gegenüber, anderen Menschen oder Systemen. Das geht so weit, bis sie das Gefühl haben, komplett die Kontrolle zu verlieren. Während des Lockdowns kann sich das tatsächlich verstärken. Solche Erfahrungen werden auch Menschen machen, denen es eigentlich gut geht. Sowas passiert, wenn wir weniger unter Menschen sind, uns weniger bewegen, weniger raus gehen und weniger Sport machen können. Wir sind eben soziale Wesen und Warmblüter, die Kontakt und Bewegung brauchen. Gerade für Menschen, die sonst sehr viel zu tun haben und aktiv sind, ist das ungewohnt.

Was hat Ihnen geholfen, ihr Leben wieder in glücklichere Bahnen zu lenken?

Das ist schwer, kurz zusammenzufassen. Aber zum einen habe ich unter anderem mit der Hilfe von Therapeuten ein Bewusstsein dafür entwickelt, was mir guttut und was nicht. Zum anderen habe ich wieder angefangen, Sport zu machen und mit Freunden über meine Probleme zu reden. Also Freundschaften nicht mehr nur zum Fußball schauen und saufen zu pflegen - dadurch lösen sich viele vermeintliche Probleme oft schon von alleine.

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  • Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.
  • Hilfe am Telefon: Nummer gegen Kummer: 116 111
  • Hilfe im Internet: www.jugendnotmail.de oder www.u25-deutschland.de

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