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Offener Brief der Hentschke-Enkel

In der Debatte um die politischen Aktivitäten des Bautzener Unternehmers Jörg Drews meldet sich jetzt die Familie des früheren Firmeninhabers zu Wort.

Die Rettung des Reichenturms in Bautzen ist eng mit dem Namen Hentschke-Bau verbunden.
Die Rettung des Reichenturms in Bautzen ist eng mit dem Namen Hentschke-Bau verbunden. © Bildmontage SZ

Bautzen. Angehörige der Familie Hentschke haben in einem offenen Brief die politischen Aktivitäten des Bautzener Unternehmers Jörg Drews kritisiert. Der heutige Chef  von Hentschke-Bau sei „zur Leitfigur einer Bewegung geworden, die die Bevölkerung polarisiert“, heißt es in dem gemeinsamen Schreiben der sechs Enkel des ehemaligen Firmeninhabers Ernst-Hans Hentschke. 

Dabei nutze Drews die Firma - und damit den Namen Hentschke - als Basis und Instrument für die Verbreitung seiner Ansichten. Dies sei nicht im Sinne des Großvaters. "Der Baumeister Hentschke hat seine drei Töchter zu Weltoffenheit und Toleranz erzogen", heißt es in dem Schreiben. In diesem Sinne solle sein Name auch heute für Tatkraft, Weltoffenheit, Toleranz, das Bekenntnis zu Demokratie und Heimatliebe stehen.

Ernst-Hans Hentschke führte die Firma seit 1934, Anfang der 70er-Jahre wurde der Betrieb zwangsweise verstaatlicht, 1990 kam es zur Neugründung. Die Familie Hentschke ist seit 1991 nicht mehr am Unternehmen beteiligt. 

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Der offene Brief im Wortlaut:

"Einst drohte in der Bautzener Innenstadt der Reichenturm zu stürzen. Dass er Anfang der 50er-Jahre nicht umfiel, sondern bei einer Neigung von genau 1,44 Metern bis heute verharrt, ist mit einem Namen verbunden: Hentschke. Unser Großvater, der Baumeister Ernst-Hans Hentschke, befestigte zusammen mit den Kollegen seines Büros das Fundament des Turms und wurde bekannt als Retter des Reichenturms. Fast 70 Jahre später sehen wir in Bautzen erneut eine Schieflage und wieder spielt der Name Hentschke eine Rolle.

Diesmal allerdings geht es um mehr als ein Gebäude der Altstadt. Bei unserem Besuch im Februar erleben wir eine Stadt in Aufruhr. Bautzen sei „tief gespalten“, hören wir wieder und wieder. Nach dem Brand des als Flüchtlingsunterkunft geplanten Husarenhofes und einer Prügelei zwischen Rechten und Asylbewerbern steht Bautzen in der öffentlichen Wahrnehmung für Ausländerfeindlichkeit – zu Unrecht, wie viele finden, die sich als Opfer voreingenommener Medien sehen. Es wird um Identität gerungen. Wer gehört dazu, wer darf für Bautzen sprechen?

Einer, der es tut, ist der heutige Chef der Firma Hentschke Bau, Jörg Drews. Er ist zur Leitfigur einer Bewegung geworden, die die Bevölkerung polarisiert. Die Firma Hentschke war, wie kürzlich veröffentlicht wurde, einer der beiden größten Spender der AfD 2017. Auch unterstützt das Unternehmen Publikationen, die unter anderem verbreiten, es gebe keine Demokratie und Medien seien nur Propagandainstrumente. 

Drews bezeichnet sich selbst als „besorgt“ und wurde wiederholt mit Äußerungen zitiert, er halte die Asylpolitik der Bundesregierung für problematisch.

Diese Ansichten zu äußern ist sein gutes Recht, dass er es tun kann, ist ein wesentliches Merkmal einer Demokratie. Problematisch finden wir, dass Herr Drews hierzu die Firma und damit den Namen Hentschke, also den Namen unseres Großvaters, als Basis und Instrument für die Verbreitung und Unterstützung seiner politischen Anschauungen nutzt.

Der Baumeister Hentschke hat seine drei Töchter zu Weltoffenheit und Toleranz erzogen. In diesem Sinne hat er sein Büro geführt, und diese Haltung haben seine Töchter an uns Kinder weitergegeben. Wir sind in die Welt hinausgegangen, stets mit offenen Armen empfangen worden – und kommen doch immer wieder zu Familientreffen nach Bautzen zurück. Auch unsere Familie hat ihre Basis hier in Bautzen.

In erster Linie war der Baumeister Hentschke ein Mann, der seine Heimatstadt sehr geliebt hat. Er wäre stolz darauf, dass die Firma Hentschke inzwischen als einer der größten Arbeitgeber in der Region immer noch für hohe Bauqualität steht. Er wäre froh, dass sie nach all den Widrigkeiten in zwei Diktaturen nun in einem demokratischen System gedeihen kann. 

Glücklich wäre er zu sehen, wie wunderschön die fast unrettbar verfallene Altstadt in den letzten Jahren saniert wurde. Mit dem schiefen Turm in ihrer Mitte, den unser Großvater gerettet hat. Für diese Leistung, für Tatkraft, Weltoffenheit, Toleranz, das Bekenntnis zu Demokratie und Heimatliebe soll der Name Hentschke stehen."

Helene Grass, Juliane Gunardono, Henriette Ohno, Katharina Schröter, Florian Simons, Laura Simons

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