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Sogar die Kripo hilft dem Nieskyer Pflegeheim

Die Situation ist angespannt. Viele Infizierte, zu wenig Pflegekräfte, kaum Schutzausrüstung. Doch das ändert sich jetzt.

Lieferung aus einer Berliner Autolackierei: Ganzkörperschutzanzüge und Atemmasken für das Altenpflegeheim "Abendfrieden" in Niesky. Schwester Wera überreicht das Material an Heimleiterin Viola Knappe und Pflegedienstchefin Angela Noack.
Lieferung aus einer Berliner Autolackierei: Ganzkörperschutzanzüge und Atemmasken für das Altenpflegeheim "Abendfrieden" in Niesky. Schwester Wera überreicht das Material an Heimleiterin Viola Knappe und Pflegedienstchefin Angela Noack. © André Schulze

Nach dem Schock des vergangenen Wochenendes, als bei Tests auf das neuartige Corona-Virus schlagartig 38 Bewohner und 21 Pflegekräfte einen positiven Bescheid erhielten, ist im Altenpflegeheim Abendfrieden plötzlich nichts mehr normal. Inzwischen kämpfen die Nieskyer darum, die Lücken beim Personal und der Schutzausrüstung zu schließen, um die bestmögliche Betreuung der alten Menschen sicherzustellen.

Ein Drittel der Belegschaft fällt aus

Die Reihen der Betreuer haben sich arg gelichtet. "Neben den positiv Getesteten fallen auch einige Mitarbeiter mit 'normalen' Krankheiten oder Erkältungen aus, sodass wir Anfang der Woche auf knapp 40 Pflegekräfte verzichten mussten", rechnet Oberin Sonja Rönsch von der Diakonissenanstalt Emmaus vor, die das Altenpflegeheim in der Plittstraße betreibt.

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Bei einem Stamm von rund 100 Beschäftigten macht das ein Minus von mehr als einem Drittel aus. Auf Dauer kaum zu schaffen für den Rest, dem die Oberin "einen wahnsinnig hohen Einsatz" bescheinigt, ihn allerdings auch nicht bis zur Erschöpfung weiterarbeiten lassen kann. Deshalb war früh klar, dass es ohne - zeitlich begrenzte - personelle Ergänzungen nicht gehen würde.

Krankenhaus kann nicht personell helfen

Am naheliegendsten wäre Verstärkung aus dem Krankenhaus Emmaus gewesen. Doch der gleiche Name täuscht über die Möglichkeiten hinweg. Denn hinter beiden Einrichtungen steht nicht der gleiche Träger. "Die Klinik wird von der Diakonissenanstalt Dresden geführt und ist dem dortigen Diakonissenkrankenhaus angeschlossen. Unser 'Abendfrieden' gehört zur Diakonissenanstalt Emmaus in Niesky", erläutert Schwester Sonja. Personelle Hilfe ist schwierig, denn: "Das Krankenhaus ist der Grund- und Regelversorgung verpflichtet, dort werden in erster Linie Krankheiten ohne Corona-Hintergrund behandelt", so die Oberin.

Statt Arbeitskräfte habe man aus der Nachbareinrichtung deshalb Schutzmasken und Hilfe bei der Wäscheversorgung bekommen. Ab Dienstag nach Ostern wird in der Krankenhaus-Küche zudem noch das komplette Frühstück und Abendbrot für die Pflegeheimbewohner zubereitet.

Große Hilfsbereitschaft fürs Pflegeheim

Zusätzliche Betreungskräfte wird es in den nächsten Tagen trotzdem geben. Das Orthopädische Zentrum Martin-Ulbrich-Haus schickt aus Rothenburg jeweils vier Fachkräfte und Helfer. Vom Pflegedienst Kunze werden eine Fachkraft und ein Helfer entsandt. Und der Pflegedienst Kiese hilft dem "Abendfrieden" mit einer Person. "Unser Ministerpräsident hat zudem den Kontakt nach Kreischa geknüpft, wo Pflegeschüler ausgebildet werden.

Sollte das noch klappen, sind wir für die nächsten Tage einigermaßen gut aufgestellt", ist Schwester Sonja erleichtet und froh über die Hilfsbereitschaft, die dem Emmaus-Pflegeheim entgegenschlägt. Die Quarantäne für die positiv getesteten Mitarbeiter endet am 19. April. So lange muss das Provisorium funktionieren.

Firmen schicken Schutzbekleidung

Damit die "geborgten" Kräfte ohne Gefahr für die eigene Gesundheit arbeiten können, muss natürlich auch die entsprechende Schutzkleidung her. Deshalb hat die Oberin in den vergangenen Tagen all ihre Kontakte spielen lassen, aber auch dort angerufen, wo man es auf den ersten Blick nicht vermuten würde. So treffen in Kürze ein oder sind inzwischen schon vorhanden: Schutz- und Arbeitsbekleidung von der Autolackierei Schmidt aus Jänkendorf, einer Dresdener Großwäscherei und dem Malerbetrieb List aus Löbau.

Auch der Waggonbau Niesky hilft mit Overals. Ganzkörpermonturen, die sonst nur Tatortermittler der Kripo tragen, hat die Polizei zur Verfügung gestellt. Ein großer Teil der zusätzlichen Ausrüstung wird aus dem Raum Berlin/Cottbus nach Niesky geschafft. "Wir sind sehr dankbar, dass das so unbürokratisch klappt", lobt Sonja Rönsch. Heimleiterin Viola Knappe freut sich zudem über die Anteilnahme der Nieskyer Bevölkerung: "Süßigkeiten und Blumengrüße zum Osterfest, auch Angebote zum Transport von Schutzmaterial sind nur ein paar Beispiele dafür."

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