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Cannabis: Suchtmediziner aus Sachsen gegen Legalisierung

Hanf-Produkte liegen im Trend, ob im Joint, im Tee oder als Tropfen. Ärzte im Freistaat kritisieren, dass die Risiken banalisiert werden.

Suchtmediziner warnen, dass Kiffen vor allem die Gehirne von Jugendlichen schädigen können.
Suchtmediziner warnen, dass Kiffen vor allem die Gehirne von Jugendlichen schädigen können. © Paul Zinken/dpa

Sollte Cannabis wie in anderen Ländern auch in Deutschland erlaubt werden, weil es sich ohnehin nicht länger verbieten lässt? Oder wird andersherum ein Schuh daraus, trägt also die Diskussion über eine Entkriminalisierung zu der Ausbreitung bei? Suchtmediziner in Sachsen sehen eine mögliche Legalisierung kritisch.

„Dass Cannabis aufgewertet wird, hängt, so denke ich, auch mit der unsäglichen Legalisierungsdebatte von Cannabisprodukten in Deutschland zusammen. Das ist eine gefährliche Entwicklung, da die Hemmschwelle sinkt", kritisiert Psychotherapeutin Dagmar Mohn, Leiterin der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle der Diakonie in Pirna und Neustadt. Cannabis werde von einer breiten Schicht der Bevölkerung akzeptiert. "Die Argumentation: Es ist ein Naturprodukt und wird sogar in einigen Fällen als Medikament verabreicht.“

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Die derzeit große Nachfrage nach allem, was „Bio“ und „Natur“ ist, hat vielleicht tatsächlich etwas damit zu tun, dass die Risiken des Hanf-Konsums vielfach banalisiert werden. Davon profitieren nicht nur kriminelle Dealer. 

Seit einigen Jahren boomt der legale Markt für Produkte, die mit Extrakten von Hanfsamen oder anderen Bestandteilen der Pflanze versetzt sind. Es gibt Cannabis-Brot, Cannabis-Butter, Hanfblütentee, Hanf-Smoothie, Hanf-Gnocchi und so weiter. Wie eine Wunderarznei wird auch das mit Cannabidiol, kurz CBD, angereicherte Öl angepriesen. 

CBD-Öl soll eine beruhigende Wirkung haben.
CBD-Öl soll eine beruhigende Wirkung haben. © Pixabay

Man kann mit den Tropfen seinen Kaffee aufpeppen oder es als Bestandteil von Kapseln, Gummibärchen, Kaugummi, Kopfkissen oder Kosmetik kaufen. CBD verursacht keinen Rausch, soll aber gegen Stress, Ängste, Schmerzen oder Schlaflosigkeit helfen, heißt es in den zahlreichen Werbeanzeigen der Hersteller, die hauptsächlich im Internet zu finden sind.

Selbst die Schulmedizin kann dem etwas abgewinnen. Seit drei Jahren können Schmerzpatienten unter bestimmten Voraussetzungen Cannabis auf Rezept erhalten. Pflanzliche Medizin genießt einen guten Ruf bei deutschen Verbrauchern – was bitteschön, so mögen viele denken, kann denn gefährlich sein an einem Produkt, das aus der Natur kommt und unheilbare Leiden lindern kann? Angesichts dieses Erfolges der Cannabis-Lobby kann es nicht verwundern, dass die Hemmschwelle insbesondere bei altersbedingt neugierigen jungen Menschen gesunken ist.

Kiffen für Jugendliche besonders gefährlich

Suchtmediziner sind besorgt über den Zeitgeist. „Ich sehe die Legalisierungsdebatte kritisch“, sagt Oliver May. Er ist Oberarzt im Sächsischen Krankenhaus Arnsdorf und behandelt Drogenabhängige. 20 Patienten sind dort untergebracht. Sie kommen zu einer suchtspezifischen Entzugs- und Motivationstherapie hierher. Die Behandlung erfolgt auf freiwilliger Basis. 

Gearbeitet wird nach einem Wochenplan mit strukturiertem Therapieprogramm auf einer geschützten Station. Die Patienten haben in der Regel fünf Wochen auf einen freien Platz gewartet. „Die Wartezeit hat durchaus ihren Sinn. Sie motiviert die Betroffenen, sich auf Entzug und Therapie einzustellen“, sagt May. 

Auf dem breiten Flur des Altbaus, in dem die Station untergebracht ist, steht ein Festnetztelefon für den Kontakt der Patienten zur Familie. Die Ausgangsregeln sind streng. Die Bewohner sind gehalten, sich von ihren alten Kumpels fernzuhalten, deren Nummern im Handy zu löschen und die Kontakte zu sperren. „Sie genießen es regelrecht, hier bei uns zur Ruhe zu kommen.“

Cannabis, sagt May, sei eine Lifestyle-Droge geworden, sie gelte in einigen Kreisen als cool. „Die Debatte verharmlost das Problem vor allem für Jugendliche.“ Für sie sei Kiffen besonders gefährlich, weil sich ihr Gehirn noch entwickelt. Bei regelmäßigem Konsum adaptiere das Gehirn die positive Wirkung, das heißt, es verlange ständig nach mehr. So könne jeder in Abhängigkeit hineinrutschen. Entzugssymptome seien Gereiztheit, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. May: „Je früher jemand Joints raucht, desto häufiger treten negative Folgen ein.“ 

Um eine rauschende Wirkung zu erzielen, werden Pflanzenteile der weiblichen Hanfpflanze konsumiert, meistens in Form von Joints.
Um eine rauschende Wirkung zu erzielen, werden Pflanzenteile der weiblichen Hanfpflanze konsumiert, meistens in Form von Joints. © Pixabay

Kiffen macht dumm, heißt es landläufig. Merkfähigkeit, Antrieb und Motivation lassen nach, es kann zu Depressionen, psychotischen Störungen, Wahnvorstellungen und Realitätsverlust kommen. Einige Patienten brechen die Ausbildung ab, schaffen den Alltag nicht mehr.

2015 wurden 158 Patienten mit der Haupt- oder Nebendiagnose Cannabisabhängigkeit hier behandelt. 2018 waren es bereits 218. May: „Die meisten Konsumenten haben keine Probleme, aber wer schützt die anderen?“ Ob jemand abhängig wird oder nicht, hänge von der persönlichen Veranlagung ab, den biografischen Belastungen, dem Freundeskreis und der Familie. Eine Gefahr geht auch von hochpotentem Cannabis aus – Joints mit höherem THC-Gehalt. Die Substanzen, die auf dem Markt erhältlich seien, stammten inzwischen aus aggressiveren Züchtungen als früher, sagt May.

Und was ist mit Alkohol? Es ist scheinheilig, argumentieren die Kritiker, Cannabis zu verbieten, aber bei Alkohol alle Augen zuzudrücken. Bier, Schnaps und Wein seien als Genussmittel an jeder Ecke zu haben. May sagt, dass Alkohol mit Abstand die höchsten Zahlen für eine Abhängigkeit generiere, sei richtig. Aber es sei das falsche Argument, um die Legalisierung einer weiteren abhängigkeitserzeugenden Substanz zu legitimieren. Hoher riskanter Konsum von Alkohol verursache großes Leid und sei weiterhin im Fokus der Präventionsarbeit. Aber ihn generell zu verbieten sei wegen der langen gesellschaftlichen Tradition des Trinkens schwer durchsetzbar.

Jugendschutz bleibt bei Legalisierung auf der Strecke

Olaf Rilke, Leiter der Landesstelle gegen Suchtgefahren in Sachsen, glaubt sogar, dass Alkohol mit dem heutigen Wissen über das Schadenspotenzial niemals erlaubt worden wäre. Wer aber Cannabis leichter zugänglich mache, sei verantwortlich für damit einhergehende höhere Konsumraten. Cannabis, so seine These, wäre dann so weit verbreitet wie Alkohol und Zigaretten.

Die Forderung von Suchtmedizinern, eine Freigabe an Jugendliche in jedem Fall zu verhindern, lässt sich praktisch nur schwer erreichen. Denn jeder Teenie kennt einen, der einen volljährigen Kumpel kennt, der für ihn einkaufen würde. Sollte die Politik entgegen allen Warnungen dem Beispiel Kanadas folgen, bleibt der Jugendschutz ein heißes Eisen. Und die Vorstellung, Polizei und Justiz wären das Thema los, dürfte sicher auch nicht realistisch sein. Illegalen Handel wird es auch weiter geben, denn die legalen Abgabestationen können mit den niedrigen Preisen des Dealers im Park oder am Bahnhof nicht mithalten.

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Marion Ossowski, die Dresdner Lehrerin, plädiert für einen liberaleren Umgang. Jugendliche, die sich auf „Gras“ einlassen, sollten wenigstens Möglichkeiten haben, den gemäßigten Umgang zu lernen. Das würde aber die Entkriminalisierung voraussetzen. Einige ihrer Auszubildenden lehnen Alkohol und chemische Drogen aus Überzeugung ab. Aber nach zehn Stunden Arbeit in der Gastronomie, wenn die Knochen wehtun, wollen sie nur noch runterkommen. Ihre Alternative zum Bier ist der Joint. Verbote könnten nach ihrer Überzeugung Beratung und Erziehung sowie staatliche Fürsorge nicht ersetzen. „Eine drogenfreie Gesellschaft ist jedenfalls eine Illusion.“

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