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Diagnose Brustkrebs – mitten in der Schwangerschaft

Sandy Scholz aus Kamenz traf die Krankheit sehr jung, wie schon ihre Mutter und Oma. Das familiäre Krebszentrum Dresden ist auf solche Fälle spezialisiert.

Glückliche Zeit im Kinderzimmer. Sandy Scholze aus Kamenz will für ihren Sohn Florian stark sein.
Glückliche Zeit im Kinderzimmer. Sandy Scholze aus Kamenz will für ihren Sohn Florian stark sein. © Jürgen Loesel

Sandy Scholze liebt diese Momente, wenn sie nach der Kita mit ihrem Sohn Florian spielt. „Dabei wusste ich nicht einmal, ob ich seinen ersten Geburtstag noch miterleben kann“, sagt die junge Mutter aus Kamenz. Während sie das sagt, schiebt ihr der Dreijährige die Lok von seiner Holzeisenbahn in die Hand. Er möchte, dass seine Mutter jetzt ganz ihm gehört. Die 31-Jährige hat verstanden und lächelt ihn an.

Im August 2016 war es, als Sandy Scholze unter der Dusche eine Verhärtung in der linken Brust ertastete. „Ich war unsicher, denn auch meine Mutter erkrankte vor 20 Jahren.“ Ende Oktober sollte ihr Sohn zur Welt kommen. „Was soll jetzt werden? Kann mein Kind durch den Krebs auch krank geworden sein?“ Tausende Fragen gingen ihr durch den Kopf, und sie hatte Angst. Die erste Gewebeentnahme war unauffällig, die zweite jedoch positiv. Es war ein sehr aggressiver Tumor. 

Ihre Ärztin überwies Scholze an die Uniklinik Dresden – an das Zentrum für familiären Brust- und Eierstockkrebs. Denn wenn Tumorerkrankungen so jung auftreten, ist eine genetische Veranlagung wahrscheinlich. „Etwa fünf Prozent aller Brustkrebserkrankungen und 15 Prozent aller Eierstockkrebsfälle sind auf eine Mutation der Gene BRCA1 und BRCA2 zurückzuführen“, sagt Dr. Karin Kast, Gynäkologin und Sprecherin des familiären Krebszentrums. Werde wie bei Sandy Scholze eine solche Genmutation im Blut gefunden, liege die lebenslange Erkrankungswahrscheinlichkeit für Brustkrebs bei 70 Prozent, die für Eierstockkrebs zwischen 20 und 40 Prozent.

Sandy Scholzes Mutter war Anfang 40, als bei ihr der Krebs diagnostiziert wurde. Auch ihre Großmutter erkrankte in diesem Alter. Ab dem 18. Lebensjahr können sich Frauen auf eine in der Familie bekannte Genmutation testen lassen. Ab dem 25. Lebensjahr oder fünf Jahre vor der jüngsten an Brustkrebs erkrankten Familienangehörigen ist die Teilnahme an einem intensivierten Früherkennungsprogramm möglich. Im Uniklinikum folgte die weitere Diagnostik. Lunge, Knochen und Bauchraum wurden auf mögliche Metastasen untersucht. „Zum Glück war da noch nichts“, sagt Sandy Scholze. 

Einen Monat vor ihrem errechneten Geburtstermin wurde bereits mit der Chemotherapie begonnen. Der Tumor war groß und sollte durch die Medikamente schrumpfen. „Ich hatte Angst, dass mein Sohn etwas davon abbekommt und Schaden nimmt.“ Wahrscheinlich hat er das gespürt und kam einen Monat zu früh zur Welt – Glück im Unglück, wie sie sagt.

Auch ihre Schwester erkrankt

Insgesamt 16 solcher Behandlungen musste sie über sich ergehen lassen. Die Haare gingen aus, eine bleierne Müdigkeit, Kraftlosigkeit und schlechte Blutwerte quälten sie. Doch Übelkeit und Erbrechen wie viele andere Frauen in dieser Situation hatte sie nicht. Nach der Chemo folgten noch eine Operation und Bestrahlung. Da das betroffene Gewebe recht umfangreich war, entschied sich Sandy Scholze für eine komplette Entfernung der Brustdrüse. Mit einem Silikonimplantat wurde alles wieder aufgebaut, sodass kosmetisch nicht mehr viel zu erkennen ist. Anfang 2018 kam die gesunde Seite dran. Auch dort hatte sich schon eine Krebsvorstufe gebildet.

Zwei Monate nach ihrer prophylaktischen Brustdrüsenentfernung war Sandy Scholze eigentlich guten Mutes, das Schlimmste überstanden zu haben. Doch dann musste sie erfahren, dass auch bei ihrer Schwester Brustkrebs festgestellt wurde. „Das ist schon Wahnsinn, so ein Schicksal. Vielleicht hätten wir uns wirklich früher testen lassen sollen.“

Seitdem vor sechs Jahren die Hollywood-Schauspielerin Angelina Jolie mit ihrer vorsorglichen Brustdrüsenentfernung an die Öffentlichkeit ging, sei das Bewusstsein für diese genetisch bedingte Erkrankung gestiegen. „Es lassen sich mehr Frauen testen. Die Zahl der an erblichem Brustkrebs Erkrankten ist aber nicht angestiegen“, so Karin Kast. 

Seit etwa anderthalb Jahren könne man noch mehr Frauen die Möglichkeit zur molekulargenetischen Untersuchung anbieten, denn die Bestimmungen seien gelockert worden. „Die Daten, die wir gewinnen, werden in einer deutschlandweiten Registerstudie gesammelt.“ So könnten in Zukunft bessere Aussagen darüber gemacht werden, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Mutation auch in selteneren Genen auftritt, ob die angebotene Früherkennung wirkt, wann eine Erkrankung eintritt und wie ihr Verlauf ist.

Verbrennungen durch Bestrahlung

Sandy Scholzes Erkrankung ist bis jetzt gut verlaufen. Sie arbeitet wieder als Lohnbuchhalterin, jedoch in Teilzeit wegen ihres Sohnes. Sie habe einen Schwerbehindertenausweis und damit fünf Tage mehr Urlaub. „Die brauche ich auch für die Nachsorge“, sagt sie. Einmal im Jahr werde ihre Haut in der Strahlenklinik untersucht. Viele hätten durch die Bestrahlung Verbrennungen erlitten und noch mit Hautproblemen zu kämpfen. Sie nicht, zum Glück. Hinzu komme halbjährlich eine Ultraschalluntersuchung. „Im Alltag denke ich eigentlich nicht mehr an meine Krebserkrankung. Nur wenn der Untersuchungstermin heranrückt, bin ich eine Woche zuvor schon in Sorge, ob vielleicht wieder etwas ist.“

Die vorsorgliche Brustentfernung wird Gynäkologin Kast zufolge nur bei einer hohen Krebserkrankungswahrscheinlichkeit empfohlen. Ob eine solche vorliegt wird im Beratungsgespräch geklärt. Alle anderen Frauen könnten eine intensivierte Früherkennung und Nachsorge nutzen. Sie besteht aus einer jährlichen MRT und halbjährlichem Brustultraschall. „Ab dem 40. Lebensjahr kommt die Mammografie dazu. Sie ersetzt später das MRT komplett, wenn das Drüsengewebe sich nach der Menopause zurückgebildet hat.“

Abhängig vom Stadium der Erkrankung ist Brustkrebs heute gut behandelbar. Der sogenannte Rezeptorstatus zeigt an, auf welche Therapie – Chemo-, Antikörper- oder antihormonelle Therapie – der Tumor anspricht. Eine zusätzliche Behandlungsmöglichkeit für Krebserkrankungen durch BRCA1- und BRCA2-Genmutationen sind laut Karin Kast die PARP-Inhibitoren. Das sind Enzyme, die verhindern, dass sich Krebszellen nach einem Angriff durch die Chemotherapie selbst wieder reparieren. Beim Eierstockkrebs sei die erbliche Form sogar besser zu behandeln als eine Erkrankung ohne erblichen Hintergrund. Hier kämen platinhaltige Chemotherapie und PARP-Inhibitoren zum Einsatz.

Die Müdigkeit ist geblieben

„Letztere konnten mit solch großem Erfolg eingesetzt werden, dass sie inzwischen auch bei nicht-BRCA-abhängigem Eierstockkrebs und für bestimmte andere Tumore eine wertvolle Therapieerweiterung darstellen“, so Kast. Eine sichere Früherkennungsmöglichkeit für Eierstockkrebs gebe es nicht. Im Falle eines erhöhten Risikos wird ab dem 40. Lebensjahr zur vorsorglichen Entfernung der Eierstöcke und Eileiter geraten, weil ab diesem Alter die Erkrankungswahrscheinlichkeit steigt.

Das steht auch Sandy Scholze noch bevor. Doch bis dahin möchte sie gerne noch einmal Mutter werden. Sie ist froh, dass sie einen gesunden Sohn hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass er krebsgefährdet ist, scheint eher gering. „Doch auch Männer können Träger einer BRCA-Mutation sein. Ihr Risiko für Brustkrebs liegt dann bei maximal sechs Prozent. In erster Linie ist aber die Erkrankungswahrscheinlichkeit für Prostatakrebs erhöht. „Deshalb raten wir BRCA-positiven Männern zu einer Früherkennungsuntersuchung der Prostata ab dem 40. Lebensjahr“, sagt Karin Kast.

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Von Sandy Scholzes Tumor ist nichts mehr übrig. Geblieben ist aber die Müdigkeit, Fatique genannt. Sie ist eine Folge der Chemotherapie. „Aber vielleicht liegt es am Schlafdefizit, das Eltern mit kleinen Kindern haben.“ Sie sieht es positiv, wie alles im Leben. Denn für ihren Sohn Florian wollte sie gesund werden und leben.

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