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"Ich sitze manchmal vor Angehörigen und heule mit"

Mark Frank leitet im Friedrichstädter Krankenhaus eine der größten Notaufnahmen Dresdens. Manchmal fragt er sich, wie er all das Leid aushalten soll.

Mark Frank leitet seit wenigen Monaten die Notaufnahme im Friedrichstädter Krankenhaus. Zu seinem Job gehört Leid, das er nicht einfach ausblenden kann.
Mark Frank leitet seit wenigen Monaten die Notaufnahme im Friedrichstädter Krankenhaus. Zu seinem Job gehört Leid, das er nicht einfach ausblenden kann. © Sven Ellger

Dresden. Notfallmediziner sind harte Hunde, sagt man. Kühler Kopf unter Stress und kühl, wenn es darum geht, aufgewühlten Angehörigen schlechte Nachrichten zu überbringen. Sagt man. 

Dr. Mark Frank widerspricht nicht. Er erinnert sich, wie fixiert er darauf war, jede Nadel richtig zu legen, das richtige Medikament auszusuchen und jede Leitlinie zu befolgen, dass er gar nicht sah, wie besorgt, wie schockiert, wie traurig Angehörige am Bett ihrer Liebsten standen. Erfahrung hat diese Fixiertheit verdrängt. Sie hat Platz gemacht für Emotionen. Für das Leid anderer, von dem sich Mark Frank in der Notaufnahme des Friedrichstädter Krankenhauses immer wieder fragt, wie er das aushalten soll.

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Seit April leitet der 55-Jährige eine der größten Notaufnahmen Dresdens. Im Schnitt haben es die Ärzte und Pfleger hier mit 123 Fällen am Tag und 45.000 im Jahr zu tun – Tendenz steigend. Fünf gleichzeitig ankommende Rettungswagen? „Das passiert nicht selten“, erzählt Mark Frank. Gerade schieben die Sanitäter eine hochbetagte Frau auf der Trage in die Notaufnahme. Ihr Kopf ist zur Seite weggeklappt, ihr Gesicht fahl. Die Frau ist bewusstlos, wurde allein in ihrer Wohnung gefunden. Frank schaut auf ihren Brustkorb. Man muss schon sehr genau hinsehen, aber er hebt sich. „Sie atmet.“ Die Rentnerin ist stabil genug, um sie ins CT zu bringen. 

"Wir wissen, das ist ein scheiß Gang, den du vor dir hast"

Acht Jahre hat Mark Frank die Notaufnahme des Städtischen Klinikums in Görlitz geleitet, davor arbeitete der gebürtige Darmstädter 18 Jahre in der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin des Dresdner Uniklinikums, baute dort die Notfallteams auf. Parallel flog und fliegt er Einsätze mit den Rettungshubschraubern in Dresden und Bautzen. Im Schnitt steigt er vier-, fünfmal am Tag in die Luft. „Als Notfallmediziner sehe ich schlimme Sachen“, sagt der Arzt. Einen 85-Jährigen mit Schlaganfall musste er von seiner Frau trennen – nach 60 Ehejahren. „Mit dem Gefühl, dass er wahrscheinlich nicht wiederkommen wird. Das tut weh.“ 

Ins Gedächtnis gebrannt hat sich bei Mark Frank ein Neunjähriger, den er zwei Stunden versuchte wiederzubeleben. „Wir haben gekämpft, wir haben alles gemacht.“ Doch der Junge starb. Eltern und Großeltern warteten am anderen Ende des Flurs. „Die Eltern über den Tod ihres Kindes aufzuklären, da hassen Sie Ihren Beruf.“

Frank wollte gerade loslaufen, erzählt er, da spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Es war die Hand einer Pflegekraft. „Er hat nichts gesagt. Aber die Hand hat mir vieles gesagt: Mark, wir wissen, das ist ein scheiß Gang, den du vor dir hast. Aber du bist nicht allein, wir sind bei dir.“ Der Mediziner ging schließlich zu den Eltern. Es sei eine Katastrophe gewesen. „Und trotzdem habe ich diese Hand mitgenommen. Wenn heute schlimme Sachen passieren, spüre ich sie immer noch.“

Corona-Krise schweißt zusammen

Es sind Blicke, die den Notfallmediziner über solche Erlebnisse hinwegtragen. „Sie wissen, sie arbeiten in einem Team und müssen das nicht allein aushalten.“ Ob Notfallsanitäter, Rettungshubschrauber-Pilot, Notaufnahme-Pfleger oder Reinemachefrau, die gerade durchgeht, sei völlig egal. „Ohne, dass man darüber reden muss, bekommt man einen verständnisvollen Blick. Und der trägt.“ 

Von großartigem Personal in der Pflege und bei den Ärzten schwärmt Frank, wenn er über das Städtische Klinikum spricht. Er kam mitten in der Corona-Zeit nach Friedrichstadt. Eine zweite Notaufnahme für Infizierte und Verdachtsfälle war gerade eröffnet worden. Sie war und ist immer noch hochfrequentiert. "Das war eine Herausforderung, da hat das Personal innerhalb kürzester Zeit Großartiges geleistet."

900 Gramm leichtes Frühchen hat überlebt

Kollegen, die Rückhalt geben, sind das eine, dramatische Momente, die am Ende gut ausgehen, das andere. „Ich habe vor ungefähr fünf Jahren als Hubschrauberarzt eine Frühgeburt betreut. Das Baby war ungefähr 900 Gramm schwer. Die Frau saß blutend in der Küche auf dem Fußboden und hatte ihr Neugeborenes in Silberfolie eingewickelt.“ Das Frühchen hatte einen Atemstillstand und war blitzeblau. Frank nahm es ihr aus den Armen. „Mit allen Möglichkeiten, die wir hatten, haben wir das Kind versorgt. Heute ist es vier oder fünf Jahre alt, es hat überlebt.“

Jeder einzelne dieser Momente hinterlässt Narben. „Aber ich finde es wichtig, dass wir nicht zu distanziert mit diesen Dingen umgehen. Ich sitze manchmal vor Angehörigen und heule mit. Dann umarmt man sich, weil man einfach genauso fassungslos ist.“ Ja, er sei in all den Jahren weicher geworden, sagt Mark Frank. Er habe begonnen, über den Tellerrand zu schauen. „Und ich hinterfrage mich häufiger als früher, wie es mit dem eigenen Leben aussieht.“ Eines klappe aber nicht mehr: die schlimmen Fälle auszublenden.

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