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„Eine Universität in Görlitz ist abwegig“

Zehn Jahre war Friedrich Albrecht Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz. Zum Abschied schaut er auch nach vorn.

Friedrich Albrecht ist nur noch bis zum 1. März Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz.
Friedrich Albrecht ist nur noch bis zum 1. März Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz. © Nikolai Schmidt

Als Friedrich Albrecht vor exakt zehn Jahren Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz wurde, erklärte er in seinem ersten Interview gleich seine wichtigste Herausforderung: „Die Bewältigung des demografischen Knickes“. Damals nämlich kamen die geburtenschwachen Jahrgänge ins Studienalter. So wurde ein drastischer Rückgang der Studentenzahlen erwartet – zumindest, wenn die Hochschulen unvorbereitet sind. Jetzt hat er zwei Amtszeiten hinter sich und scheidet deshalb zum 1. März aus dem Amt des Rektors aus. Für die SZ blickt er zurück – und nach vorn.

Herr Professor Albrecht, sind die Studentenzahlen so drastisch zurückgegangen, wie manche befürchtet hatten?

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Die Hochschule hatte in der Spitze mal 3.705 Studenten, das war vor gut zehn Jahren. Heute sind wir bei 2.940. Ein Rückgang war unvermeidlich, aber die Zahlen sind nicht so drastisch gesunken, weil wir gegengesteuert haben, etwa mit dem Dualen Studium und anderen Angeboten.

In Görlitz haben Sie zwei neue Studiengänge eröffnet. Hat sich das ausgezahlt?

Die Kindheitspädagogik konnte durch zusätzliche Mittel vom Bund über den Hochschulpakt mit 30 Studienplätzen starten, dann kam noch Management im Gesundheitswesen dazu, so etwas wie Betriebswirtschaft im Gesundheitssektor. Beides ist sehr erfolgreich und hat uns zusätzliche Studenten gebracht. Aber auch die anderen sozialen Studiengänge sind bis heute sehr gut nachgefragt und jedes Jahr voll.

All das wird in Görlitz angeboten. Läuft Görlitz denn Zittau den Rang ab?

Wenn man nur die Studentenzahlen betrachtet, dann ja. Wir haben mittlerweile in Görlitz minimal mehr Studenten als in Zittau. Bei der Kooperation mit außeruniversitären Einrichtungen hingegen läuft Zittau Görlitz den Rang ab. Gerade in der Elektrotechnik und im Maschinenwesen passiert wirklich viel. Tatsächlich ist es so, dass ich bis heute immer noch eine Rivalität zwischen beiden Städten erlebe. Das finde ich schade, denn die Hochschule ist nur an beiden Standorten denkbar.

Weshalb?

Jeder Standort für sich ist zu klein für eine eigene Hochschule. Es wären auch riesige Baumaßnahmen nötig, wollte man beide Teile in einer Stadt zusammenlegen. Das kann niemand bezahlen.

Der Ministerpräsident hat angeregt, in Görlitz auch Lehrer auszubilden, weil diese gerade hier fehlen. Auch Ärzte sind schwer in die Region zu bekommen. Wäre es dann sinnvoll, in Zeiten des Strukturwandels mit den entsprechenden Geldern hier eine kleine Universität zu gründen, an der Lehramt und Medizin angeboten werden?

Nein. Eine Universität in Görlitz ist abwegig. Solche Gedanken sind der Diskussionskultur der 1990er Jahre geschuldet, als manche wollten, dass es in Görlitz eine Uni geben soll. Damals hat sich hier sogar ein Universitätsverein gegründet. Den habe ich lediglich zur Kenntnis genommen. Görlitz sollte solche Ideen begraben – und zwar aus vielen Gründen. Zuerst einmal ist es eine Kostenfrage und auch ein Risiko. Eine Universität braucht nicht nur Räume, sondern sie muss auch mit hochklassigen Wissenschaftlern gefüllt werden. Und wo sollen die Studenten herkommen? Der Effekt einer Universitätsgründung macht sich erst in 40 Jahren bemerkbar. Dann ist der Strukturwandel vorbei. Eine Hochschule für Angewandte Wissenschaften ist viel effizienter, gerade für die Regionalentwicklung. Wir sind nah an der Praxis.

Wäre es nicht eine Möglichkeit, aus den verschiedenen Forschungsinstituten eine kleine Uni zu machen?

Fraunhofer, Helmholtz, Senckenberg & Co. sind außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Die haben den Auftrag, Forschung zu betreiben. Sie sollen aber keine Lehre übernehmen. Da sind sie außen vor. Stattdessen docken sie sich an bestehenden Universitäten oder Hochschulen für Angewandte Wissenschaften an. Das haben sie in den vergangenen Jahren sowohl in Zittau als auch in Görlitz getan. Fraunhofer zum Beispiel ist auch wegen uns hier. Letztlich profitieren davon immer beide Seiten, also wir als Hochschule und die Forschungseinrichtungen.

Und wie steht es dann um die Lehrerausbildung, die der Ministerpräsident angeregt hat?

Das begrüße ich ausdrücklich. Dafür braucht es aber keine neue Uni. Kooperationsmodelle sind viel besser geeignet, zum Beispiel zwischen uns, einer sächsischen Universität und gegebenenfalls weiteren Partnern. Über solche Modelle kann man alles machen.

Warum gibt es so wenige Ausgründungen von Start-ups aus der Hochschule, die doch besonders mit der regionalen Wirtschaft zusammenarbeiten und für sie arbeiten soll?

Laut Zielvereinbarung mit dem Ministerium müssen wir neun Start-ups in den Jahren 2017 bis 2020 bringen. Das werden wir schaffen. Aber Sie haben schon recht: Es sind insgesamt zu wenige. Das hat viele Gründe. Generell ist in Deutschland die Bereitschaft, ins kalte Wasser zu springen, nicht so stark ausgeprägt wie in den USA. Bei uns an der Hochschule kommt hinzu, dass dieses Ziel von vielen Fakultäten nicht so hoch gehängt wurde. Stattdessen wollen die vorhandenen Firmen ja, dass wir ihnen Nachwuchs liefern. Andererseits bringen Start-ups Innovation. Deshalb arbeiten wir daran, hier besser zu werden.

Sie waren zehn Jahre Rektor. Was geben Sie Ihrem Nachfolger Alexander Kratzsch mit auf den Weg?

In meiner Zeit ging es vor allem um die Profilierung der Hochschule. Das wurde an uns herangetragen. Wir sollten unsere Stärken und besonderen Expertisen spezifizieren. Auf der anderen Seite standen Fragen des Einstellens von Studiengängen, in denen wir weniger erfolgreich sind. Wir mussten das Bauwesen aufgeben, auch Mathematik und Architektur. Die Standortprofilierung war wichtig und hat zu einer Schärfung geführt, beispielsweise wurden Umweltmanagement und Biotechnologie gestärkt. Mein Nachfolger muss jetzt den nächsten Entwicklungsschritt gehen.

Welchen?

Der neue Rektor will drei Schwerpunkte setzen: Bei grünen Technologien, Digitalisierung und Gesundheit. Er geht davon aus, dass vieles stark ineinandergreift. Während in meiner Zeit also die Standortprofilierung wichtig war, wird künftig das Fächerübergreifende wieder stärker Fuß fassen. Wir haben jetzt auch viele neue, junge Professoren, die sich stärker für interdisziplinäre Themen interessieren. Ich gehe davon aus, dass es künftig viel mehr Vernetzungen und Kooperationen beider Standorte geben wird. Darauf freue ich mich.

Und wie geht es für Sie persönlich weiter? Sie sind voriges Jahr 60 geworden und damit zu jung für den Ruhestand.

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