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Einsatz für Integration geehrt

Zum siebenten Mal wurde in Radebeul der Couragepreis verliehen. Die Preisträger kommen aus Meißen und Danzig.

Zur Tradition des Couragepreises gehört es, dass vor dem Radebeuler Rathaus Steine mit den Namen der Preisträger verlegt werden. Radebeuls OB Bert Wendsche (l.) konnte dazu Marta Siciarek persönlich begrüßen.
Zur Tradition des Couragepreises gehört es, dass vor dem Radebeuler Rathaus Steine mit den Namen der Preisträger verlegt werden. Radebeuls OB Bert Wendsche (l.) konnte dazu Marta Siciarek persönlich begrüßen. © Arvid Müller

Radebeul. Für ihr Engagement für Flüchtlinge und deren Integration in die deutsche beziehungsweise polnische Gesellschaft haben der Meißner Bauunternehmer Ingolf Brumm und die Danziger Bürgerrechtlerin Marta Siciarek den Radebeuler Couragepreis erhalten. „In den Hochzeiten der Flüchtlingskrise hier im Lande wurde dringend Wohnraum für die Unterbringung gesucht. In der Stadt Meißen standen in Bau befindliche Unterkünfte plötzlich in Flammen. Und in Danzig bezahlte ein engagierter Bürgermeister seinen Einsatz für eine offene Gesellschaft mit dem Leben“, rief Christian Werner, Vorsitzender des Couragepreisvereins, zwei Ereignisse in Erinnerung, die zur Preisverleihung am Donnerstagabend in der Friedenskirche führten.

Mit dem erwähnten Feuer in der Porzellan-Stadt ist ein Brandanschlag auf ein noch unbewohntes Mehrfamilienhaus Ende Juni 2015 gemeint. Das Gebäude gehört Brumm und er ließ es damals herrichten, damit dort 35 Flüchtlinge wohnen konnten. Zudem bekam Brumm, der für die Linkspartei im Meißner Stadtrat sitzt, Morddrohungen. Täter und Urheber kamen aus der rechtsextremen Szene.

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„Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen das gleiche Recht auf Freiheit zusteht. Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen.“ Diesen Spruch, der auf der Freiheitsglocke im Schöneberger Rathaus in Berlin steht, hat Brumm auf einer Tafel an dem Haus anbringen lassen und dort stehen die Worte immer noch.

Als im Herbst desselben Jahres die rechtsextreme Initiative „Heimatschutz“ in Meißen sich festzusetzen drohte, „gehörte Ingolf Brumm wieder zu den entschiedenen Gegnern, die den Marktplatz und weitere wichtige Punkte der Altstadt mit eigenen Aktionen füllten und auf diese Weise den Ruf Meißens retteten“, sagte SPD-Landtagsabgeordneter Frank Richter, der die Laudatio hielt. Er erinnerte zudem daran, dass Brumm den Mitbegründern der Bürgerinitiative (BI) „Bürger für Meißen“ angehörte. Die BI zählt heute rund 100 Mitglieder.

Bauunternehmer Ingolf Brumm bekam den Couragepreis in der lokalen Kategorie, konnte den Preis aber nicht persönlich entgegennehmen.
Bauunternehmer Ingolf Brumm bekam den Couragepreis in der lokalen Kategorie, konnte den Preis aber nicht persönlich entgegennehmen. © Claudia Hübschmann

Richter vergleicht Brumm mit einer Lokomotive, die mehrere Züge gleichzeitig zieht. Passivität, Zögerlichkeit und Bedenkenträgerei seien ihm zutiefst zuwider. Brumm sei mitunter ein Dickkopf und stur, charakterisierte Richter den Preisträger weiter. Er könne aber auch über sich selbst lachen und eigene Positionen wieder infrage stellen.

Brumm ist in einer Arbeiterfamilie mit drei Geschwistern aufgewachsen. Er identifizierte sich mit den Ideen des Sozialismus, trat den Pionieren, später der FDJ und der SED bei. „In den 1980er-Jahren kam er zunehmend in Widerspruch zu Partei- und Staatsführung. Er war und blieb ein kritisch denkender Mensch“, sagte Richter und hob Brumms soziale Einstellung hervor. Er habe einen inneren Drang, Menschen, die Unterstützung benötigen, selbstlos zur Seite zu stehen. Sein Unternehmen Brumm-Bau läuft erfolgreich. Es war unter anderem am Wiederaufbau des Dresdner Stadtschlosses beteiligt. Unter den 67 Beschäftigten sind zehn mit ausländischer Herkunft.

Brumm bekam den Couragepreis in der lokalen Kategorie verliehen. Da er sich derzeit auf einer bereits seit Längerem geplanten Urlaubsreise mit seiner Frau befindet, nahm für ihn als seine Vertretung Walter Hannot von der BI, die Auszeichnung, die aus einer Urkunde und einer Grafik des Moritzburger Künstlers Peter Fiedler besteht, entgegen.

Die beiden Steine mit den Namen der Preisträger.
Die beiden Steine mit den Namen der Preisträger. © Arvid Müller

Persönlich von Danzig nach Radebeul gereist, ist dagegen die zweite Preisträgerin. Marta Siciarek erhielt den mit 5.000 Euro dotierten Couragepreis in der internationalen Dimension. Sie studierte Sinologie und kulturvergleichende Psychologie. „Und ist nach Stationen in Warschau und Argentinien heute Direktorin des Immigrant Support Centers in ihrer Heimatstadt Danzig“, sagte ihr Laudator, CDU-Bundestagsabgeordneter Thomas de Maizière. Auf ihre Initiative hin wurden in den zurückliegenden fünf Jahren mehrere Modellprojekte zur Integration von Migranten ins Leben gerufen.

Einen Mitstreiter und Unterstützer im Kampf für eine weltoffene, liberale und demokratische Gesellschaft fand sie in Pawel Adamowicz. Der Danziger Bürgermeister fiel Anfang 2019 einem Messerattentat zum Opfer. „Siciarek hat sich nicht einschüchtern lassen“, so de Maizière. Sie sei dem europäischen Wertekanon verhaftet. „Nächstenliebe und damit einhergehende Menschenwürde müssen ernsthaft und verantwortungsvoll gelebt und dauerhaft durch Taten gezeigt werden. Neben den vielen tollen Beispielen gelingender Integrationsarbeit vor Ort ist das ihr wesentlicher Verdienst“, hob de Maizière hervor.

Die Couragepreis-Verleihung fand zum siebenten Mal statt. Entsprechend ihres zweijährigen Turnus hätte sie eigentlich bereits 2019 erfolgen müssen. Weil sich jedoch am 27. August 2020 der in Altkötzschenbroda unterzeichnete Friedensvertrag zwischen Schweden und Sachsen zum 375. Mal jährte, wurde die Veranstaltung auf den vergangenen Donnerstag gelegt.

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