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Feuilleton

Es geht auch ohne Dieter Bohlen

Thomas Anders mixte bei seinem Konzert in der Dresdner Messe Modern-Talking-Hits mit Schlagern und brachte damit selbst russische Fans auf Touren.

Ganz in Orange sang Thomas Anders „You’re My Heart, You’re My Soul“ und „Cheri Cheri Lady“.
Ganz in Orange sang Thomas Anders „You’re My Heart, You’re My Soul“ und „Cheri Cheri Lady“. © Andreas Weihs

Irgendwann wird fast alles Kult. Und Kult verdient Milde. Mitte der 80er-Jahre ging noch ein Riss durch die Menschheit, der mindestens so unüberwindbar wie die innerdeutsche Grenze oder der Eiserne Vorhang schien: Auf der einen Seite liebten alle die Hits von Modern Talking, gegenüber wünschte man Dieter Bohlen und Thomas Anders mindestens unschöne Krankheiten an den Hals. Über 30 Jahre nach der hohen Zeit dieses Disco-Pop-Duos, nach Auflösung, Wiedervereinigung, Zoff, Streit und medienwirksamen Beleidigungen ist Versöhnung angesagt. Nicht zwischen Bohlen und Anders, dafür zwischen Fans und Feinden.

Am Freitag ließ Thomas Anders in der Dresdner Messe neben Nummern aus seinem Pop-Schlager-Solo-Schaffen ein paar Hits aus der Modern-Talking-Ära vom Stapel. Und die hatten eine enorme Zündkraft. Zumindest bei den rund 1.500 Menschen, die zwar nicht ausreichten, um der schmucklosen Halle Atmosphäre einzublasen, die sich aber in einen kleinen Freudentaumel hineinsteigerten, der nach gut zwei Stunden kulminierte. Der Star des Abends musste so viel Engagement einfach loben. „Ihr wart spitze“, rief Anders. Da waren sich wirklich alle einig.

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Rüstige Senioren in Kleinstgruppen, Ü-40-Partygänger mit Vorlieben für Camp-David-Klamotten und eine ganze Menge aufgedrehter Anfangzwanziger – drei Generationen feierten ein bisschen sich selbst, vor allem aber Anders und dessen Musik. Lediglich an den Inseln der russischen Fans bliesen die Euphoriestürme vorbei. Zumindest immer dann, wenn der 56-jährige Sänger seine Schlager servierte. Dafür rumste es selbst dort umgehend, als plötzlich „Geronimo’s Cadillac“ losbretterte. Die alten Modern-Talking-Hits gewinnen noch immer keine Preise für Virtuosität oder Originalität, aber sie lassen die einen durchdrehen, die anderen immerhin still vor sich hin grinsen. Und schon zuckte selbst dem Verächter von einst wenigstens ein Fuß.

© Andreas Weihs

Das hingegen schaffte kein Schlager. Schon gar nicht die weichgespülte Coverversion des Killers-Hits „Human“, simpler deutscher Text und per Video eingespielter Kinderchor machten da nichts besser. Nach dem gleichen Prinzip funktionierte ein Duett mit Florian Silbereisen. „Sie sagte doch, sie liebt mich“ behaupteten beide, einer live, einer von der LED-Wand. Eine merkwürdige Szene, so merkwürdig wie die Songauswahl. Scheinbar wahllos mixte Anders die Modern-Talking-Hits unter seine Schlager, streute zudem Anekdoten samt Videos aus seiner Anfangszeit ein. Seine Band ackerte dabei stets solide, selbst Soli sind mal drin. Nick Scharfschwerdt, Sohn von Puhdys-Drummer Klaus Scharfschwerdt, bekam für seinen Schlagzeug-Alleingang prompt eine Extra-Portion Jubel.

Für die Zugaben tauschte Thomas Anders noch einmal seinen Anzug. Ganz in Orange sang er „You’re My Heart, You’re My Soul“ und „Cheri Cheri Lady“, sehr wenige hielt es da noch auf den Stühlen. Paare schoben sich im Discofox-Schritt durch die Gänge, vor der Bühne drängten sich die Tänzer. Wer nicht gerade mit dem Handy filmte, warf die Arme im Takt hin und her. Dass mit „Der beste Tag meines Lebens“ ausgerechnet wieder ein Schlager den Schlusspunkt setzte, spielte keine Rolle mehr. An diesem Punkt waren selbst die russischen Fans nicht zu bremsen. Einträchtig wurde nun gefeiert – nicht der schlechteste Effekt für eine solche Show.