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Fabrik von Plastic Logic geschlossen

70 Mitarbeiter sind von dem Aus betroffen. Die Produktion ist nach Asien verlagert worden. Leer stehen wird die Fabrik im Dresdner Norden nicht.

Von Georg Moeritz
 4 Min.
© Foto: Thomas Lehmann

Dresden. Vor einem Jahr sprach Geschäftsführer Tim Burne nur von einer kurzen Unterbrechung der Produktion. Von einer Woche war die Rede. Doch inzwischen ist die Dresdner Fabrik für Kunststoff-Elektronik des Unternehmens Plastic Logic geschlossen und die Produktion nach Asien verlagert worden. 

Burne teilte schriftlich mit, den 70 Beschäftigten solle geholfen werden, Arbeit zu finden. Laut jüngstem Geschäftsbericht für 2016 hatte Plastic Logic damals 105 Beschäftigte, es waren im Jahr 2010 mal 186. Dass die Firma schrumpfte, sprach sich in Dresdner Branchenkreisen schon lange herum.

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Plastic Logic entwickelte elektronisches Papier und wollte ursprünglich ein Lesegerät herstellen, eine Art elektronische Aktentasche mit vielen speicherbaren Textseiten. Dafür nahm das Dresdner Unternehmen sogar selbst Bestellungen entgegen – doch dann wurde es peinlich: Mitte 2010 stornierte Plastic Logic die schon eingegangenen Bestellungen für das Lesegerät Que, es kam nie auf den Markt. Später entschied Plastic Logic, lieber andere Fabriken zu beliefern, statt sich direkt um Endkunden zu kümmern. 

Auf Messen präsentierten Vertreter des Unternehmens mögliche Ideen: Die Folien aus Dresden könnten auf der Rückseite von Smartphones als zweiter Bildschirm dienen – und zum Beispiel bei Flugreisenden das elektronische Ticket  zeigen. Denn die Darstellung auf den Folien von Plastic Logic bleibt sichtbar, auch wenn kein Strom fließt. Nur zum Wechseln der Abbildung wird Strom benötigt. In der Folie sind Tausende winzige Kügelchen, die schwarze und weiße Farbpigmente enthalten - und je nach elektrischer Ladung ein Bild zusammensetzen. Die Forschung an Farbe statt Schwarzweiß machte dem Unternehmen allerdings Sorgen, zeitweise wurde mit Farbfiltern experimentiert.

Mindestens 21 Millionen Euro staatliches Fördergeld flossen in Plastic Logic, mindestens 120 Millionen Euro wurden insgesamt investiert. In den Gründungsjahren gaben auch Risikokapital-Tochterfirmen von BASF, Siemens und Dow Geld, später übernahm der russische Staatsfonds Rusnano über eine Beteiligungsfirma in Luxemburg das Unternehmen. Russland erhoffte sich von Plastic Logic den Bau einer größeren Fabrik in Zelenograd nordwestlich von Moskau. 2011 war von der Produktion Tausender elektronischer Schulbücher für Russland die Rede – sie sollten robust sein, weil sie mit Bildschirmen ohne Glas auskamen. Immer wieder wurde allerdings auch bekannt, dass Plastic Logic nach Investoren suchte – und nach Fabrikanten, die das elektronische Papier irgendwo hätten einbauen können. Es war biegsam, daher wurde auch an Armbänder gedacht.

Geschäftsführer Burne in London begründet die Schließung der Dresdner Fabrik damit, sie sei nie für eine wirtschaftliche Massenproduktion geeignet gewesen. Nur für eine Pilotproduktion sei der Bau errichtet worden. Das Gebäude sei zu teuer geworden. Die Produktion finde nun bei Partnern „in Asien“ statt, dorthin werde ohnehin das gesamte Material exportiert. Das Land oder Kunden nannte Burne nicht.

Leer stehen wird die Fabrik im Dresdner Norden in der Nähe der wachsenden Bosch-Chipfabrik und des Maskenwerks von Globalfoundries allerdings nicht. In das Gebäude werden die 65 Forscher des Fraunhofer-Centrums für nanoelektronische Technologien (CNT) einziehen, deren Mietvertrag bei Infineon Anfang 2021 ausläuft. Infineon benötigt deren Räume selbst, zu denen auch ein Reinraum für die Produktion gehört. 

Professor Hubert Lakner, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Photonische Mikrosysteme, zu dem das CNT gehört, sagte der SZ, der Freistaat wolle das Gebäude von TLG-Immobilien erwerben und Fraunhofer zur Verfügung stellen. Die Fraunhofer-Forscher werden allerdings bei ihrem gewohnten Material bleiben: Sie arbeiten mit Siliziumscheiben mit 300 Millimetern Durchmesser, wie die Chipfabrik von Globalfoundries und der jüngere Teil der Infineon-Fabrik. Mit der Kunststoff-Elektronik haben sie nichts zu tun. Lakner betonte, er habe volle Unterstützung vom Freistaat Sachsen. Erfreulich sei das Wachstum bei Infineon, das den Umzug des CNT nötig mache.

Der Dresdner Universitätsprofessor Karl Leo, als Gründervater der Kunststoff-Elektronikfirmen Novaled und Heliatek bekannt geworden, bedauerte das Ende der Produktion bei Plastic Logic. Er sagte der SZ, die Verlagerung einer Produktion ins Ausland sei ein Problem, mit dem Dresden zu seinem Bedauern immer wieder rechnen müsse. Plastic Logic beruhte allerdings auf Forschungsergebnissen aus Cambridge in England. Professor Leo forscht inzwischen an Sensoren und an Elektronik für die Medizin, die im menschlichen Körper abbaubar ist.

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