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Erste Besucher im Grünen Gewölbe

Ein halbes Jahr nach dem Einbruch ist Sachsens Schatzkammer nun wieder geöffnet. Am "Tatort" wurde bewusst eine Leerstelle gelassen.

Regina aus Hamburg vor der Vitrine im Juwelenzimmer, die von den Dieben mit Axthieben zerstört wurde und aus der wertvolle historische Schmuckstücke entwendet wurden.
Regina aus Hamburg vor der Vitrine im Juwelenzimmer, die von den Dieben mit Axthieben zerstört wurde und aus der wertvolle historische Schmuckstücke entwendet wurden. © Matthias Rietschel

Dresden. Die Wiedereröffnung der Schatzkammer Augusts des Starken war von den Staatlichen Kunstsammlungen erst am Freitag bekanntgegeben worden. Dennoch stehen pünktlich am Samstagvormittag die ersten Besucher mit Abstand und Mundschutz in der Schlange vorm Grünen Gewölbe. Zwei Damen sind es, die von Generaldirektorin Marion Ackermann und Schlossdirektor Dirk Syndram als Erste begrüßt werden: Rosa und Swetlana Prokop kommen aus Stuttgart und aus Ludwigsburg. Mutter und Tochter machen in Dresden Pfingsturlaub. „Die Reise haben wir uns zu meinem Geburtstag gegönnt“, sagt Rosa Prokop. „Am Freitag waren wir in der Gemäldegalerie und haben dort erfahren, dass das Grüne Gewölbe wieder öffnet. Das war eine wunderbare Überraschung für uns. Wir sind so froh, dass wir hier sein können. Dresden ist fast leer, das genießen wir“, sagt sie. Sie nehmen sich Zeit, schauen sich in Ruhe um, lauschen aufmerksam dem Audioguide, der in einer Plastiktüte steckt.

Andere Besucher haben es eiliger. Sie wollen die Vitrine sehen, die Ende November von Einbrechern zertrümmert wurde und aus der so kostbare Schmuckstücke gestohlen wurden wie das Kleinod des Polnischen Weißen Adler-Ordens, die große Diamantrose, Epauletten, die große Brustschleife und das Brillantkollier der Königin Amalie Auguste. Als Erste steht eine Hamburgerin davor: Regina. Sie ist 55 und seit sie in Dresden die Liebe ihres Lebens fand, ist sie öfter in der Stadt. Längst schon wollte sie sich das Grüne Gewölbe ansehen. „Als ich am Freitag hörte, dass es nun wieder öffnet, haben wir uns sofort um Tickets gekümmert, bevor der große Touristenansturm einsetzt“, sagt sie.

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Die ersten Besucher vor dem Eingang zur rekonstruierten barocken Schatzkammer am Samstagvormittag.
Die ersten Besucher vor dem Eingang zur rekonstruierten barocken Schatzkammer am Samstagvormittag. © Matthias Rietschel
© Matthias Rietschel
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© Matthias Rietschel
© Matthias Rietschel
© Matthias Rietschel
© Matthias Rietschel

Von Ansturm ist in der ersten Öffnungsstunde am Samstag noch nichts zu spüren. Statt 120 Besucher pro Stunde dürfen jetzt nur noch 70 die Sicherheitsschleuse zu Sachsens Schatzkammer passieren. Das ist eher zum Schutz der Besucher vor dem Virus gedacht und keine Einschränkung als Folge des Einbruchs.

Nur Eingeweihte werden wohl bemerken, dass das Fenster, durch das die Diebe in den Pretiosensaal eingestiegen sind, zugemauert und innen mit Spiegeln versehen wurde. Die zerstörte Vitrine im Juwelenzimmer ist noch leer hinter den gestreiften Plexiglasscheiben. Daneben wird auf einer Stele darüber informiert, was sich hier zutrug vor einem halben Jahr, was verschwand und in welchen Vitrinen man jetzt die Stücke sehen kann, die die Diebe zurückgelassen haben.

„Wir wollen in den nächsten Monaten den Besuchern die Einbruchsgeschichte erzählen. Aber das wird nicht auf Dauer so bleiben“, sagt die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen, Marion Ackermann. Das Sicherheitskonzept sei nach strengsten Regeln überarbeitet worden. Man wolle das Grüne Gewölbe nicht zum Banktresor machen, aber werde die Sicherheitsmaßnahmen weiterentwickeln und ständig überprüfen, sagte sie. „In die große Freude, dass die Menschen nun wieder die Schatzkammer Augusts des Starken besuchen können, mischt sich noch Beklommenheit und Anspannung“, sagte Museumsdirektor Dirk Syndram.

„Wir wollen in den nächsten Monaten den Besuchern die Einbruchsgeschichte erzählen. Aber das wird nicht auf Dauer so bleiben“, sagt die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen, Marion Ackermann.
„Wir wollen in den nächsten Monaten den Besuchern die Einbruchsgeschichte erzählen. Aber das wird nicht auf Dauer so bleiben“, sagt die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen, Marion Ackermann. © Sebastian Kahnert/dpa

Marion Ackermann lud noch einmal alle Sachsen ein, die Gunst der jetzt noch „einsamen“ Stunden zu nutzen und die Museen der SKD, die in den kommenden Tagen Haus für Haus wieder öffnen, zu besuchen. Am Pfingstsamstag scheinen es überwiegend deutsche Touristen zu sein, die diese Einladung annehmen. Elisabeth Steinborn und Ralf Wehling aus Wuppertal gehörten zu den ersten Besuchern. Sie machen Urlaub in Bad Schandau. „Der Ausflug nach Dresden gehört dazu. Es hat sich gelohnt’“, sagt Frau Steinborn, die vor 25 Jahren schon einmal in Dresden war. Aus Bad Wildungen war Björn Diebel angereist. Über die Informationstafeln am Schloss war er auf die Wiedereröffnung aufmerksam geworden. Vom Einbruch ins Grüne Gewölbe hörte der junge Mann allerdings zum ersten Mal.

Für viele Besucher ist es unvorstellbar, dass in ein so hochkarätiges, international bedeutendes Museum eingebrochen werden konnte. In die Antwort auf die Frage, wie man Sachsens Museen besser sicher kann, wird der Freistaat wohl künftig deutlich mehr investieren müssen.

Einige der ersten Gäste am Samstag flanierten schließlich noch auf Einbahnstraßen und mit Mundschutz durch die anderen geöffneten Bereiche des Dresdner Schlosses und blieben fasziniert im Neuen Grünen Gewölbe stehen: Der Grüne Diamant, der in den Wintermonaten im Metropolitan Museum New York ein Gastspiel gegeben hatte, ist seit Februar zurück und lässt seine 41 Karat nun in einem schwarz verspiegelten Kabinett unter grünem Licht erstrahlen. Die Reinheit des Diamanten und seine einzigartige Färbung kommen in der neuen Ausstellungsarchitektur wunderbar zur Geltung. Möge dieser Raum mindestens so sicher sein wie seine Atmosphäre geheimnisvoll wirkt.

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Geöffnet im Dresdner Schloss sind Historisches Grünes Gewölbe, Neues Grünes Gewölbe, Riesensaal, Paraderäume und das Porzellankabinett im Turmzimmer, Türckische Cammer täglich außer dienstags 11 – 17 Uhr (zusätzlich am Dienstag, 2. Juni), freitags Blaue Stunde im Grünen Gewölbe 17 – 20 Uhr

Sonntag, 31. Mai 2020: Frei ab Drei! im Historischen Grünen Gewölbe, 15 bis 18 Uhr. Die Ausgabe der Freikarten (max. 4 pro Person) erfolgt Samstag bis 17 Uhr im Art & Info und an den Kassen im Residenzschloss.

www.skd.museum

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