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Wird das Du das neue Sie?

Ein Linguist aus Dresden erklärt, warum viele Firmen ihre Kunden neuerdings duzen und was das über unsere Sprache aussagt.

Warum spricht die Werbung uns plötzlich mit Du an. Und was, wenn uns das stört?
Warum spricht die Werbung uns plötzlich mit Du an. Und was, wenn uns das stört? © Martin Schutt/dpa

Ikea hat es vorgemacht, jetzt ziehen sogar die Bahn und Volkswagen in der Werbung nach: Kunden werden mit großer Selbstverständlichkeit geduzt. Ob ihnen das behagt, hat keiner gefragt. In der Corona-Anfangsphase haben selbst Discounter wie Lidl und Aldi einfach auf das Du umgeschwenkt. 

„Wir sind für Euch da“ heißt es seither auf den Plakaten zum Hygieneschutz und in Werbespots. Die Pandemie bringt einiges zu Fall. Die SZ wollte von Alexander Lasch wissen, ob auch das Siezen dazu gehört. Der Sprachwissenschaftler ist Professor für germanistische Linguistik an der Technischen Universität Dresden.

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Herr Lasch, warum wird seit Beginn der Corona-Pandemie so oft geduzt?

Oft sind es Werbeansprachen, die Solidarität vermitteln sollen. Da wird die Parole ausgegeben: „Wir sitzen alle im selben Boot.“ Im sinkenden Boot sitzend werden Hierarchien eingeebnet, ein Sie ist nicht mehr relevant. Wenn die Not zusammenschweißt oder auch in Kontexten, in denen es darum geht, etwas zu schaffen, etwas aufzubauen und neu zu gestalten, wird in der Regel gern geduzt. 

Das Du ist eine informelle Ansprache. In Krisenzeiten werden solche Gesprächskontexte viel häufiger verwendet als die formellen und eingeübten Pfade. Das funktioniert in der Regel nur solange, wie die Krise dauert. Dann treten die Mechanismen wieder in Kraft, die vor der Krise im Allgemeinen im Sprachwandel zu beobachten waren. Aber auch dort zeichnet sich seit Jahren ab, dass – verstärkt durch die sozialen Netzwerke und die heranwachsende Generation – informelle Gesprächskontexte zunehmen.

Nennen Sie dafür bitte ein Beispiel.

Etwa, dass sich die norddeutsche informelle Begrüßungsform „Hallo“ nicht mehr nur in der gesprochenen Sprache wiederfindet, sondern auch in der schriftlichen Kommunikation bei E-Mails. „Hallo Frau X, wie geht es Ihnen?“ Oder „Bis dann“ in der Schlussformel. Das ist etwas, das man vor 15 Jahren noch als äußerst unpassend empfunden hätte. 

Heute fühlt man sich da vielleicht noch etwas auf den Schlips getreten, aber im Wesentlichen sind diese Formen in der Alltagskommunikation schon etabliert. Gleiches gilt für das Duzen und Siezen. Hinzu kommt, dass in E-Mails häufig Thema und Anlass der Mail nicht genannt werden.

 Alles, was wir als Leserführung beschreiben würden, fällt allmählich weg. „Hallo Herr X, ich schreibe dann ja die Prüfung. Wie sieht die aus? Bis dann, Y.“ Oder: „Hallo Herr X, ich habe mal eine Frage.“ Das klingt so, als würde man bei einem Kaffee zusammenstehen und plaudern.

Alexander Lasch ist Linguistik-Professor an der TU Dresden.
Alexander Lasch ist Linguistik-Professor an der TU Dresden. © privat

So was schicken Ihnen die Studenten?

Mitunter ja. Dass Konventionen der mündlichen Kommunikation ins Schriftliche driften, wird spürbar häufiger.

Worin sehen Sie den Grund?

Vielleicht ist man der Ansicht, dass man der Einzige auf Gottes schöner Erde ist, der gerade ein Problem hat? Vielleicht liegt dem aber auch eine sich verändernde Mentalität zugrunde oder die Vorstellung, dass Bildungseinrichtungen Dienstleistungsanstalten sind.

Was bewirken die formlosen Anreden?

Sich mit Du anzureden oder sich zu siezen, aber mit Vornamen anzusprechen, dient dazu, Hierarchien, die auf einem Namen aufgebaut sind, nicht so deutlich sichtbar zu machen. Oder zu verbergen, denn gesellschaftlich sind sie ja trotzdem da. Durch das Duzen gehen wir davon aus, dass wir gleichberechtigt miteinander kommunizieren können. 

Das ist ein wichtiges Zeichen. Dadurch, dass sich unsere kulturellen Arbeitszusammenhänge hin zu einer gegenseitigen Wertschätzung und Lösung von Problemen ändern, setzt sich das auch in der Arbeitswelt immer häufiger durch. Ich duze zum Beispiel auch meine Studierenden – und sie mich.

Nicht alle mögen dieses übergestülpte, übergriffige Du. Müssen sie sich daran gewöhnen?

Ich würde immer für flexible Lösungen werben. Wer nicht geduzt werden möchte, soll nicht geduzt werden. Das macht es aber in einer Gruppe von mehreren Leuten nicht einfacher, wenn neun geduzt und einer gesiezt werden möchte. Man könnte sich auf eine Mischung einigen: Wir siezen und sprechen uns beim Vornamen an. Diese Verabredung muss man treffen. 

Ich würde dazu raten, es offen anzusprechen und ein Du anzubieten, das nicht angenommen werden muss. Das sollte man auch dazu sagen, dass man nicht erwartet, dass das Gegenüber das Du freudestrahlend annimmt, nur weil man selbst in einer hierarchisch höhergestellten Position ist. Meine Sekretärin und ich siezen uns zum Beispiel, weil sie das gern möchte.

Ist es noch so, dass der Ranghöhere oder Ältere das Du anbietet oder löst sich diese Etikette auch auf?

Nein, das bleibt stabil. Das Du wird immer noch angeboten. Eine weitere Kategorie, die immer mehr in den Vordergrund rückt, ist die des Geschlechts. Manche tun sich schwer damit, Kolleginnen das Du anzubieten, weil es als Zeichen mangelnden Respekts oder der Herabwürdigung der Leistung ausgelegt werden könnte.

Ein „Sie“ vermittelt Distanz, auch Respekt zur angesprochenen Person. Geht diese Wirkung nicht verloren, wenn sich alle zu jeder Zeit duzen?

Sobald man vom Sie auf das Du wechselt, verliert man die Möglichkeit zur Distanznahme und Distanzsetzung durch die Anrede automatisch. Aber man hat andere Möglichkeiten, die Position deutlich zu machen. Denn derjenige, der in der übergeordneten Position ist, muss weiterhin Entscheidungen treffen, was mit dem Du eher schwerer wird.

Wenn das Du nichts Besonderes mehr ist, weil wir alle duzen, wie drücken wir dann Nähe, Freundschaft, Liebe aus?

Wenn sich die Tendenzen in der Alltagskultur weiter verstärken, wird es möglicherweise irgendwann soweit sein, dass wir über die Pluralform ein akzeptiertes Duzen haben. Also „Wie geht es euch?“. Es ist durchaus möglich, dass wir langsam zu einer Duz-Kultur wechseln, beginnend mit Vornamen und Sie. 

Aber ein neues Anredepronomen wird es in Deutschland nicht geben, dafür sind die Deutschen zu sprachkonservativ. Es wird eher so sein, dass sich für den privaten Zusammenhang Zusätze etablieren, die die Intimität sicherstellen. Also: „Du, meine Liebe, Du, mein Lieber“, die klarmachen, dass wir hier auf freundschaftlicher oder familiärer Ebene miteinander reden.

Seit wann und warum gibt es im deutschen Sprachgebrauch diese Unterscheidung zwischen Du und Sie?

Schon sehr lang. Diese Differenzierung hat etwas damit zu tun, Hierarchien sichtbar zu machen. Wenn etwa im 17. oder 18. Jahrhundert Hochadelige angesprochen wurden, wurden Titel und Position als Zeichen der Wertschätzung und der Markierung der herausgehobenen Position genannt. 

Im 19. Jahrhundert wurde die Diskussion um das Du und Sie in der bürgerlichen Gesellschaft sichtbar, als sich ein anderes Familienideal durchsetzte. Da durfte man auf einmal seinen Vater duzen, während man ihn vorher gesiezt hat. Mit dem Ideal der romantischen Liebe sind Liebesbeziehungen zwischen Mann und Frau oder Eltern und Kindern sichtbarer in den Vordergrund gestellt – nach innen wurde geduzt, während man nach außen siezte.

Wie schreibt man jetzt eigentlich Du und Sie in der direkten Anrede? Groß oder klein?

In der letzten Novellierung ist die Großschreibung der Pronomina bei direkter Anrede gekippt worden. Das heißt, man kann es groß oder klein schreiben – wie man will. Aber es muss einheitlich sein. Aus Höflichkeit schreibe ich es immer noch groß. Das werde ich auch nicht aufgeben.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.

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