merken
PLUS Görlitz

Kreis Görlitz: Hochburgen und Kellerbezirke der Parteien

Die AfD hat die Bundestagswahl an der Neiße gewonnen. Doch mehr Stimmen als vor vier Jahren erhielt sie nicht. Die Zahlen aus den Kommunen erzählen noch mehr.

Mancher hatte schon vor der Wahl sein Urteil gefällt.
Mancher hatte schon vor der Wahl sein Urteil gefällt. © Matthias Weber/photoweber.de

Schock und Freude lagen bei der Wahl am Sonntag nicht nur auf Bundesebene, sondern auch im Landkreis Görlitz dicht beieinander. Doch die Gefühlsregungen waren bei den Parteien und ihren Kandidaten zwischen Weißwasser, Görlitz, Zittau und Löbau anders verteilt als in Berlin.

Küchenzentrum Dresden
Küchen-Profis aus Leidenschaft
Küchen-Profis aus Leidenschaft

Das Team des Küchenzentrums Dresden vereint Kompetenz, Erfahrung und Dienstleistung – und punktet mit besonderen Highlights.

Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis hat die AfD den Landkreis weiter fest in der Hand. Das trifft sowohl auf die Erststimmen – also für den Direktkandidaten – als auch auf die Zweitstimmen zu. Wobei es gegenüber der Bundestagswahl 2017 doch Veränderungen gibt. Vor vier Jahren räumte Tino Chrupalla den späteren sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) mit 32,4 gegenüber 31,4 Prozent nur hauchdünn aus dem Weg. Jetzt lag er mit 35,8 Prozent an der Spitze, Florian Oest (CDU) konnte nur 26,1 Prozent der Stimmen erzielen. In absoluten Zahlen ausgedrückt: Mit 53.971 Wählerstimmen sammelte der Gablenzer Malermeister aktuell 4.137 mehr als bei seiner ersten Kandidatur.

Zweitstimmenergebnis der AfD geht zurück

Allerdings profitierte die Partei des Bundesvorsitzenden im Landkreis offenbar nur bedingt von dessen Bekanntheit: Bei den Zweitstimmen vereinte die AfD mit 32,5 Prozent sogar etwas weniger auf sich als noch vor vier Jahren. Damals lag der Zweitstimmenanteil der Rechtspopulisten im Landkreis Görlitz bei 32,9 Prozent. Das bedeutet einen Rückgang von 50.551 auf 49.124 Kreuzen auf den Stimmzetteln der Wähler.

AfD-Chef Tino Chrupalla bei einer Wahlveranstaltung auf dem Marienplatz in Görlitz.
AfD-Chef Tino Chrupalla bei einer Wahlveranstaltung auf dem Marienplatz in Görlitz. © Martin Schneider

Die CDU ließ gegenüber dem schon schlechten Ergebnis von 2017 noch einmal deutlich Federn. Hatten den Christdemokraten damals noch 26,7 Prozent der Wahlberechtigten im Landkreis ihre Stimme gegeben, waren es jetzt nur 18,3 Prozent. Statt 41.000 zeigten sich lediglich noch 27.633 von der CDU überzeugt. Damit liegt die Partei nur knapp vor der SPD, die ihr Ergebnis um 7,6 auf 16,9 Prozent steigern konnte.

Nur in drei Gemeinden ist der CDU-Kandidat vorn

Licht und Schatten gab es bei den kleineren Parteien. Wie im Bund stemmt sich auch im Landkreis Görlitz die Linke gegen die Bedeutungslosigkeit. Immerhin gaben nur noch etwa halb so viele Menschen ihre Zweitstimme der Partei. Deren Anteil reduzierte sich von 14 im Jahre 2017 auf aktuell 7,5 Prozent. Dagegen jubeln FDP und Grüne - allerdings auf niedrigem Niveau. Während sich die Freien Demokraten um drei Punkte auf 10,0 Prozent steigerten, fiel das Plus der Grünen mit zwei auf jetzt 4,9 Prozent recht überschaubar aus. Ein Überraschungsergebnis legte dieBasis hin: Aus dem Stand überzeugte die corona-kritische Partei 2.582 Wahlberechtigte - das sind immerhin 1,7 Prozent. Kandidat Stefan Heinke, ein gebürtiger Löbauer, konnte sogar 4.116 (2,7 Prozent) auf sich vereinen.

Nur in drei Gemeinden hatte AfD-Bewerber Chrupalla nicht die Nase vorn: Mit Olbersdorf, Oybin und Ostritz gibt es eine "O-Connection". In diesen Orten behauptete sich die CDU. Hier sprachen sich die Menschen - wenn auch nur knapp - für Florian Oest als geeignetsten Vertreter des Kreises für den Deutschen Bundestag aus. Vor vier Jahren gab es auf der Landkarte noch ein ganz anderes Bild: Damals lag Michael Kretschmer auch in Boxberg, Rothenburg, Niesky, Kodersdorf, Waldhufen, Vierkirchen, Reichenbach, Görlitz, Bernstadt, Herrnhut, Oderwitz, Leutersdorf, Mittelherwigsdorf und Jonsdorf vor seinem Konkurrenten.

Direktkandidaten profitieren kaum vom Heimvorteil

Interessant ist ein Blick auf die Heimatorte der Direktkandidaten. Allerdings konnte nur einer den Heimvorteil entscheidend nutzen. In Gablenz räumte Tino Chrupalla 51,7 Prozent der Erststimmen ab - sein Bestwert im Kreis vor Neißeaue mit 51,3 Prozent - und bekam damit mehr als doppelt so viele wie Herausforderer Florian Oest (23,4 Prozent). Der wiederum zog in seiner Heimatstadt Görlitz mit 28,2 zu 33,0 Prozent gegenüber Chrupalla den Kürzeren. In Niesky lag Lokalmatador Harald Prause-Kosubek von der SPD mit 18,6 Prozent auf Platz drei hinter den Kandidaten der AfD (35,1) und CDU (23,9). Auch Annett Jagiela (Grüne) hatte in der Neißestadt trotz eines "Heimspiels" auf Platz fünf mit 6,8 Prozent noch hinter der Linken (8,0) nicht viel zu bestellen. Genauso erging es in Zittau Hans Grüner von der FDP. Mit 10,5 Prozent landete er in seiner Heimatstadt auf Rang vier hinter AfD (31,2), CDU (23,8) und SPD (13,7).

Natürlich gibt es auch Hochburgen der einzelnen Parteien im Kreis. Die AfD ist vor allem im Norden, der Heimat von Bundeschef Chrupalla, besonders stark. Aber auch im Oberland gibt es Gemeinden, in denen die Rechtspopulisten mehr als anderswo punkten konnten. Den Spitzenwert erreichten sie in Neißeaue mit 47,4 Prozent. Das ist noch einmal mehr als vor vier Jahren. Damals votierten in dem Ort am Grenzfluss zu Polen 44,2 Prozent der Wahlberechtigten für die AfD. In Schönbach kassierte die Partei mit 45,2 Prozent die zweitmeisten Zweitstimmen im Kreis. 2017 waren es dort 46,9 Prozent.

AfD im Norden und im Oberland besonders stark

Den niedrigsten Wert erzielt die Alternative für Deutschland in Olbersdorf mit 23,1 Prozent. Aber auch in Ostritz (27,8) und Oybin (29,4) waren der Partei vergleichsweise wenige Wähler zugetan. Zur Erinnerung: Dies waren die drei Gemeinden, in denen Florian Oest für die CDU die meisten Erststimmen errang. Auch in anderen Orten des Kreissüdens wie Zittau (28,9), Jonsdorf (29,9), Görlitz (29,6) und Oderwitz (30,1) verzeichnet die AfD ihre schlechtesten Ergebnisse. Das Niveau ist mit dem von 2017 vergleichbar, wenngleich es damals in Rothenburg mit 26,3 Prozent den geringsten Zustimmungswert gab.

Auf breiter Front geschrumpft sind die Ergebnisse der CDU im Vergleich zur letzten Bundestagswahl. Damals gab es beim Zweitstimmenergebnis in Ostritz (33,9), Boxberg (32,2) sowie Rosenbach und Herrnhut (je 31,5) die Spitzenwerte. Bei der Wahl am vergangenen Sonntag lag die Zustimmung deutlich darunter. Am besten schnitten die Christdemokraten noch in Ostritz (24,5), Oybin (21,8) und Hohendubrau (21,7) ab. Auch am unteren Ende der Skala büßte die Partei weiteren Boden ein. Die wenigsten Zweitstimmen wurden für die CDU in Neißeaue (14,7), Schönbach (14,9), Beiersdorf (15,5) und Krauschwitz (15,7) gezählt.

Thomas Jurk-Effekt hilft den Sozialdemokraten

Die SPD erreichte ihre Bestwerte überwiegend im Norden des Landkreises. In Weißwasser machten 21,3 Prozent der Wahlberechtigten bei den Sozialdemokraten ihr Kreuz. Auch in Bad Muskau (21,1), dem Heimatort des scheidenden SPD-Abgeordneten Thomas Jurk, Weißkeißel (19,2), Krauschwitz (17,4), ebenso in Zittau (18,2) lag die Zustimmung recht hoch. Die FDP erzielte ihr bestes Zweitstimmenergebnis mit 15,1 Prozent in Königshain - und lag damit auf Platz drei hinter AfD und CDU.

Mit dem Abschneiden vom vergangenen Sonntag hat die AfD im Landkreis die dritte bundes- oder europaweite Wahl im Kreis gewonnen. Lag die Partei bei der Europawahl 2014 mit 11,8 Prozent der Stimmen hinter CDU (38,1), Linke (16,9) und SPD (12,2) noch auf Rang vier, ging es seitdem steil bergauf. Bei den Bundestagswahlen 2017 verbuchte die AfD im Landkreis Görlitz mit 32,9 Prozent der Zweitstimmen den Spitzenplatz und verwies CDU (26,7), Linke (14,0) und SPD (9,3) auf die Ränge. Ähnliches Szenario bei der Europawahl 2019. Hier lag der AfD-Prozentsatz bei 32,4, es folgten CDU (24,9), Linke (10,1) und SPD (6,6).

Mehr zum Thema Görlitz