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Was Dresdner Ingenieure zur Wasserstoffwende beitragen

Industrie-Anlagen wie die von Linde stoßen üblicherweise Kohlendioxid aus. In Leuna aber speichern sie bald Ökostrom.

Buntes Modell auf dem Bildschirm: Die größte Wasserstoff-Elektrolyse der Welt entsteht derzeit in Leuna – dank Dresdner Linde-Ingenieuren unter Leitung von Geschäftsführer Dennis Schulz (rechts) und Vertriebsmanager Holger Kittelmann.
Buntes Modell auf dem Bildschirm: Die größte Wasserstoff-Elektrolyse der Welt entsteht derzeit in Leuna – dank Dresdner Linde-Ingenieuren unter Leitung von Geschäftsführer Dennis Schulz (rechts) und Vertriebsmanager Holger Kittelmann. © Jürgen Lösel

Dresden. Man nehme: ein Baufeld von der Größe eines Fußballplatzes, zwölf Container voll mit Plattenmembranen, lange Rohre und viel Wasser und Energie. Mitte nächsten Jahres soll diese Anlage in der Nähe der Raffinerie in Leuna Wasserstoff aus Ökostrom herstellen.

Die größte Wasserstoff-Elektrolyse der Welt zu konstruieren, das haben sich die Ingenieure von Linde Engineering in Dresden vorgenommen. Der Zeitplan dafür sei „sportlich“, sagt Geschäftsführer Dennis Schulz. Doch die Dresdner Planungsmannschaften seien „mittelständisch, schlank und agil“ organisiert, auch wenn sie zum Gas-Großkonzern Linde gehören.

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Linde ist nach eigenen Angaben die Nummer 1 in Wasserstoff. Auch im mitteldeutschen Chemiedreieck um Leuna in Sachsen-Anhalt produziert der Konzern bereits das leichte Gas. Kunden sind vor allem die Total-Raffinerie und die benachbarten Chemieunternehmen Dow und Domo. Mehr als 160 Kilometer Pipelinerohre leiten dort Gase zu den Industrieanlagen.

Produktion soll kein Kohlendioxid mehr ausstoßen

Doch die übliche Wasserstoffproduktion per Dampfreformierung nutzt als Ausgangsstoff Methan und setzt Treibhausgase frei. Diese Technologie galt bisher als die effizienteste, sagt Andreas Rupieper, Geschäftsführer des Tochterunternehmens ITM Linde Electrolysis GmbH. Der Nachteil der traditionellen Technologie: Pro Tonne Wasserstoff entstehen auch zehn Tonnen Kohlendioxid.

Für dieses Gas hat Linde zwar auch Kunden, etwa in der Lebensmittelindustrie. Doch als Treibhausgas ist Kohlendioxid ein Klimakiller. Viele Linde-Kunden brauchen künftig „grünen Wasserstoff“, der ohne Kohlendioxid-Ausstoß produziert wird. Wasser lässt sich mit viel Energie in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegen.

Für die Wasserstoff-Produktion per Elektrolyse aus Wasser hat sich Linde mit dem englischen Unternehmen ITM zusammengetan und ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet. Als Geschäftsführer dieser neuen Firma in Dresden ist Rupieper derzeit für zehn der 360 Dresdner Linde-Beschäftigten zuständig, noch einmal zehn sollen in diesem Jahr dazukommen. ITM bringt Erfahrung mit Protonen-Austausch-Membranen mit, die Lindes bisherige Technologie ergänzen.

Innovationskraft soll Wasserstoff billiger machen

Noch ist die Elektrolyse teurer und technisch nicht ausgereizt. Doch anders als vor drei oder vier Jahren sind Industriekunden zunehmend bereit, für den umweltfreundlicher erzeugten Wasserstoff zu bezahlen, sagt Holger Kittelmann, der als Vertriebsprojektleiter für die Pläne in Leuna zuständig ist. Schulz sagt, mit Überschuss-Energie lasse sich Wasserstoff sehr günstig produzieren. Die Herstellung werde künftig dezentraler.

Abnehmer des Gases wird außer der Industrie zunehmend der Verkehr sein: Elektrisch angetriebene Züge und Busse lassen sich mit Wasserstofftanks ausstatten. Für Autos könnte das Tankstellennetz entlang der Autobahnen ausgebaut werden – denn außer Akkus kommt auch Wasserstoff als Stromspeicher für Autos infrage.

Schulz freut sich, dass viele Autokonzerne an der Brennstoffzelle forschen, die mit Wasserstoff Strom fließen lässt. Die Innovationskraft sei enorm, „das bringt auch einen Preissprung nach unten“. Deutschland habe die Chance, sich als Taktgeber in der Infrastruktur zu etablieren.

Pipelines speichern den umgewandelten Strom

Die neue Anlage wird die Wasserstoff-Produktion in Leuna von bisher 70.000 Kubikmeter um 4.600 Kubikmeter pro Stunde erhöhen. Dahinter steckt eine elektrische Leistung von 24 Megawatt, in zwölf Containern zu je zwei Megawatt. Laut Schulz wird in der Branche bereits über Projekte „jenseits 100 Megawatt“ gesprochen. In Leuna baut Linde auch eine neue Anlage zur Verflüssigung des Wasserstoffgases – wichtig für den Transport in Tankwagen.

Für Andreas Rupieper ist die Elektrolyse ein wichtiger Baustein der Energiewende. Wasserstoff trage zur Stabilisierung der Stromnetze bei. Bei gutem Wind und viel Sonne sinkt der Strompreis, die Energie kann zur Wasserstoff-Produktion verwendet werden. Wenn die Sonne sinkt und eine Flaute kommt, lässt sich das Gas wieder in Strom umwandeln, wenn auch mit Energieverlust.

Zur Aufbewahrung des Wasserstoffgases können vorhandene Rohrleitungen des dichten Erdgasnetzes dienen – und Kavernen, unterirdische Höhlen etwa aus dem Salzbergbau. Linde erwägt eine Pipeline-Verbindung zur Kaverne in Bad Lauchstädt, die dem Gasversorger VNG Verbundnetz Gas AG aus Leipzig gehört. Im Projekt Hypos arbeiten die Unternehmen zusammen. In Bad Lauchstädt soll erprobt werden, mit Windkraft-Anlagen Wasserstoff herzustellen und unterirdisch zu speichern.

Verfahrenstechniker in Dresden gesucht

Zum Preis der Anlage in Leuna macht Schulz keine Angaben, zumal sie für die Gas-Sparte des gleichen Konzerns gebaut wird. Doch der Dresdner Geschäftsführer macht deutlich, dass sein Betrieb auch offen für kleinere Aufträge ist.

Gerade wird ein Großprojekt in Texas fertig: eine Anlage für den Kunststofffabrikanten Braskem, die Polypropylen in Form von Granulat erzeugt. Die Abnehmer machen daraus Behälter, Folien oder Spielzeug. Die Anlage hat nach früheren Angaben rund 590 Millionen Euro gekostet. Der Bau verzögerte sich, weil auch die amerikanischen Montagefirmen unter Corona-Bedingungen zu leiden hatten. Linde als Planer in Dresden beschäftigt selbst keine Monteure.

Wegen Corona sind laut Schulz rund 70 Prozent der 360 Dresdner Beschäftigten im Homeoffice. Etwas Kurzarbeit habe er auch beantragt, aber Linde stocke das Kurzarbeitergeld auf 90 Prozent des üblichen Gehalts auf und stelle auch noch Fachleute ein – für Verfahrenstechnik und Vertrieb.

Große Konkurrenten: Siemens und Thyssen-Krupp

Die vor einigen Jahren diskutierten Schließungspläne sind laut Schulz vom Tisch. Eine Linde-Standortgarantie läuft zwar dieses Jahr aus, doch nach Angaben des Geschäftsführers ist der Dresdner Betrieb „in Wachstumstechnologien“ aktiv.

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Die Linde-Ingenieure bieten Projekte auch in Indien und Südostasien an. Russland sei ein wichtiger Markt, auch in Arabien stehen Anlagen, die in Dresden geplant wurden. Große Konkurrenten im Anlagenbau sind Siemens und Thyssen-Krupp. Sunfire aus Dresden erprobt die Hochtemperatur-Elektrolyse, etwa für Stahlwerke, und will flüssige Treibstoffe herstellen.

Viele Kunden haben laut Schulz voriges Jahr wegen Corona Entscheidungen über Großprojekte verschoben, doch kleinere Projekte vor allem mit öffentlicher Förderung liefen weiter. „Irgendwann wird der Knoten platzen“, sagt Schulz.

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