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Anschlag in Wien: FBI gab Hinweise

Vier Passanten sterben bei dem Anschlag in Wien, darunter eine Deutsche. Die Polizei erschießt den Angreifer. Der IS reklamiert die Tat für sich. Was bisher bekannt ist.

Sebastian Kurz, Bundeskanzler von Österreich, nahm mit weiteren hochrangigen Regierungsmitgliedern an einer Kranzniederlegung am Tatort nach dem Terroranschlag teil.
Sebastian Kurz, Bundeskanzler von Österreich, nahm mit weiteren hochrangigen Regierungsmitgliedern an einer Kranzniederlegung am Tatort nach dem Terroranschlag teil. © Arno Melicharek/BKA/APA/dpa

Anschlag in Wien: das Wichtigste in Kürze

  • Gegen 20 Uhr Montagabend eröffnet ein mutmaßlicher Islamist in einem Ausgehviertel das Feuer auf Zivilisten
  • Mindestens vier Menschen werden getötet, die Polizei erschießt zudem den Angreifer, der die Tat allein durchführte
  • Laut Außenministerium in Berlin ist unter den Todesopfern eine deutsche Staatsangehörige
  • Bei dem Täter handelt es sich um einen 20 Jahre alten Mann, der wegen Mitgliedschaft in einer terroristischer Vereinigung vorbestraft war
  • Österreichs Kanzler Kurz spricht von "widerwärtigem Terroranschlag“
  • Die  IS-Terrormiliz reklamiert den Anschlag für sich

Wien/Berlin. Mittlerweile ist klar, dass der Attentäter von Wien allein gehandelt hat. Das gab Österreichs Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Wien bekannt. Die Einzeltätertheorie habe sich bei der Durchsicht von mehr als 20.000 Videos von Augenzeugen und Überwachungskameras von dem Abend bestätigt. „Was gleichzeitig sichtbar wurde, ist, mit welcher Brutalität und Grausamkeit der Täter vorgegangen ist.“ Der Terrorist hatte wahllos auf Menschen in der Wiener Innenstadt geschossen.

Bei dem Attentäter handelt es sich um den 20 Jahre alten Kujtim Fejzulai. Österreichs Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) teilte am Dienstag mit, dass der Attentäter im April 2019 wegen der Mitgliederschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten Haft verurteilt worden war. Er habe zuvor versucht, nach Syrien auszureisen, um sich dort dem IS anzuschließen.

Der Mann mit österreichischen und nordmazedonischen Pass sei am 5. Dezember 2019 "vorzeitig bedingt entlassen" worden, hieß es. Demnach galt er als junger Erwachsener und fiel damit unter die Privilegien des Jugendgerichtsgesetzes. 

Der junge Mann ist seinem Betreuer im Deradikalisierungsprogramm Derad vor der Tat wegen seiner extremen Gläubigkeit aufgefallen. Das sagte Derad-Mitbegründer Moussa Al-Hassan Diaw der Deutschen Presse-Agentur in Wien. Hinweise auf eine bevorstehende Bluttat habe es dabei allerdings nicht gegeben. Ein Bericht über die Einschätzung sei wie üblich an die Justizbehörden übermittelt worden. Als deradikalisiert habe er, anders als vom Innenministerium zuvor betont, aver nie gegolten. Die Vorgeschichte des Attentäters lesen Sie hier.

Unterdessen bekannte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu dem Anschlag. Ein "Soldat des Kalifats" habe die Attacke mit Schusswaffen und einem Messer verübt und in der österreichischen Hauptstadt rund 30 Menschen getötet oder verletzt, darunter auch Polizisten, teilte der IS am Dienstag auf seiner Plattform Naschir News mit. 

Deutsche Studentin unter den Opfern

Bei dem Anschlag ist auch eine Deutsche getötet worden. "Wir haben jetzt die traurige Gewissheit, dass auch eine deutsche Staatsangehörige unter den Opfern des Angriffs in Wien ist", teilte Außenminister Heiko Maas am Dienstagabend in Berlin mit. Er sprach den Angehörigen und Freunden sein Beileid aus. "Mit den Menschen in Wien und ganz Österreich verbindet uns die Trauer um die Opfer, aber auch die Entschlossenheit, Fanatismus und Terror mit aller Kraft entgegenzutreten", sagte Maas.

Bei seiner Bluttat am Montagabend eröffnete der Attentäter Kujtim Fejzulai wahllos das Feuer auf Zivilisten. Der Mann sei mit einem Sturmgewehr, einer Faustfeuerwaffe und Machete bewaffnet gewesen und habe außerdem eine Sprengstoffgürtel-Attrappe getragen. Er tötete vier Menschen, bevor er von der Polizei erschossen wurde. Bei der getöteten Deutschen handelt es sich um eine 24-jährige Studentin. Auch ein 39-Jähriger und eine 44 Jahre alte Frau jeweils aus Österreich wurden erschossen, wie die Polizei der österreichischen Nachrichtenagentur APA sagte. Viertes Todesopfer ist ein 21-jähriger Mazedonier. Ein Polizist, der sich dem Täter entgegengestellt hat, ist niedergeschossen und verletzt worden.

Die Behörden präsentierten  am Donnerstag Details zum Ablauf des Einsatzes. Demnach wurde nach dem Notruf um 20:00 Uhr der Täter bereits drei Minuten später von einem Streifenpolizisten unter Feuer genommen. Nach der Tötung des 20-Jährigen um 20:09 Uhr durch Spezialkräfte habe erst ein Roboter die Leiche des Mannes untersucht, weil er einen Sprengstoffgürtel zu tragen schien, sagte der Chef der obersten Polizeibehörde, Franz Ruf.

Inzwischen hat sich die Zahl der Verletzten erhöht. Es seien insgesamt 22 Menschen teils schwer verletzt worden, teilte Nehammer mit. 

Großeinsatz mit mehr als 1.000 Polizisten

Die Wohnung des Verdächtigen sei auf der Suche nach belastendem Material durchsucht worden, hieß es. 1.000 Beamte waren im Einsatz.

Die Ermittlungen nach dem Terroranschlag in führen auch ins Ausland. Neben den bereits erfolgten beiden Festnahmen in der Schweiz liefen noch weitere Maßnahmen in einem anderen Land, sagte Innenminister Karl Nehammer am Donnerstag in Wien, ohne Einzelheiten zu nennen. Die Behörden hätten unter anderem vom FBI wertvolle Hinweise erhalten. Unter den bisher 15 Festgenommenen seien mehrere einschlägig vorbestrafte Verdächtige, sagte Nehammer.

Medienberichte, dass gegen den Täter und den Kreis der Festgenommenen eine Razzia geplant gewesen sein soll, dementierten die Behörden.

Die Bevölkerung ist weiterhin aufgerufen, mögliche Videoaufnahmen, die den Ermittlungen dienen könnten, der Polizei zur Verfügung zu stellen. Das Innenministerium hat dazu eine Seite zum Hochladen bereitgestellt. Gleichzeitig wird eindringlich darum gebeten, "keine Videos und Fotos in sozialen Medien [öffentlich zu] posten", heißt es in einem Tweet der Polizei. Dies gefährde sowohl Einsatzkräfte als auch Zivilbevölkerung!"

Das gesamte Zentrum der österreichischen Hauptstadt war weiträumig abgesperrt. Soldaten wurden zum Objektschutz beordert. Innenminister Nehammer appellierte an die Wiener: "Meiden sie die Innenstadt." Dort herrschte zeitweise ohnehin Stillstand: öffentliche Verkehrsmittel fuhren nicht, zahlreiche Straßen der Zwei-Millionen-Metropole waren gesperrt.

Die Polizei geht von mehreren verschiedenen Tatorten aus, die Ermittlungen gestalten sich entsprechend weiträumig. Der Terrorangriff ereignete sich wenige Stunden vor Beginn des teilweisen Lockdowns in Österreich. Seit Mitternacht sind alle Gaststätten im Kampf gegen die Corona-Pandemie geschlossen. Die ersten Schüsse fielen am Montagabend gegen 20 Uhr nahe der Hauptsynagoge in einem Ausgehviertel Wiens in der Seitenstettengasse.

Nach Augenzeugenberichten feuerte der Täter wahllos in die Lokale. Ein Mann brach tödlich getroffen auf einem Bürgersteig zusammen. Viele Passanten rannten in Panik davon. Einige erhoben die Hände, um der Polizei zu zeigen, dass sie nicht bewaffnet sind. Videos in Sozialen Medien zeigen auch, wie zwei Zivilisten zunächst einer älteren Frau und anschließend einem verwundeten Polizisten helfen.

Einsatzkräfte der Polizei stehen am Schwedenplatz. In der Wiener Innenstadt sind am Montagabend Schüsse gefallen. 
Einsatzkräfte der Polizei stehen am Schwedenplatz. In der Wiener Innenstadt sind am Montagabend Schüsse gefallen.  © Georg Hochmuth/APA/dpa
Schwer bewaffnete Polizisten rücken in die österreichische Hauptstadt an.
Schwer bewaffnete Polizisten rücken in die österreichische Hauptstadt an. © Georg Hochmuth/APA/dpa
Hunderte Polizisten sind in der Wiener Innenstadt im Einsatz. 
Hunderte Polizisten sind in der Wiener Innenstadt im Einsatz.  © Georg Hochmuth/APA/dpa
Schwerbewaffnete Polizisten sind in der Wiener Innenstadt im Einsatz. Bei den Schüssen in Wien handelt es sich nach den Worten von Österreichs Innenminister augenscheinlich um einen Terroranschlag.
Schwerbewaffnete Polizisten sind in der Wiener Innenstadt im Einsatz. Bei den Schüssen in Wien handelt es sich nach den Worten von Österreichs Innenminister augenscheinlich um einen Terroranschlag. © Georg Hochmuth/APA/dpa
Schwerbewaffnete Polizisten kontrollieren in der Wiener Innenstadt an einem Auto eine Person.
Schwerbewaffnete Polizisten kontrollieren in der Wiener Innenstadt an einem Auto eine Person. © Georg Hochmuth/APA/dpa
Knapp 50 Rettungswagen und mehr als 15 Notärzte sind im Einsatz, um Verletzte zu behandeln.
Knapp 50 Rettungswagen und mehr als 15 Notärzte sind im Einsatz, um Verletzte zu behandeln. © Ronald Zak/AP/dpa

Kanzler Kurz: "Widerwärtiger Terroranschlag"

Die Regierung hat angesichts des Anschlags in der Wiener Innenstadt per Videokonferenz einen Sonderministerrat abgehalten. Anschließend wandte sich Kanzler Kurz mit einer Rede an die Bevölkerung.

"Es muss uns stets bewusst sein, dass dies keine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten ist", sagte Kurz. Es sei vielmehr ein Kampf zwischen den vielen Menschen, die an den Frieden glaubten, und jenen wenigen, die sich den Krieg wünschten. Religion und Herkunft dürften nie Hass begründen. "Wir werden die Opfer des gestrigen Abends niemals vergessen und gemeinsam unsere Grundwerte verteidigen", so Kurz weiter.

Österreich ehrt die Opfer des Terrorakts vom Montagabend mit einer dreitägigen Staatstrauer. Am Dienstagmittag fand eine gemeinsame Kranzniederlegung von Kurz, Vizekanzler Werner Kogler (Grüne), dem Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) sowie die Fraktionschefs der Parlamentsparteien im Bundeskanzleramt statt.

In einer ersten öffentlichen Reaktion auf Twitter verurteilte Kurz bereits am Montagabend den Angriff als "widerwärtigen Terroranschlag". Inneminister Nehammer sagte: "Wer einen von uns angreift, greift uns alle an".

Weltweit bestürzte Reaktionen

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat Österreich noch am Montagabend sein Mitgefühl ausgesprochen. Macron habe Österreichs Kanzler Sebastian Kurz volle Solidarität und Unterstützung Frankreichs zugesagt und Hilfe angeboten, falls diese notwendig sei, hieß es aus Kreisen des Präsidentenpalasts in Paris.

In Frankreich hatte es in den letzten Wochen drei Anschläge gegeben, die Ermittler gehen jeweils von einem islamistischen Hintergrund aus. Zuletzt hatte ein Mann in einer Kirche in Nizza mehrere Menschen brutal mit einem Messer angegriffen - drei Menschen starben.

Die Franzosen teilten den Schock und die Trauer der Österreicher, schrieb Macron außerdem auf Deutsch und Französisch auf Twitter. "Nach Frankreich ist es ein befreundetes Land, das angegriffen wird. Dies ist unser Europa", so Macron weiter. "Unsere Feinde müssen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Wir werden nichts nachgeben."

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) drückte in einer Stellungnahme Österreich Solidarität und Anteilnahme aus. "Der islamistische Terror ist unser gemeinsamer Feind. Der Kampf gegen diese Mörder und ihre Anstifter ist unser gemeinsamer Kampf", hieß es in einem Tweet von Regierungssprecher Steffen Seibert. Bundesaußenminister Heiko Maas schrieb auf Twitter: "Wir dürfen nicht dem Hass weichen, der unsere Gesellschaften spalten soll." Die Gedanken seien bei den Verletzten und Opfern.

US-Präsident Donald Trump und sein demokratischer Herausforderer Joe Biden haben den Terrorangriff ebenfalls verurteilt. "Nach einem weiteren abscheulichen Terrorakt in Europa sind unsere Gebete bei den Menschen in Wien", schrieb Trump auf Twitter. Diese bösartigen Angriffe auf unschuldige Menschen müssten aufhören, fügte er hinzu. Die USA stünden an der Seite Österreichs, Frankreichs und ganz Europas im Kampf gegen Terroristen, einschließlich radikal-islamische Terroristen. Biden twitterte, er und seine Frau Jill beteten nach dem schrecklichen Terrorangriff in Wien für die Opfer und deren Familien. "Wir müssen alle vereint gegen Hass und Gewalt eintreten", ergänzte er. 

Europol unterstützt österreichische Strafverfolgung

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat nach dem Anschlag von Wien ein unerbittliches Vorgehen gegen den Terrorismus angekündigt. „Wir werden den Terrorismus gemeinsam entschlossen bekämpfen“, teilte von der Leyen am Dienstag nach einem Telefonat mit dem österreichischen Kanzler Sebastian Kurz mit. Die europäische Familie stehe fest an der Seite von Österreich. Sie verurteile den verabscheuungswürdigen Anschlag auf das Schärfste.

Ein Sprecher der EU-Kommission ergänzte, dass eine Ausweitung des europäischen Anti-Terror-Kampfes bereits seit längerem in Planung sei. So sollten bereits im Dezember Vorschläge vorgestellt werden, wie einer Radikalisierung von Menschen im Internet stärker entgegengewirkt werden könnte. Für das zweite Halbjahr 2021 ist zudem die Vorstellung einer neuen EU-Agenda zur Terrorismusbekämpfung angekündigt. Dabei solle es auch um einen besseren Schutz öffentlicher Plätze und Räume gehen, erklärte der Sprecher.

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Vorgeschlagen werde solle zudem eine Überarbeitung des Rahmens für die Zusammenarbeit bei der Strafverfolgung in der EU und eine weitere Stärkung des Mandats der europäischen Strafverfolgungsbehörde Europol. Nach Angaben des Sprechers unterstützt Europol derzeit auch die österreichischen Strafverfolger. Personal sei nach Wien geschickt werden, sagte er.(SZ/dpa)

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