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Weißwasser
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„Mit den Menschen vor Ort reden“

Das ist die Devise von Helmut Krautz. Seit 33 Jahren ist er Bürgermeister der Gemeinde Groß Düben. Jetzt wird er 70.

Von Andreas Kirschke
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Das ist die Devise von Helmut Krautz. Seit 33 Jahren ist er Bürgermeister der Gemeinde Groß Düben. Jetzt wird er 70.
Das ist die Devise von Helmut Krautz. Seit 33 Jahren ist er Bürgermeister der Gemeinde Groß Düben. Jetzt wird er 70. © Andreas Kirschke

Als Gemeindechef von Groß Düben ist Helmut Krautz einer der dienstältesten Bürgermeister im Raum Weißwasser. Seit 1989 im Amt, gehörte er zuvor schon seit 1974 ununterbrochen dem Gemeinderat an. Von 1994 bis 2019 engagierte er sich im Kreistag – zunächst als Parteiloser, später für die SPD. Mehr als 50 Jahre ist er Mitglied der Ortsfeuerwehr. Ende Februar wird der Groß Dübener nun 70 Jahre alt.

Herr Krautz, Sie sind jetzt 33 Jahre Bürgermeister. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag?

Das war tiefste DDR und an die Wende noch gar nicht zu denken. Die Gemeinde hatte ein kleines Büro oben im alten Feuerwehr-Depot. Erika Matschko war damals Sekretärin. Als erste Amtshandlung gratulierte ich Karosseriebaumeister Horst Skrzypczak zu seiner Firmengründung.Was motivierte Sie damals, Bürgermeister zu werden?Das waren ganz praktische Gründe. Seit 1974 brachte ich mich aktiv im Gemeinderat ein. Bürgermeisterin Liane Schutza ging 1989 in den Ruhestand. Sie fragte mich, ob ich Interesse hätte, als Bürgermeister zu arbeiten. Das habe ich dann auch gewollt.

Eine längere berufliche Laufbahn lag da schon hinter Ihnen….

Stimmt. Als gelernter Baufacharbeiter war ich mehrere Jahre im Betrieb Hochbau Cottbus tätig. Wir bauten Objekte wie die Stadthalle Cottbus, Gebäude auf dem Flugplatz Cottbus und die NVA-Schwimmhalle Haide. Später arbeitete ich im Bau- und Montagekombinat „Kohle und Energie“ Cottbus. Wir errichteten Industriebauten wie das Sprelawerk Spremberg oder das Kraftwerk Boxberg. Seit 1972 gehörte ich der LPG „Vereinte Kraft“ in Groß Düben, später der LPG Tierproduktion Halbendorf an. Dort war ich in der Baubrigade. Das war eine lehrreiche, harte und vielseitige Tätigkeit. Wir haben alles gemacht – vom Beton-Estrich bis zum Dach. Wir bauten den Stall in Groß Düben und die Milchviehanlage in Halbendorf. Seit 1984 war ich beim Rat des Kreises im Fachorgan Landwirtschaft tätig, zuerst als Sicherheitsinspektor, dann als Leiter im Sektor Wissenschaft. Ich war verantwortlich für die Einführung moderner Produktionsmethoden in der Landwirtschaft. Auf all diesen Erfahrungen konnte ich später als Bürgermeister aufbauen.

Mit welchen Themen befassten Sie sich in den ersten Jahren als Bürgermeister?

Das war sehr vielfältig. Es ging um Wege- und Straßenbau, um den Kindergarten, die Feuerwehr, die örtliche Verkaufsstelle, ebenso um die ärztliche Versorgung und die Ernte. In den ersten Jahren zahlte das Gemeindeamt den Bürgern sogar ihre Rente aus. 1990 schloss unser Konsum im Ort. Der Insolvenz-Verwalter war in Cottbus. Ich verhandelte mit einem jungen Mann bei uns im Ort. Henry Nitschke führte dann einige Jahre den Einkaufsladen weiter.

Was waren prägende Maßnahmen in Ihrer Amtszeit?

In der Zeit der politischen Wende setzten wir als Gemeinde alles daran, dass die Landwirtschaft weiter bestand. Gemeinsam mit Heinz Zech berief ich Bauernversammlungen ein. Es ging um die neue Rechtsform des Betriebes. Zusammen mit den Beschäftigten fanden wir eine Lösung. Heute führen die Bäuerliche Genossenschaft in Groß Düben und die PROHAV in Halbendorf die Landwirtschaft weiter. Wichtig war mir als Bürgermeister von Anfang an die Kultur. So ergänzten wir unser Eisstadion, das durch viele fleißige Einwohner im Nationalen Aufbauwerk errichtet wurde. Als Zusatz entstand 1997/98 die Soziokulturelle Begegnungsstätte. Heute können Vereine und Familien die Räume nutzen. Wichtig war auch der Neubau des Feuerwehr-Depots. Brandschutz ist ja Pflichtaufgabe der Gemeinde. 2009 wurde das neue Gerätehaus in Groß Düben eingeweiht. Der Platz ist jetzt eine attraktive Dorfmitte. Dort entstanden mit der Radlerhütte überdachte Sitzflächen und ein Backofen sowie außerdem acht Parkflächen.

1999 schlossen sich Groß Düben und Halbendorf zusammen. Eine Liebesheirat oder eine Zweckehe?

Eine Zweckehe. Es ging um die Wahrung der Selbstständigkeit. Keiner wollte nach Schleife eingemeindet werden. Nur mit der Einwohnerzahl von 1.000 konnten wir eigenständig als Kommune weiterbestehen. Also gingen Groß Düben und Halbendorf zusammen.

Wie hat sich das Verhältnis der beiden Ortsteile zueinander entwickelt?

Da gab es manche Kontroverse, manchen Streit, manche harte Auseinandersetzung. Heute meine ich: Wir sind als Gemeinde zusammengewachsen. Einer achtet fair auf den anderen. Halbendorf bleibt Halbendorf, Groß Düben bleibt Groß Düben. Beide bewahren ihre Identität und Eigenständigkeit. In beiden Orten gibt es eine Feuerwehr, einen Jugendklub, einen Kindergarten, ebenso engagierte Vereine.

Was waren Ihre freudigsten Erlebnisse?

Froh bin ich immer, wenn wir Maßnahmen durch den Freistaat oder weitere Geldgeber gefördert bekommen. So war das beim Neubau des Feuerwehr-Depots in Groß Düben. Froh bin ich ebenfalls, dass unser „Bürgermeister-Kanal“, der 1974 durch das Nationale Aufbauwerk entstand, bis heute besteht. Das hilft uns sehr. Der Kanal entwässert die Grundstücke. Er hält die Keller trocken. Das ist bei den komplizierten Bodenverhältnissen in Groß Düben wichtig. Froh bin ich, dass wir die Einwohnerzahl der Gemeinde bei 1.100 weitgehend stabil halten. Seit 2011 zahlt die Gemeinde einen Zuschuss für Bauwillige bis zu 2.500 Euro. Das hilft jungen Familien weiter. Ich freue mich immer, wenn neue Eigenheime entstehen: in Halbendorf zum Beispiel im Bereich Bahnhofstraße und Edelstraße, in Groß Düben zum Beispiel im Bereich Dorfstraße und Horlitza Weg.

Was waren Ihre schwierigsten Entscheidungen?

Jede Entscheidung, die man gegen Menschen trifft, ist schwierig. Zum Beispiel wenn es um Gebühren und Steuern geht. Doch wir müssen uns als Gemeinde an Gesetze und Vorgaben halten. Insgesamt, so meine ich, halten wir die Hebesätze für Grundsteuer A und B und Gewerbesteuer, die Elternbeiträge in den Kitas und die Gebühren für den Friedhof weitgehend stabil und vertretbar. Wir wirtschaften als Gemeinde sparsam und vorausschauend.Welches Problem brennt im Moment am meisten?Der Breitband-Ausbau kommt nur zäh voran. Immer wieder sind Probleme mit der Telekom und mit der Straßenmeisterei zu klären. Noch 2022 soll der Breitband-Ausbau jedoch geschafft sein.

Ist der Strukturwandel eine Chance für die Gemeinde?

Ja. In Abstimmung mit der Verwaltung in Schleife erstellen wir Konzepte. Halbendorf braucht ein neues modernes Gerätehaus für die Feuerwehr. Der Tourismus am Halbendorfer See soll weiterentwickelt werden. Dafür braucht es tragfähige Ideen.

Wie pflegt die Gemeinde Groß Düben die sorbische Sprache?

Dafür setzen wir die Mittel aus dem Sorbischen Kommunalprogramm ein. Finanziert wurden damit unter anderem die Holzskulptur Wassermann mit Sitzbank in Halbendorf und der zweisprachige Aufsteller in Groß Düben. Dankbar bin ich für die engagierte Arbeit der Domowina-Ortsgruppe in Halbendorf. Seit vielen Jahren organisiert sie zum Beispiel den Ostereiermarkt. Unsere Kindergärten in kommunaler Trägerschaft, das „Storchennest“ in Halbendorf und das „Spatzennest“ in Groß Düben, pflegen die Bräuche und Traditionen im Jahreskreis. Die beiden Leiterinnen und drei Erzieherinnen lernen fleißig Sorbisch. Jetzt folgt der Fortsetzungskurs. Gefördert wird dieser Sprachkurs im SKC Schleife vom Landesamt für Schule und Bildung.

Haben Sie selbst sorbische Wurzeln?

Ja. Meine beiden Großmütter gingen täglich in Tracht. Auch meine Eltern sprachen noch fließend Sorbisch. Sie gaben die Sprache zwar an mich weiter, doch ich selbst habe zu wenig aktiv gesprochen. Bedingt durch das viele Deutsch im Berufsalltag. Bedingt durch den Rückgang der Sprache im Ort. Meine Frau stammt aus Döbern, aus deutschem Umfeld. Mein Sohn fragte mich später, warum wir ihn nicht ins Unterrichtsfach Sorbisch geschickt haben. Das stimmte mich nachdenklich. Ich bedaure das aus heutiger Sicht. Immerhin war ich 1973 Mitbegründer des Sorbischen Folkloreensembles Schleife und dann viele Jahre in der dortigen Tanzgruppe mit dabei.

Welches Fazit ziehen Sie nach 33 Jahren als Bürgermeister?

Wichtig ist, nah bei den Menschen zu sein. Damit bin ich gut gefahren. Miteinander reden mit den Menschen vor Ort, das ist meine Devise. Das ist wichtiger als langer bürokratischer Briefverkehr.Sollte ein Bürgermeister auf dem Land heute hauptamtlich oder ehrenamtlich arbeiten?Das hängt von der Größe der Gemeinde ab. Ich selbst war 1989 bis 1994 hauptamtlicher Bürgermeister. Seit 1994 bin ich das im Ehrenamt. Von 1994 bis 2009 war ich hauptberuflich Mitarbeiter der Bauverwaltung in Schleife. Im Kirchspiel sind wir mit der Verwaltung in Schleife gut aufgestellt – mit Bauamt, Ordnungsamt, Hauptamt, Standesamt vor Ort. Der Groß Dübener Bürgermeister könnte meiner Meinung nach auch künftig ehrenamtlich arbeiten.

Am 12. Juni ist Bürgermeisterwahl in Groß Düben. Treten Sie wieder an?

(Er lacht): Das sage ich erst im Laufe des Monats März. Im Moment will ich mich noch nicht dazu äußern.Herzlichen Dank für das Gespräch.

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