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Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz

Bislang Verschwiegenes zur Geschichte im Weinbau ist in einer neuen Ausstellung in der Hoflößnitz in Radebeul zu sehen.

Französische Zwangsarbeiter, bewacht von deutschen Wehrmachtssoldaten, beim Terrassenbau in den Weinbergen - offenbar unterhalb der Radebeuler Friedensburg.
Französische Zwangsarbeiter, bewacht von deutschen Wehrmachtssoldaten, beim Terrassenbau in den Weinbergen - offenbar unterhalb der Radebeuler Friedensburg. © Stadtarchiv Radebeul

Radebeul/Meißen. Wegschauen konnte keiner mehr, als sich der Zug der ausgemergelten Männer durch die Radebeuler Bahnhofstraße schleppte. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die aus den Weinbergen und hiesigen Fabriken - streng bewacht - in ihre Unterkünfte zogen. Immerhin, es habe einige Beschwerden der Bürger gegeben, sodass die Zwangsarbeiter zu Teilen auch mit der Straßenbahn transportiert worden sind, schildert Frank Andert, Leiter des Sächsischen Weinbaumuseums in der Radebeuler Hoflößnitz, aus Erinnerungsberichten.

Frank Andert, Klaus-Dieter Müller, ehemaliger Leiter der Dokumentationsstelle Sächsischer Gedenkstätten und in Sachsen der Experte für die Geschichte der Zwangsarbeiter, und Romy Leithold vom Stadtarchiv Radebeul haben ein ganz heißes Eisen angepackt. Zwangsarbeit in den Weinbergen und Fabriken in Radebeul und Umgebung. Daraus ist eine kleine, aber sehr aussagekräftige Ausstellung in der Hoflößnitz entstanden, die seit diesem Wochenende besichtigt werden kann. Andert: „Es gibt kaum noch Dokumente aus der Zeit. Einige mündliche Überlieferungen sind festgehalten. Die NSDAP-Leute haben viele Papiere zum Kriegsende auf der Festwiese in Kötzschenbroda schnell noch verbrannt.“

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Und dennoch sind die Ausstellungsmacher fündig geworden. Da gibt es den bezeichnenden Satz im Fachblatt des Reichsnährstandes „Obst, Wein und Gartenbau“ vom August 1942: „Durch die von der Wehrmacht zur Verfügung gestellten Kräfte war es auch in diesem Jahr möglich, die Rebenveredlung im Betrieb des Weinbauamtes Hoflößnitz durchzuführen.“ Überliefert ist auch, dass der ehemalige Oberbürgermeister von Radebeul, Heinrich Severit, zuvor Ortsgruppenleiter der NSDAP, nahe der Lutherkirche einen Weinladen hatte und sehr interessiert daran war, dass das städtische Weingut gepflegt und wieder aufgerebt wurde. Die Stadt hatte nämlich mit der Eingemeindung von Oberlößnitz 1934 gehörige Hektar Weinbergterrassen, bis Kriegsende 26 Hektar.

Gemalt von einem belgischen Zwangsarbeiter - jetzt erstmalig öffentlich von Hoflößnitz-Museumsleiter Frank Andert in der Ausstellung Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz gezeigt.
Gemalt von einem belgischen Zwangsarbeiter - jetzt erstmalig öffentlich von Hoflößnitz-Museumsleiter Frank Andert in der Ausstellung Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz gezeigt. © Arvid Müller

Zuerst waren es französische und belgische Kriegsgefangene und auch Zivilisten, die zur Zwangsarbeit in die Weinberge mussten, vor allem im Staatsweingut Lößnitz im Westen der Stadt und auch am Goldenen Wagen. Später sind auch russische Kriegsgefangene eingesetzt worden, die vor allem im Stadtweingut. Aus dieser Zeit gibt es auch noch ein Foto von französischen Soldaten beim Mauerbau in den Weinbergterrassen. OB Severit, ein strammer Nazi, soll allerdings auch eine Gedenktafel für die Leistungen der französischen Kriegsgefangenen anfertigen lassen haben, die aber verschollen ist.

In ganz Sachsen waren etwa 500.000 Zwangsarbeiter zuerst vor allem in der Landwirtschaft und zunehmend auch in Industriebetrieben eingesetzt. Am Beispiel der Chemischen Fabrik von Heyden - zu DDR-Zeiten zum Arzneimittelwerk Dresden gehörig, heute Arevipharma - ist in der Ausstellung dargestellt, wie die verschiedenen Zwangsarbeitergruppen aufgeteilt waren und wie sie behandelt wurden.

In der Schau heißt es, dass auch die ehemaligen Rapido-Werke, der Druckmaschinenhersteller Planeta und auch die Madaus-Werke Zwangsarbeiter hatten. Die Historiker gehen von mehreren Hundert, wenn nicht sogar über 1.000 Zwangsarbeitern in Radebeul aus. Es gab mehrere Lager, etwa für so bezeichnete Ostarbeiterinnen - so an der Gartenstraße in Ost, an der Wasastraße, Ecke Serkowitzer Straße, am Nähmaschinenteilewerk in West. Die Arbeiter in der Landwirtschaft waren zumeist in der Nähe ihrer Arbeit untergebracht. Bewachte Lager für die im Weinbau eingesetzten Gefangenen gab es in den Grundstücken der Hoflößnitz und bei Wackerbarths Ruh an der Mittleren Bergstraße, dem heutigen Staatsweingut.

Der russische Zwangsarbeiter Jewgenij Jelkin auf der Flucht erschossen.
Der russische Zwangsarbeiter Jewgenij Jelkin auf der Flucht erschossen. © Weinbaumuseum Hoflößnitz

Auf der Flucht erschossen

Wie unterschiedlich die Nationalitäten dabei behandelt wurden, lässt sich anhand einer noch aufgefundenen Karteikarte belegen. Während Franzosen und Belgier in der Landwirtschaft immerhin noch einfache Gemüse hatten, kamen russische Zwangsarbeiter im Elbtal schon extrem ausgehungert von Zwangsmärschen und Transporten hier an. Als Todesursache ist auf Karteikarten Hungerödem vermerkt. Auch eine Karteikarte zu dem russischen Unterleutnant und Zwangsarbeiter Jewgenij Jelkin wurde gefunden. Darauf ist vermerkt, erschossen am 7. Dezember 1944. Wahrscheinlich bei einem Fluchtversuch.

Ein besonders Ausstellungsstück in der Schau ist ein Gemälde des flämischen Malers Armand Dehondt. Es zeigt ein Stillleben mit rustikalen Lebensmitteln, wie gerade aus der Erde gezogenen Möhren und anderem Gemüse. Der Maler aus Belgien war als Zwangsarbeiter der Leiterin des Staatsweingutes Lößnitz, Franziska Stolingwa, aufgefallen und durfte offenbar nach dem Einsatz im Arbeitskommando auch malen, heißt es aus Überlieferungen. Das Gemälde ist ein Geschenk aus dem Nachlass von Franziska Stolingwa.

Auch ein Sandstein, vermutlich aus dem Weinberg unterhalb der Friedensburg, ist interessant. Russische Zwangsarbeiter haben hier in kyrillischen Buchstaben 1943 eine Inschrift hinterlassen.

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Die Ausstellung ist in drei Abschnitte gegliedert - Zwangsarbeit im Deutschen reich; 13,5 Millionen Menschen wurden dabei ausgebeutet. Zwangsarbeit in Sachsen und Zwangsarbeit in Radebeul. Die Dokumentation ist insofern auch wichtig, da es keine Zeitzeugen mehr gibt, sagt Andert. Vor etwa zehn Jahren habe er die Letzten gesprochen. Bis zum 5. September ist die Ausstellung zu sehen.

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