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Hauskauf wird zur Katastrophe

Nach langer Suche findet eine Familie die passende Immobilie in Riesa. Optisch ansprechend, entpuppen sich die Gebäude aber unter der Oberfläche als verfallen.

Haben nicht nur mit kaputten Dachbalken zu kämpfen: Daniela Lange (l.) und Schwager Marcel Rosenfeld (r.) wollten eigentlich noch dieses Jahr nach Altriesa ziehen. Doch das Haus, das sie mit ihren Familien gekauft haben, erwies sich als ruinös.
Haben nicht nur mit kaputten Dachbalken zu kämpfen: Daniela Lange (l.) und Schwager Marcel Rosenfeld (r.) wollten eigentlich noch dieses Jahr nach Altriesa ziehen. Doch das Haus, das sie mit ihren Familien gekauft haben, erwies sich als ruinös. © Eric Weser

Riesa. Es sei eigentlich ein Traumhaus gewesen, sagt Marcel Rosenfeld. Alles habe auf den ersten Blick super ausgesehen. Dass es sich nicht nur um ein Haus, sondern genau genommen um zwei Häuser auf einem Grundstück handelte, in dem zwei Familien zusammen und dennoch für sich wohnen können, schien das Ganze bei einem Preis von 70.000 Euro perfekt zu machen.

Nach so einem Objekt hatten Marcel Rosenfeld, seine Frau und die zwei Kinder, seine Schwägerin samt Sohn und die Schwiegermutter lange gesucht. In Altriesa hatte es die Familie aus Großenhain gefunden – in einer Art Kombi-Bau aus einem älteren Haus, Baujahr 1885, und einem etliche Jahrzehnte später errichteten Nachbargebäude.

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Das Glück der siebenköpfigen Sippe währte aber nur kurz. Denn die Traumimmobilien nahe dem Altmarkt entpuppten sich nach dem Kauf bei genauerem Hinsehen als ruinös.

Marcel Rosenfeld und seine Schwägerin Daniela Lange zeigen bei einem Rundgang die Schäden. Teils morsche, teils ganz entfernte Balken auf mehreren Etagen. Kaputtes Fachwerk. Nasse Wände. Dem Anschein nach die Folgen verpfuschter früherer Sanierungen.

Das denkmalgeschützte Gebäude Großenhainer Straße (graue Fassade) wirkt äußerlich intakt. Das zweite Haus liegt hinter dem Gebäude und ist nicht im Bild.
Das denkmalgeschützte Gebäude Großenhainer Straße (graue Fassade) wirkt äußerlich intakt. Das zweite Haus liegt hinter dem Gebäude und ist nicht im Bild. © Eric Weser

Bei den insgesamt drei Besichtigungen vorm Kauf habe man davon nichts gesehen, sagt Marcel Rosenfeld. Auch zwei Statiker seien vor Ort gewesen und hätten nichts bemerkt. Zum Vorschein sei alles erst nach dem Kauf gekommen, als ein Kollege gemeint habe, das Dach des älteren Hauses sehe von außen komisch aus und mache „einen Schlenker“. Daraufhin habe die Familie begonnen, hinter die Holzverkleidung des damals voll ausgebauten Dachbodens zu schauen. Die ersten Schäden traten zutage. Und es wurden immer mehr.

In mehrmonatiger Arbeit hat die Familie die zwei Häuser inzwischen quasi komplett entkernt. Tapeten, Trockenbauwände und Styropordämmungen sind entfernt, die Wände abgehackt, sodass das Mauerwerk atmen und trocknen kann. Im Baumarkt kennt man sie inzwischen, weil sie regelmäßig Werkzeugverschleißteile wie Meißel nachkaufen müssen, sagt Daniela Lange. Schwager Marcel Rosenfeld muss eine Sackkarre ersetzen, die gerade zu Bruch gegangen ist.

Die anfänglich ambitionierten Baupläne sind zwischenzeitlich längst über den Haufen geworfen. Eine Badewanne wird es nicht geben, auch keine Fußbodenheizung, das Dachgeschoss im alten Haus wird anders als geplant gar nicht ausgebaut, sagt Marcel Rosenfeld. Auch an den eigentlich für Dezember geplanten Einzug ist nicht zu denken. Mitte nächsten Jahres, hofft der Großenhainer, könnte es so weit sein.

Bis dahin müssen unter anderem die Hausdächer repariert werden. Allein das wird 60.000 Euro kosten und das Budget der Familie von noch 90.000 Euro zu großen Teilen aufbrauchen, sagt Marcel Rosenfeld. Werden die restlichen Arbeiten ausgeführt, um die Gebäude bewohnbar zu machen, steht ein Minus von 7.000 Euro zu Buche, so die Kalkulation des Elektrikers, der die Woche über Einkaufsmärkte in Bayern verdrahtet und vor allem am Wochenende mit Familie und Freunden im Haus baut. „So gesehen können wir also eigentlich nicht zu Ende bauen.“

Weil durch Corona Leistungsprämien bei ihm eingefroren sind, bei der Schwägerin Arbeitsstunden gekürzt wurden und sich der Kredit nicht mehr nachfinanzieren lässt, hat der Familienvater in den Sozialen Medien einen Hilferuf gestartet. 10.000 Euro Spenden sollen zusammenkommen und der Familie aus der finanziellen Patsche helfen. Rund 500 Euro sind bisher eingegangen. In den Sozialen Medien gab es teils auch harsche Kritik an der Spendenbitte. „Mir ist es eigentlich peinlich, um Geld zu betteln“, sagt Marcel Rosenfeld, der die Kommentare aus dem Netz kennt. Aber eine andere Chance sehe er nicht, so der 28-Jährige.

Den Hauskauf rückgängig zu machen, darüber hat die Familie nach eigenen Angaben auch mit einem Anwalt gesprochen. Der habe ihr aber keine großen Chancen eingeräumt. Der Verkäufer – ein Riesaer – habe das Haus vor wenigen Jahren geerbt, man werde ihm schwer nachweisen können, dass er von den Schäden gewusst hat.

Bitter für die junge Familie außerdem: Erst nach dem Kauf stellte sich heraus, dass das ältere der beiden Gebäude denkmalgeschützt ist. Die Denkmalbehörde stellt nun Anforderungen an die Bauherren – was zusätzliche Kosten verursacht. Die schrägen Dachfenster zum Beispiel müssen raus und stattdessen Gauben eingebaut werden. Die vergleichsweise günstigen Dachziegel, die Marcel Rosenfeld im Blick hatte, darf er nicht verwenden, weil sie zwei Zentimeter zu kurz sind. Auch für die Arbeiten im Haus hat das Amt einige Anforderungen. Marcel Rosenfeld hofft angesichts seiner Lage aber auf Kompromissbereitschaft der zuständigen Denkmalschützer.

Auch wenn es nach dem Kauf einen Rückschlag nach dem nächsten gegeben habe: Eine andere Chance, als nach vorn zu schauen, hat die Familie nach eigenem Bekunden nicht. Ein Verkauf der Gebäude sei keine Option, das Objekt sei wegen der Schäden kaum etwas wert. Ihre gesamte freie Zeit, ihr Geld und alle Kraft stecken die Großenhainer deshalb jetzt in die Sanierung der Gebäude. Wie eine Baudaer Familie eine Fernsehsendung zu rufen, um sich beim Bau helfen zu lassen, wollen sie nicht. Die Großenhainer möchten alles selbst in der Hand behalten – auch, weil das weniger kostet. Nur bei den Dächern werde man nicht um eine Fachfirma herumkommen, sagt Marcel Rosenfeld.

Ein Lichtblick sind für Marcel Rosenfeld zum Beispiel die Sandsteinmauern im alten Haus. „Das ist das einzige, was momentan wirklich Wert hat am Haus.“ Die Steine hat er freigelegt und abgeschliffen, sodass die Maserung zu sehen ist. Die Sandsteinwand soll einmal die künftige Wohnküche zieren.

Im Juni 2021 muss die Familie anfangen, ihren Kredit zu tilgen. Spätestens dann, wenn die finanzielle Belastung steigt, wollen sie ihre derzeitigen Mietwohnungen verlassen und nach Riesa umziehen. In ein Objekt, das dann hoffentlich bewohnbar und kein Alptraum mehr ist.

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