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Atommüll-Lager in Sachsen? "Eher unwahrscheinlich"

Wo soll Atommüll hin? Roland Sauerbrey, ehemaliger Direktor des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf, zur Frage, was für und was gegen Sachsen spricht.

Roland Sauerbrey, war viele Jahre Wissenschaftlicher Direktor des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) bei einem Interview 2014.
Roland Sauerbrey, war viele Jahre Wissenschaftlicher Direktor des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) bei einem Interview 2014. © Sven Ellger

Dresden. Straff wissenschaftlich soll der Standort für das deutsche Atommüll-Endlager ausgewählt werden. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung ist dafür zuständig. Ihr gegenüber gesetzt wurde jedoch das Nationale Begleitgremium. 18 Wissenschaftler und Bürger sind dabei. Sie kontrollieren den Auswahlprozess. Einer in diesem Kontroll-Team ist Roland Sauerbrey, langjähriger Wissenschaftlicher Direktor des Helmholtz-Zentrums Dresden Rossendorf. SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön sprach mit ihm über die schwierige Suche nach dem besten Platz.

Herr Sauerbrey, am Montag sind die ersten Empfehlungen für mögliche Standorte eines Atommüll-Endlagers bekanntgeworden. Haben Sie die 488 Seiten der Studie schon gelesen?

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Freilich, angesehen schon, aber um das im Detail zu lesen und zu bewerten, dafür brauche schon etwas mehr Zeit. Der Zwischenbericht zur Standortauswahl ist ja gerade mal ein paar Stunden alt.

Aber auf die Grafiken haben Sie sicher geschaut, wo die möglichen Gebiete eingezeichnet sind. Mehr als die Hälfte Deutschlands kommt in Betracht ...

... das hat mich ziemlich überrascht. Ich habe erwartet, dass kleinere Regionen benannt werden. Das wird nun aber erst in späteren Berichten weiter eingegrenzt.

Wonach haben die Gutachter geschaut, was hat für sie gezählt, was nicht?

Es ging ihnen hier erst einmal nur um die Gesteine. Sind die geeignet oder nicht.

Sachsen ist mit besonders vielen Gebieten dabei, wie kommt das?

Das sind eben diese Gesteine. Hier gibt es viel Kristallines Gestein, aber auch Tongestein. Beides ist erst einmal grundsätzlich für solch ein Endlager geeignet.

Was heißt hier grundsätzlich?

Das heißt, dass dieses Gestein grundsätzlich geeignet wäre, ohne den genauen Zustand, die Beschaffenheit dieses Gesteins vor Ort zu kennen.

Glauben Sie, dass das vernünftig ist, was die Kommission hier für Sachsen vorgestellt hat?

Jetzt geht es erst einmal um geologische Voraussetzungen. Für ein Endlager müssen aber noch viele weitere Bedingungen erfüllt sein. Kristallines Gestein ist ja nicht überall gleich, sondern hat in jeder Region seinen eigenen Charakter. Ob Sachsen bei dieser Überprüfung überhaupt noch infrage kommt, ist ein ganz anderes Ding.

Warum sind auf der Deutschlandkarte dann doch im Westen vor allem so große weiße Flächen, also schon jetzt zum ungeeigneten Terrain erklärt?

In Sachsen gibt es weder eine erhöhte Erdbebengefahr noch aktiven Vulkanismus. Auch nicht absehbar, wie andernorts in Deutschland schon.

Ist es nicht doch verwunderlich, dass jetzt Regionen in Sachsen genannt werden, die vor zehn Jahren noch als untauglich galten?

Es kann gut sein, dass diese Regionen im nächsten Schritt schon raus sind. Dann, wenn detaillierte Kriterien, weitere Details zur Struktur in die Auswahl mit einbezogen werden.

Wie geht es nun weiter? Was macht Ihre Kommission nun, was werden Sie tun?

Wir beurteilen nicht, ob dass, was hier vorliegt richtig oder falsch ist von den Ergebnissen her. Unsere Aufgabe im Nationalen Begleitgremium ist es, dass der ganze Entscheidungsprozess fair und nachvollziehbar geschieht. Dass die Bevölkerung daran teilnehmen kann.

Man wird ja wohl auch Fakten mal anzweifeln dürfen. Können Sie eigentlich auch eigene Studien in Auftrag geben, um das eine oder andere Detail zu hinterfragen?

Wir können dies machen. Und wir haben auch schon Studien bei Gutachtern in Auftrag gegeben.

Sie haben eine eigene Deutschlandkarte entwickelt?

Nein, das natürlich nicht. Aber wir haben ausreichend Stichproben gemacht, um zu sehen, ob im Auswahlverfahren alle Kriterien exakt eingehalten wurden.

Ihr ehemaliges Institut macht ja Forschungen, was die Ausbreitung radioaktiver Stoffe betrifft. Nutzen Sie dies?

Ja, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt. Dann, wenn die Frage steht, wie findet der Transport radioaktiver Elemente in einem ganz bestimmten Gestein statt. Dann kann Rossendorf wissenschaftliche Beiträge dazu liefern. Davon sind wir noch ein ganzes Stück weit entfernt.

Aus geologisch wissenschaftlicher Sicht, welches wären prinzipiell die besten Gesteine für ein Endlager, Granit, Gneis, Ton ...

... wohl am ehesten Ton, weil der selbst verschließend ist. Der Nachteil dabei, es ist bergbautechnisch schwierig. Damit fällt auch hier die Antwort nicht pauschal und eindeutig für oder gegen etwas aus.

Was geschieht als Nächstes?

Jetzt beginnt die oberirdische Bewertung. Da werden sicher ganz viele der Regionen wieder rausfallen. Die wenigen verbleibenden Gebiete werden dann auch unterirdisch im Detail erkundet.

Sie als Physiker der Extremmaterie, was halten Sie von dem Hokuspokus, heute auf eine Million Jahre in die Zukunft etwas entscheiden zu wollen?

Niemand kann eine Voraussage für eine Million Jahre machen. Wir können aber den nach heutigem Wissen sichersten Platz für den Atommüll finden.

Rossendorf hatte selbst einen Forschungsreaktor, der ist längst abgebaut. Wo befindet sich der radioaktive Müll jetzt? Kommt der auch in das Endlager?

Die Brennstäbe sind im Zwischenlager Ahaus. Und die kommen natürlich dann auch in das künftige Endlager.

Wer baut weltweit derzeit schon ein solches Endlager?

Die Finnen bauen so etwas im Kristallinen Gestein. Die Schweiz hat sich für einen Standort im Ton entschieden. Die Franzosen sind auch ziemlich weit mit der Standortsuche.

Wenn 2030 die Entscheidung für einen Standort fällt, wie lange dauert dann der Bau eines solchen Endlagers noch?

Man rechnet mit etwa noch einmal 20 Jahren, 2050 etwa.

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Welche Region in Sachsen wäre aus Ihrer Sicht mit dem derzeitigen Wissen der am besten geeignetste Platz?

Das kann ich nicht beurteilen, dafür bin ich zuwenig Geologe. Ich halte es am Schluss eher für unwahrscheinlich, dass der in Sachsen gefunden wird. Aber das ist meine ganz persönliche Meinung.

Interview: Stephan Schön

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