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Wie ein kleines Dorf an der Elbe Häuser anheben will

Ein Teil des Elbdorfes versinkt immer wieder im Hochwasser. Ein Amtsleiter will nicht länger auf Hilfe warten - und "was Verrücktes“ machen.

Olaf Lier, der Chef des Coswiger Ordnungsamtes, steigt in Brockwitz auf die Leiter und zeigt, wie weit die Häuser auf der Niederseite des Elbdorfes angehoben werden sollen.
Olaf Lier, der Chef des Coswiger Ordnungsamtes, steigt in Brockwitz auf die Leiter und zeigt, wie weit die Häuser auf der Niederseite des Elbdorfes angehoben werden sollen. © Matthias Schumann

Von Thomas Schade

Wilfried Bäßler winkt ab, wenn er gefragt wird, wann sein Haus denn endlich gehoben werde. „Hörn se off“, sagt der 92-Jährige vor seinem Grundstück im Coswiger Ortsteil Brockwitz. „Die woll’n hier alles zuschütten. Dabei könnten unsere Häuser doch auch auf Stelzen stehen.“ Da könnte man dann drunter was anpflanzen. Er wisse, wovon er rede, sagt Bäßler.

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Tatsächlich blickt der rüstige Senior auf ein langes Berufsleben als Grafiker, Designer und Architekt zurück und hat auch sonst viel erlebt. Er erzählt, wie er und seine Tochter Regina mit ihrem Hab und Gut immer wieder mal im Hochwasser der Elbe versinken. 2002 sei das gesamte Erdgeschoss vollgelaufen. Vieles aus seinem Arbeitsleben habe er verloren.

Der 92-jährige Wilfried Bäßler hat viele Elbefluten erlebt. Er hat nichts dagegen, wenn sein Haus gehoben wird.
Der 92-jährige Wilfried Bäßler hat viele Elbefluten erlebt. Er hat nichts dagegen, wenn sein Haus gehoben wird. © Matthias Schumann

So wie Bäßlers werden in dem kleinen Elbdorf zwei Dutzend Familien immer wieder von den Launen der Elbe getroffen. Seit fast 20 Jahren warten die Leute auf der Niederseite darauf, dass Hochwasserschutz für sie kein frommer Wunsch mehr ist. Droht ein Hochwasser, so stellt die Stadt ihnen derzeit Container vor die Grundstücke. Darin können sie ihr Hab und Gut in Sicherheit bringen. „Das kann es doch nicht gewesen sein“, sagt der 92-Jährige.

Dann wendet er sich an den lang aufgeschossenen Mann, der am Auto bei seiner Tochter steht und ruft: „Es geht wohl endlich los?“

Der Angesprochene ist Olaf Lier, Ordnungsbürgermeister der Stadt Coswig. „Unser Leuchtturm im Kampf gegen die Flut“, sagt Wilfried Bäßler mit schnippischem Humor. Ganz ernsthaft fügt er hinzu: „Wenn hier noch was wird, dann haben wir das ihm zu verdanken.“

Der 59-jährige Olaf Lier versucht seit mehr als zehn Jahren, die Familien der Niederseite von Brockritz vor dem Hochwasser zu schützen. Die Aufgabe, für die er eigentlich nicht zuständig ist, hat ihm inzwischen graue Haare beschert.

In der abgedunkelten Amtsstube im Coswiger Rathaus strahlt ein großer Monitor die Bilder einer Hochwasser-Geschichte in den Raum, die wohl ihres gleichen sucht in Sachsen. Dabei ist der Freistaat reich an Hochwasser-Geschichten. Mit Sörnewitz, Brockwitz und Köditz hat Coswig drei hochwassergefährdete Ortsteile. Brockwitz liegt der Elbe am Fernsten. Mehr als 700 Meter läuft man von der Niederseite bis zum Fluss. Dennoch bereitet Brockwitz die meisten Sorgen.

2015 hat Olaf Lier mit seinem Sohn ein Ortsmodell gebaut. Es zeigt, wie die Häuser nach der Hebung stehen.
2015 hat Olaf Lier mit seinem Sohn ein Ortsmodell gebaut. Es zeigt, wie die Häuser nach der Hebung stehen. © Matthias Schumann

Schon in der Jungsteinzeit hätten Menschen in der weiten Elbaue vor dem Meißner Spargebirge mit der Bosel gesiedelt. In grauer Vorzeit sei die Elbe nördlich an dem kleinen Gebirge vorbei geflossen und erst hinter Meißen in ihr heutiges Bett zurückgekehrt. Auf der Suche nach seinem endgültigen Bett habe der Fluss über die Jahrtausende fruchtbare Schwemmböden in der breiten Aue hinterlassen – auch bei Brockwitz, erklärt Lier. „Hier erhebt sich mittlerweile eine Insel.“ Die angeschwemmter Erde nehme dem Fluss den Raum. Riesige Mengen des Bodens müssten abgetragen werden, um der Elbe die ursprüngliche Fläche zurückzugeben, auf der sich das Hochwasser verteilen kann. Aber wie könne ein kleiner „Ortssheriff“ beseitigen, was die Elbe in Tausenden Jahren vor der Stadt abgelagert hat?

Ins Rathaus kämen die Leute zuerst. Und so fragten die Brockwitzer vom Niederdorf nach den Fluten 2020 und erst recht 2013 zunächst bei ihm, was aus ihnen werden soll. Der , erklärt: „Brockwitz stand auf der sächsischen Prioritätenliste des Hochwasserschutzes ganz weit hinten.“ Über Dämme, Mauern, Spundwände sei diskutiert worden. Das Fazit: alles zu teuer für 24 Häuser. Zudem würde ein Deich zu sehr in die Kulturlandschaft der Elbdörfer eingreifen. „Wir hatten keine guten Karten.“

Deshalb tat die Stadt, was sie tun konnte. Sie rüstete die Freiwillige Feuerwehr in Brockwitz zusätzlich mit einer Wasserwacht auf, stationierte im Ort ein Motorboot. „Damit kann ich den Leuten schnell helfen und evakuieren, aber eine Flut aufhalten, das kann ich damit nicht.“

Ein Ausweg eröffnete sich eher zufällig, als Liers Sohn Martin, Student für Stadtplanung in Leipzig, eine Notiz aus Delitzsch in der Zeitung las. In der nordsächsischen Stadt müssen Häuser bis zu zwei Meter angehoben werden, weil nach dem Ende des Braunkohleabbaus das Grundwasser ansteigt. „Wir sind nach Delitzsch gefahren, haben uns das angesehen und erfahren, dass es technologisch kein Problem ist, ein Haus um drei Meter anzuhaben“, erzählt Olaf Lier. Wenig später bauten Vater und Sohn in der guten Stube zu Hause ein Modell des Elbdorfes Brockwitz. Lier war überzeugt: Die Anhebung der Häuser auf der Niederseite müsse als Alternative zumindest in Betracht gezogen werden. „Wir mussten die Idee zweimal verkaufen, den betroffenen Leuten und den zuständigen Beamten.“ Dabei sollte das Ortsmodell helfen.

Die Leute staunten ungläubig, als die Liers ihr Modell im März 2015 vorstellten. „Wir hatten schon etwas Verrücktes vor“, erinnert sich Lier, „vielleicht hörte deshalb in der Verwaltung zunächst keiner zu.“ Bis auf einen: Thomas de Maiziere, seinerzeit Bundesinnenminister, zuvor auf mehreren Kabinettsstühlen in Dresden, auch während der großen Flut 2002. Brockwitz gehört zum Wahlkreis des fluterprobten Politprofis.

Olaf Lier verfolgt eine ungewöhnliche Idee, die er selbst „verrückt“ nennt.
Olaf Lier verfolgt eine ungewöhnliche Idee, die er selbst „verrückt“ nennt. © Matthias Schumann

Wenn einer wie der im Haushaltausschuss des Bundestages sagt, er habe da ein Projekt zum Hochwasserschutz, das angesichts des Klimawandels auch bundesweit von Bedeutung sein könnte, da habe man natürlich Chancen, meint Lier. De Maiziere stellte die Weichen für eine umfassende Studie mit dem abschreckenden Namen „HUeBro“. Zwei Jahre lang, von 2017 bis 2019, untersuchten fünf wissenschaftliche Institute, ob es möglich, sinnvoll und wirtschaftlich ist, fast 30 Gebäude der Niederseite von Brockwitz um bis zu drei Meter anzuheben, um sie vor Hochwasser zu schützen.

Das Ergebnis: Die Häuser zu heben, kostet nicht viel mehr als ein etwa 1.000 Meter langer Deich. Und es müsste sogar weniger in die Natur eingegriffen werden. Wenn das Gelände unter den angehobenen Häusern aufgefüllt würde, wäre der Hochwasserschutz quasi unsichtbar. Die Kirche, das Wahrzeichen des tausendjährigen Ortes bliebe sichtbar, Häuser, die vor 1870 erbaut wurden, blieben erhalten. Die Folgekosten eines Deichbaus entfielen.

In diesen zwei Jahren, so sagt Lier, seien Wasserbauer, Ökologen, Architekten, Statiker, Denkmalpfleger und Raumentwickler in Brockwitz gewesen. Die Niederseite und die Elbaue davor seien inzwischen die am besten erforschten Gebiete der Stadt. „Und weil wir in die Grundstücke mussten, sind wir auch mit den Leuten ins Gespräch gekommen.“ Workshops fanden statt und Bürgertreffen, bei denen die Betroffenen ihr Haus im Modell so bauen sollten, wie sie es sich nach der Hebung vorstellen. So seien Ängste und Bedenken bekanntgeworden. „Die Menschen müssen zwar während der Hebung ihre Häuser nicht verlassen, aber es bleibt ein beträchtlicher Eingriff in ihr Leben“, sagt Lier.

Mit langen Schritten ist er auf der Elbaue zwischen Brockwitz und dem Fluss unterwegs, zeigt die Erhebung, die er Insel nennt. Sie nehme der Elbe den Raum. Jetzt, im Sommer, verstecken sich landwärts die Häuser der Niederseite hinter den Baumkronen. „Später werden sie vom Fluss aus zu sehen sein und die Ansicht des Elbdorfes mit prägen.“ Die Scheunen der alten Gehöfte seien dann beste Lagen für Ferienwohnungen am Elbradweg. „Nach einem Ausbau haben alle einen unverbauten Blick auf den Fluss.“

Zurzeit sei es etwas still geworden um das verrückte Projekt, gibt Lier zu. „Wir haben derzeit 10,5 Millionen Euro von Bund und Land. Das reicht für das Heben der Häuser.“ Mit den neu gebauten Eigenheimen soll begonnen werden. Danach seien die älteren und denkmalgeschützten Häuser dran. „Aber wir müssen auch die Folgekosten für die Anpassung der Infrastruktur finanzieren.“ Das sei die aktuelle Aufgabe. Zudem müssten noch Hürden in einigen Ämtern überwunden werden.

Das Wichtigste aber sei, die Leute bei der Stange zu halten. Fast zehn Jahre sind ins Land gegangen. „Von Beginn an überwog die Zustimmung, aber die Leute werden älter, und einige fragen sich, ob man sich das noch antun muss.“

Lier hat Verständnis, wenn der 92-jährige Wilfried Bäßler abwinkt. Er weiß aber, dass die Familie dabei ist, wenn es losgeht.

In sieben Jahren muss das verrückte Projekt weitgehend abgeschlossen sein. „Dann endet die Fördermittelzusage“, erklärt der 59-Jährige. „Vielleicht schaffe ich es ja noch bis zur Rente.“

Weitere Teile der Serie:

  • 1. Was von den Elbeschiffern blieb: Ein Besuch im Traditionsverein „Fortuna“ in Postelwitz.
  • 2. Die Straßenmeister des Stromes. Unterwegs mit dem Peilboot des Wasserstraßenamtes Dresden.
  • 3. Ein Date mit „Waltraut“. Heiko Loroff über den Alberthafen im Wandel der Zeiten.
  • 4. Das kleine Elbedorf Brockwitz schützt sich vor Hochwasser - auf verrückte Weise.
  • 5. Goldschmiede vergangener Tage. Wie vom Ruderclub „Neptun“ 1882 Olympiasieger kamen.
  • 6. Im Biberhof bei Torgau. Warum Gottfried Kohlhase auch mit 85 Jahren noch für die Nager lebt.

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