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Mit Chauffeur zum SZ-Fahrradfest

Altenpfleger Lutz Dressler fährt Senioren aus Radebeul mit einem E-Bike-Tandem an die Elbe, in die Weinberge oder nimmt mit ihnen am SZ-Fahrradfest teil.

Von Timotheus Eimert
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Hannelore Besser und Altenpfleger Lutz Dressler werden am 29. August gemeinsam am SZ-Fahrradfest teilnehmen. Die Vorfreude ist beiden anzumerken.
Hannelore Besser und Altenpfleger Lutz Dressler werden am 29. August gemeinsam am SZ-Fahrradfest teilnehmen. Die Vorfreude ist beiden anzumerken. © Jürgen Lösel

Die Augen leuchten, als Hannelore Besser den Innenhof der K&S-Seniorenresidenz in Radebeul betritt und das rote Fahrrad sieht. Mit ihrem Rollator bewegt sich die 80-Jährige schnellen Schrittes auf die rechte Seite des Parallel-Tandems. Sie stellt die Gehhilfe beiseite und lässt sich in den Sitz fallen. „Und ich darf wirklich beim Fahrradfest teilnehmen?“, fragt sie sicherheitshalber noch einmal bei Altenpfleger Lutz Dressler nach. „Ja, wir werden gemeinsam an der Elbe entlang von Dresden nach Radebeul und wieder zurück radeln“, sagt Dressler, der sich mit einem entengelben Hemd und strahlend weißer Fliege extra in Schale geworfen hat.

„Der sieht eigentlich immer schick aus, wenn er uns Senioren durch Radebeul chauffiert“, erzählt Hannelore Besser, die voller Stolz das T-Shirt des diesjährigen SZ-Fahrradfestes trägt. „Er hat auch noch ein rotes und ein weißgestreiftes Hemd.“ Für Lutz Dressler gehört das einfach dazu. „Ich habe während meiner Zeit als Rikschafahrer in Dresden und Radebeul auch immer Anzug getragen“, erzählt der 35-Jährige, der seit eineinhalb Jahren in dem Radebeuler Seniorenheim arbeitet.

Wie er auf die Idee gekommen ist, Fahrradtouren für die Bewohner anzubieten? „Ich habe überlegt, wie die Bewohner wieder mehr von der Umgebung sehen, und da ich selbst gern Rad fahre, habe ich meiner Chefin die Anschaffung eines solchen Fahrrads vorgeschlagen“, erzählt er. Und die sei von der Idee begeistert gewesen. „Wir haben dann zunächst verschiedene Modelle getestet. Und schon bei den Testfahrten war zu merken, dass die Bewohner große Lust aufs Fahrradfahren haben.“

Auf drei Rädern und mit Motor

Deswegen habe man sich dann entschieden, ein eigenes, 10.000 Euro teures Parallel-Tandem anzuschaffen. Das spezielle, dreirädrige Gefährt ist besonders gut für Senioren geeignet. Denn wer nicht aktiv mitradeln kann oder möchte, stellt seine Füße einfach auf einer Plattform ab und genießt es, durch die Heimat chauffiert zu werden. „Das Fahrrad besitzt einen Motor, sodass ich als Fahrer weniger Kraft aufwenden muss und notfalls die Touren auch alleine gut bewältigen kann“, sagt Dressler.

Hannelore Besser war besonders begeistert von der Idee. „Ich bin schon als Kind gern mit dem Fahrrad gefahren.“, erzählt sie. Doch seit rund 30 Jahren habe sie das nun nicht mehr getan. Erst vor zwei Wochen kam sie wieder in den Genuss. Das Tandem musste aus Zwickau abgeholt werden und Lutz Dressler brauchte für die letzten Kilometer von Wilsdruff nach Radebeul noch einen Beifahrer oder eine Beifahrerin. „Ich habe sie am Abend vorher gefragt, und sie hat sofort Ja gesagt. Wir sind dann zunächst mit Straßenbahn und Bus nach Wilsdruff gefahren und am Abend mit dem Fahrrad wieder zurück nach Radebeul“, erzählt Dressler.

Schon das Fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sei für die Rentnerin sehr emotional gewesen. „Sie war vorher nicht mit Straßenbahn und Bus unterwegs“, erzählt der Altenpfleger. „Ich habe geweint“, gesteht Hannelore Besser, als sie von der Tour erzählt. „Wir sind am Stausee Cossebaude vorbeigefahren, und als ich dann die Weinberge gesehen habe, wurde ich emotional. Das war mein schönster Moment der letzten Jahre.“

50 Kilometer stehen am Sonntag an

Ihre nächste Rundfahrt wird nun die 32 Kilometer lange AOK-Plus-Tour am kommenden Sonntag sein. „Für uns sind es aber rund 50 Kilometer, weil wir von Radebeul erst zum Start nach Dresden fahren müssen und nach der Zieleinfahrt wieder zurück in die Seniorenresidenz“, sagt Dressler. „Ich hoffe, Sie sind gut trainiert und halten das durch.“ „Wenn Sie denken, dass Sie eine alte Frau erschrecken können, dann haben Sie sich geschnitten“, entgegnet Besser nicht ganz ernst gemeint. Mit ihren 80 Jahren mache sie gemeinsam mit einer Freundin noch regelmäßig Gymnastik. „Wir holen uns die Übungen von unserer Ergotherapeutin. Der Tag hier geht sehr schnell vorbei“, erzählt sie.

Doch Hannelore Besser ist eher die Ausnahme, berichtet Lutz Dressler. „Viele Bewohner sind während der Corona-Zeit vereinsamt, da sie keinen Besuch empfangen durften. Wer in einem Pflegeheim wohnt, kommt ohne die Hilfe der Familie und der Alltagsbegleiter nicht mehr wirklich heraus. Und selbst das beschränkt sich dann meist auf dieselbe Runde um das Haus.“

Genau das wollte Dressler durch das gemeinsame Fahrradfahren mit den Senioren ändern. „Die Bewohner sollen sehen, in welch schöner Umgebung sie leben. Und ich kann dadurch mein Hobby und die Arbeit verbinden“, sagt Dressler, der vor seiner Ausbildung zum Altenpfleger zehn Jahre hauptberuflich als Rikschataxifahrer in Dresden und Radebeul Touristen durch die Innenstadt chauffiert hat.

"Für mich ist jede Fahrradtour ein tolles Erlebnis"

Nun zeigt er den Senioren Schloss Wackerbarth, das Spitzhaus oder fährt mit ihnen auf dem Elberadweg. Für die Senioren seien das absolute Highlights. „Das Leuchten in den Augen zu sehen, dafür macht man es einfach gern“, sagt Dressler, der manchmal auch seine Freizeit für die Senioren opfert. „Ich freue mich, wenn sie nach dem Fahrradfahren glücklich sind, da biete ich gern auch nach meinem Feierabend noch Touren an.“ Zukünftig soll aber nicht nur Lutz Dressler den Chauffeur für die Senioren spielen.

Das Gefährt soll auch von Familienangehörigen und von den Ergotherapeuten für gemeinsame Ausfahrten mit den Bewohnern genutzt werden. „Ich bin gerade dabei, meine Kollegen einzuweisen.“ Die Bewohner würden sich freuen, wenn zukünftig weitere Rundfahrten angeboten werden. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schön das ist. Wir haben hier so viel schöne Natur, so viele schöne Ecken und all das noch einmal neu zu entdecken, hätte ich nie für möglich gehalten“, erzählt Hannelore Besser, während ihr erneut langsam Tränen durchs Gesicht kullern und sagt: „Ich bin sehr heimatverbunden. Für mich ist jede Fahrradtour ein tolles Erlebnis. Doch viele andere Menschen sitzen nur vorm Fernseher und haben vergessen, wie schön die Heimat sein kann.“

Bekanntes neu entdecken und auch zu unbekannten Orten in der Umgebung fahren – Hannelore Besser ist der Meinung, dass der Mensch solche Erlebnisse braucht. „Wir müssen etwas erleben, um zu leben“, sagt sie. Umso mehr freue sie sich nun aufs SZ-Fahrradfest. „In Dresden bin ich schon länger nicht mehr gewesen“, sagt sie.