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Sport

Warum Olympia für dieses Top-Talent zu früh kommt

Die Altenbergerin Jessica Degenhardt ist die mit Abstand weltbeste Junioren-Rodlerin. Überall käme sie für Olympia 2022 in Betracht, in Deutschland nicht.

Ihr Blick geht in die Zukunft, aber noch nicht zu Olympia: Die Altenbergerin Jessica Degenhardt will sich als weltbeste Junioren-Rodlerin etablieren.
Ihr Blick geht in die Zukunft, aber noch nicht zu Olympia: Die Altenbergerin Jessica Degenhardt will sich als weltbeste Junioren-Rodlerin etablieren. © Matthias Rietschel

Altenberg. Für Flausen im Kopf ist Jessica Degenhardt nicht zu haben. Dabei könnte die 19-jährige Rennrodlerin des RRC Altenberg von einem Olympiastart in Peking träumen – wenn sie nicht für Deutschland starten würde. Degenhardt gilt als Kronprinzessin der Rodlerinnen in schwarz-rot-gold. Die bestimmten in den vergangenen zwei Jahrzehnten jede internationale Meisterschaft, manchmal sogar nach Belieben. „Für die Zukunft“, sagt Bundestrainer Norbert Loch, „haben wir mit Jessica ein heißes Eisen im Feuer.“

Allerdings hat die Dresdnerin bereits in der Gegenwart auf sich aufmerksam gemacht – bei der deutschen Meisterschaft mischte sie die Frauenkonkurrenz ordentlich durch, empfahl sich als Dritte auf ihrer Hausbahn im Kohlgrund für höhere Aufgaben. Die jedoch bleiben ihr vorerst verwehrt. Bundestrainer Norbert Loch will das Talent behutsam aufbauen, Schritt für Schritt heranführen an die Weltspitze bei den Frauen. Degenhardt soll ihren Status als weltbeste Rodel-Juniorin zementieren. „Ich fahre noch mal die komplette Saison bei den Juniorinnen mit“, sagt sie und findet das vollkommen in Ordnung. Das beinhaltet – Stand jetzt – eine komplette Nachwuchs-Weltcup-Serie mit sechs Rennen und der anschließenden Junioren-WM Ende Januar in Winterberg.

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„Ich gucke, dass ich da wieder angreifen kann und mir vielleicht den Gesamt-Weltcup schnappe“, sagt sie. Den Abstand zur Frauen-Weltspitze will sie verringern, erklärt aber: „Ich habe nicht viele Möglichkeiten, um mich mit den Großen zu messen. Die deutsche Meisterschaft war da mein einziges Rennen.“ So war es zumindest bisher geplant.

Keine Rennen in Corona-Saison

Geheime Olympiaträume hegt die 1,80 Meter große Rodelhoffnung also noch nicht. Sagt sie. Offiziell zählt sie zum sogenannten „Perspektivkader“ direkt unterhalb der vier deutschen Top-Athletinnen. „Ich weiß, wo meine Schwächen liegen – an denen ich noch stark arbeiten muss. Am Start muss ich zulegen, der hat sich über den Sommer aber verbessert.“ Allerdings weiß die gebürtige Dresdnerin nicht wirklich, wo sie sich derzeit leistungsmäßig tatsächlich einordnen muss.

Was natürlich auch mit Corona zu tun hat. Die Vorsaison fiel für alle Rodel-Junioren weltweit ins Wasser. Degenhardt hat diese Zeit genutzt, um zu trainieren, Material zu testen, eine ansprechende Abiturnote (2,1) vorzulegen. „Wettkämpfe wären schön gewesen, ich habe das sehr vermisst. Deshalb bin ich froh, dass die Weltcup-Saison stattfinden soll. Ich fühle mich stärker als in den letzten Jahren. Sportlich, körperlich und mental fühle ich mich ziemlich wohl.“ Bei Athletik- und Starttests sei sie besser gewesen als je zuvor.

Die Doppel-Weltmeisterin der Juniorinnen von 2020 beginnt im Frühjahr 2022 eine Ausbildung in der Sportfördergruppe der Bundespolizei in Bad Endorf. „Das gibt mir die Freiheit, mich voll und ganz auf mich und meinen Sport zu fokussieren. Deshalb bin ich im Moment sehr entspannt, auf dem Schlitten sehr locker – und auch generell“, sagt sie und verweist auf die psychische Komponente ihrer bisherigen Doppelbelastung aus Schule und Hochleistungssport: „Ich habe jetzt nicht mehr so viele unterschiedliche Sachen im Kopf, muss nicht mehr hin- und herswitchen.“

Gelernt, Dinge anders zu betrachten

Die Aussage würde auch zu einer möglichen Doppelbelastung bei Rodel-Frauen und -Juniorinnen passen – bei entsprechender Risikobereitschaft der Bundestrainer. Die Ausgangswerte von Jessica Degenhardt gäben das sogar her. Die Sächsin hält das aber offenbar selbst für zu früh. „Ich habe in der vergangenen Saison auf nichts hingearbeitet, wenn man so will. Das hilft dabei, Dinge anders zu betrachten“, erklärt die 19-Jährige und berichtet über ihren Erkenntnisgewinn: „Ich habe während dieser Phase sehr zeitig verinnerlicht, dass ich nur für mich fahre. Das hat noch mal viel mit mir gemacht“, sagt Degenhardt, die in Altenberg von Steffen Sartor betreut wird.

Sie kann und will sich besinnen auf ihre erstaunlichen Fähigkeiten, die sie über kurz oder lang in die Weltspitze führen könnten. Davon ist man im Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) überzeugt. Doch die junge Altenbergerin selbst ist vorsichtig. „Sport ist so kurzlebig, das kann sich alles so schnell ändern“, sagt Degenhardt. Ihre ehemalige Klubkollegin Jessica Tiebel hat im März 2020 überraschend ihre Karriere beendet – mit 21 und als viermalige Junioren-Weltmeisterin.

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Degenhardt ist allerdings ein völlig anderer Typ. Und weiß zumindest schon, dass sie einige Geheimnisse für sich behalten kann. Die über ihr Material zum Beispiel, den Schlitten, die Kufen. „Es geht voran, man testet immer wieder. Ich habe einen Plan in meinem Kopf“, sagt sie und verrät damit nichts. Nur so viel: Dass man sagen könne, sie habe altes Material ein bisschen aufgehübscht. Punkt. „Die Materialfrage wird immer spezieller und geheimer, weil das nur Nuancen sind. Man versucht, da seinen Vorteil zu haben und vermeidet es, den anderen das unter die Nase zu reiben.“

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